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BLOG vom 15.08.2014


Jenseits der Unschuldsvermutung: László Csizsik-Csatáry
 
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/CH
 
László oder Ladislaus Csizsik-Csatáry, geboren am 4. März 1915 in Many, Kleingebiet Bicse (auch: Bise, Name eines kleinen Flusses), Österreich-Ungarn, verstarb am 10. August 2013 in einem Budapester Krankenhaus. Damit erlebte er, wie nicht wenige jahrzehntelang Beschuldigte betreffend Unrecht und Schande zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, eine in seinem Fall nicht ohne politische Hintergedanken angestrengte Aburteilung nicht mehr.
 
Für die ungarische Justiz und Politik war es nämlich wichtig, entgegen europaweiter Verdächtigungen, mit einem „antifaschistischen“ Zeichen gegenüber den westeuropäischen Nachbarn und den USA klar zu machen, dass das eigene umstrittene System nicht mit den einstigen „Horty-Faschisten“ zu verwechseln sei. Genannt nach dem sogenannten „Reichsverweser“ Miklós Horty. Diesbezügliche Beschimpfungen mussten sich 1956 in der Schweiz sogar Ungarn-Flüchtlinge anhören, etwa vom Gemeindepräsidenten von Neuhausen SH, dem ehemaligen Kommunisten Ernst Illi.
 
Heute ist Ungarn innerhalb der Europäischen Union das politisch umstrittenste Land. Die Vergangenheitspolitik ist in diesem Sinn ein Bestandteil der Innen- und Aussenpolitik. Dies erfasst auch Wladimir Putin, wenn auch im Vergleich zu Ungarns Victor Orbán nahezu gegenteilig. In Sachen Deutungsmonopol für den berüchtigten „Archipel GULAG“ will er sich von niemandem dreinreden lassen, wie die Säuberung des praktisch einzigen diesbezüglichen Museums in Perm durchscheinen lässt. In China herrscht hinsichtlich der Vergangenheitspolitik „Orwell“, das heisst eine Art Wahrheitsministerium. Hingegen bemüht man sich in Kambodscha, wenigstens in Einzelfällen betreffend eines der grössten Verbrechen aus der Epoche des Vietnamkriegs um verspätete Gerechtigkeit. Die bisherigen Urteile betreffen weit gewichtigere Persönlichkeiten als den genannten Csizsik-Csatáry. Einen solchen Mann nicht vergessen zu wollen, hat weder mit Antifaschismus zu tun noch mit Relativierung historischer Schandtaten.
 
Im April 1944 war Csatáry Kommandant der Königlich-Ungarischen Gendarmerie in Kaschau (heute: Košice, Slowakei). Er repräsentierte ein Beispiel dafür, welche gewaltige Verantwortung ein örtlicher Polizeikommandant auf sich nahm, indem er als Helfer von Adolf Eichmann um die 15 700 ghettoisierte Juden aus seinem Befehlsbereich in Richtung Auschwitz und andere Konzentrationslager loswerden wollte. „Loswerden“ war insofern eine Devise, als die Versorgung so vieler Menschen in einer Zeit, als selbst auf der Wohlstandsinsel Schweiz Nahrungsmittelrationierung herrschte, durchaus kein kleines Problem darstellte. Dabei wollte niemand, auch Csatáry nicht, genau wissen, was mit diesen Menschen passieren würde. Dass er es aber ahnte, scheint offensichtlich.
 
Wenn es stimmt, wie der ungarische Staatsanwalt hervorhob, dass Csatáry zu Deportierende mit einer Hundepeitsche in einen Waggon getrieben habe und auch das Herausschneiden von Lüftungsöffnungen bei den entsprechenden Viehwagen nicht geduldet habe, dann verdient dieser Mann keine Würdigung durch einen irgendwie ehrenvoll abgefassten Lebenslauf. Wenn man sich trotzdem mit ihm befasst, dann um der Opfer willen. Zwar sagte Napoleon: „Für die Kollektivverbrechen ist niemand haftbar.“ Dieses Denken war leider bis zum Zweiten Weltkrieg vorherrschend und auch danach noch anzutreffen. Immerhin wurden, im Gefolge der Nürnberger Prozesse, die Kollektivverbrechen mit nationalsozialistischem Hintergrund verfolgt, wenn auch einseitig und auch hier keineswegs konsequent. Immerhin stand Ladislaus Csatáry, der bereits 1948 in der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, im Jahre 2012 beim Simon Wiesenthal Center auf Platz eins einer Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. In diesen Rang konnte der ehemalige Polizeikommandant des damals ungarischen und heute slowakischen Kaschau allerdings nur gelangen, weil der allergrösste Teil der bluttriefenden „Konkurrenz“ entweder verurteilt oder – wie allzu viele – ohne einen halbwegs rechtmässigen Urteilsspruch längst mit Tod abgegangen war.
 
Wie auch immer, es scheint nicht richtig, den Namen Csatáry einfach der Vergessenheit anheimzugeben. Er war, wie zum Beispiel der Vater von Joseph Ratzinger, des späteren Papsts Benedikt XVI., einer von unzähligen Polizeikommandanten in der Zeit des Dritten Reiches. Allerdings hat ein Mann wie Ladislaus Csizsik-Csatáry eine für Nachgeborene kaum mehr vorstellbare fürchterliche Verantwortung auf sich geladen. Offen bleiben muss die Frage, wie sich andere an seiner Stelle verhalten hätten oder ob er, an seiner Stelle, überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, anders zu handeln, im Sinne des Freiheitsbegriffs von Pedro de Molina: „Handeln oder nicht handeln, so oder anders handeln, so handeln, dass auch das Gegenteil dieser Handlung möglich geworden wäre.“ Eines ist sicher: Es scheint ihn niemand gezwungen zu haben, bei seiner Arbeit eine Hundepeitsche einzusetzen. In diesem Sinn ist er wohl auch nicht, wie Heinrich Himmler 1943 in Posen behauptete, angesichts von Tausenden von Toten „dabei anständig geblieben“, was immer man unter SS-Verhältnissen als „anständig“ einschätzen mag.
 
Dass Csatáry, der sich jahrzehntelang in Kanada unter falschem Namen versteckt hatte, dort als Kunsthändler tätig gewesen war, nun in Ungarn aufgespürt wurde und ihm der Prozess gemacht werden sollte, hat paradoxerweise nur bedingt mit Gerechtigkeit zu tun. In erster Linie ging es um den Beweis, dass Ungarn, derzeit die rein politisch umstrittenste Nation der Europäischen Union, in Sachen Bekämpfung des Antisemitismus ernst macht und vor der Weltöffentlichkeit als nichtrassistische, antifaschistische und politische korrekte Nation dastehen möchte. Mit dem Prozess gegen einen 98-Jährigen, dem eine konkrete Mordtat nachzuweisen wohl nicht gerade leicht gewesen sein dürfte, hätte sich Ungarn mit Taten, die rund 70 Jahre zurückliegen, einen Persilschein für die Gegenwart ausstellen können. Dabei muss man sich klar sein, dass für Nazi-Verbrecher auch ein Alter von 105 oder 110 Jahren für angebliche Gerechtigkeit nicht zu hoch sein dürfte und dass diese Verbrechen, die an dieser Stelle in keiner Weise geleugnet oder relativiert werden, in der Mythologie der modernen westlichen Menschheit eine absolute Sonderstellung einnehmen. Dass dieser Mann vor Gericht gestellt werden musste, dafür gab es auch in Ungarn keine Alternative.
 
Trotzdem erinnert mich der Fall László Csizsik-Csatáry an einen bedeutenden Leserbrief, den vor rund 30 Jahren die deutsche Franziskanernonne und hervorragende Historikerin Schwester M. Lioba Schreyer aus Dillingen an der Donau an die Süddeutsche Zeitung gerichtet hatte. Schwester Lioba Schreyer, Diplomierte Gymnasiallehrerin, hatte wegen ihrer allzu grossen Kenntnisse und ihrer strikten Unbeeinflussbarkeit als meines Wissens einzige Dillinger Lehrschwester zur Zeit des Dritten Reiches Lehrverbot am Gymnasium. Vor rund drei Jahrzehnten veröffentlichte sie ein Standardwerk der süddeutschen Bildungsgeschichte, nämlich die Geschichte der Dillinger Franziskanerinnen, welche auf ihrer Dissertation aus dem Jahre 1931 basierte. Diese grundkluge, von einigen Katholiken nicht nur in Dillingen als „heiligmässig“ eingeschätzte Frau erinnerte in ihrem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung daran, dass hundertprozentige Gerechtigkeit auf Erden niemals erreichbar sei und die wahre und endgültige Gerechtigkeit dem Gericht Gottes überlassen werden müsse. Entscheidend bleibe, wer Herr über die Zeit sei. Für Schwester Lioba war dies derselbe Herr, der schon im 12. Jahrhundert als Herr über die Zeit verehrt wurde; nicht zu verwechseln mit dem Kaiser und auch nicht mit dem Papst, den damaligen höchsten Richtern über zeitliche Dinge.
 
Jesus Christus als Weltenrichter, an den Schwester Lioba noch geglaubt hatte, wurde im Denken Deutschlands schon zu Zeiten des Dichters Friedrich Schiller und des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel durch den Ausdruck „Das Gericht der Geschichte“ ersetzt. Es dürfte schwer sein, dass ein von der äusseren Erscheinung her schöner Greis wie Ladislaus Csizsik-Csatáry vor dem Gericht der Geschichte bestehen kann. Es bleibt aber nicht zu vergessen, dass auch die heutigen Generationen diese Probe bei weitem noch nicht bestanden haben.
 
Jenseits des üblichen Gegeneinanderausspielens der nationalsozialistischen und der kommunistischen Verbrechen, die vor und nach dem deutschen Historikerstreit gängig waren und sind, berichtete die Neue Zürcher Zeitung in einem ihrer besseren Beiträge zum Thema von der faktischen Schliessung des GULAG-Museums in Perm, zumal der Eliminierung der bisherigen Fachleute. Russland bzw. Putin scheinen nicht bereit zu sein, in der Art des hochpolitisierten Auschwitz, das von Alexander Solschenizyn ins Weltgedächtnis eingebrannte GULAG-Lagersystem mit mindestens 20 Millionen Opfern, via USA und dem Westen gegen die heutige Politik des Kremls instrumentalisieren zu lassen. Dagegen hätte sich wohl auch Putins früherer Anhänger Solschenizyn gewandt. Hingegen wäre er für das Verdrängen und Vergessen mit Sicherheit nicht zu gewinnen gewesen. Eine solche Praxis würde Russland früher oder später wieder einholen.
 
Wahr ist, sowohl in Russland wie auch in China, wo allein beim Grossen Sprung nach vorn in den späten 50er-Jahren und bei der Kulturrevolution mit rund 40 Millionen Opfern gerechnet wird, gab es Tausende, wenn nicht Zehntausende László oder Csizsik-Csatárys, ohne die das unmenschliche System nicht hätte funktionieren können und die wie der einstige Polizeikommandant von Košice keine Verurteilung erleben mussten, nicht mal eine Anklage oder wenigstens vorübergehende Festnahme. Hingegen wurden dieser Tage zwei Verantwortliche für die Massaker der Roten Khmer in Kambodscha abgeurteilt. Vom äusseren Eindruck her wirkt auch dieses neueste Urteil irgendwie hilflos, wiewohl einige wenige Aburteilungen immer noch besser scheinen als nichts.
 
Die Basis der Gerechtigkeit in solchen Fällen, das gilt schon auch für die Nürnberger Urteile, ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Aber immer noch vernünftiger als Zuchthaus für einen selektiv und zum Teil parteiisch erzählenden Historiker wie David Irwing. Mit vergleichbaren Unterdrückungsmassnahmen hätte wohl auch Karlheinz Deschner rechnen müssen, wäre in einigen Ländern der Welt die katholische Kirche noch so mächtig, wie es der Islam vielerorts immer noch ist. Das Nebeneinanderstellen verschiedener Unrechtssysteme hat übrigens nichts zu tun mit der vielbeschworenen Relativierung, etwa der Nazi-Verbrechen und deren Umfeld. Im Gegenteil. Die Reflexion derselben, auch des Falles Csizsik-Csatáry, sollte für das Unrecht auf der Welt flächendeckend sensibilisieren. Man soll sich, das kann man von Deschner lernen, der Schreckliches zum Beispiel über Kroatien berichtet hat, sogar auch von der Unschuldsvermutung nicht gleich einschüchtern lassen. Es gibt ein Ausmass kollektiver Verbrechen, dem gegenüber die Unschuldsvermutung unter einigen Gesichtspunkten einen schlicht grotesken Eindruck macht.
 
 
Hinweis auf weitere Biografien von Pirmin Meier
 
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