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BLOG vom 17.08.2014


Slawomir Mrozek – polnischer Anarch mit „Vergangenheit“
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/CH
 
So wie Carol Woityla, Papst Johannes Paul II., der wohl gläubigste Pole des 20. Jahrhunderts war, ist Slawomir Mrozek der genialische früh vollendete Dramatiker, der wohl ungläubigste. Beide waren tief mit der Stadt Krakau verbunden.
 
Das Drama des Glaubensverlustes muss bei Mrozek, anders als beim Protestanten Gottfried Keller, aber vielleicht vergleichbar mit dem ehemaligen Jesuitenschüler Karlheinz Deschner, auf eine starke innere Verletzung zurückzuführen sein. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sonst Mrozek als Jungkommunist in einem Leserbrief, wie diese sonst nur in der Tschechoslowakei zur Zeit der Slansky-Prozesse geschrieben wurden, in der Art eines Fanatikers die Hinrichtung dreier Priester gefordert hat. So etwas wäre Deschner, der nicht mal Tiere umbringen wollte, nie eingefallen; seine Abrechnung mit der Kirche erfolgte ausschliesslich mit geistigen Mitteln.
 
Wohl aufgrund dieser Vergangenheit wurde Mrozek für seine herausragende Begabung als Schriftsteller nur zurückhaltend mit Literaturpreisen geehrt und schon gar nicht mit dem Nobelpreis bedacht. Mit seinen Stücken konnte ich vor Jahrzehnten mehr anfangen als mit den manchmal doch stark ideologischen von Bertolt Brecht, welch letzterer sich im Moskauer Exil bezüglich Hinrichtung von Kommunisten äusserst opportunistisch verhalten hat, diese rechtfertigte, aber in keinem Fall solche per Leserbrief gefordert hätte. Zu einem Zeitpunkt in meinem Leben, da ich als Student mit meiner frisch angetrauten Gattin aufgrund einer läppischen Anzeige mit einem von vier Polizisten ausgeführten Haussuchungsbefehl beglückt wurde (der Staatsanwalt entschuldigte sich ein Jahr später dafür und liess eine Genugtuungszahlung ausrichten), tröstete ich mich mit der Lektüre von Franz Kafka und Mrozeks wohl bestem Stück: „Die Polizei“.
 
Seit ein paar Jahren darf ich an der Polizeischule Hitzkirch LU staatskundliche Lektionen erteilen, so dass ich dieses frühe Trauma nun endlich als weggesteckt betrachten kann. Missgriffe des Rechtsstaates haben in der Schweiz normalerweise weniger schlimme Konsequenzen als anderswo.
 
Zurück zu Slawomir Mrozek. Ein Jahr nach dem Tode eines bedeutenden Autors stellt sich die Frage, ob er nun der Vergessenheit anheimfalle oder nicht. Ich vermute eher nicht. Geboren am 29. Juni 1930 in Borzecin bei Krakau in Polen, verstorben am 15. August 2013 in Nizza, Frankreich, galt er in den sechziger Jahren nebst Eugène Ionesco als einer der bedeutendsten Repräsentanten des absurden Theaters. Das Format von Ionesco scheint Mrozek aber dann doch nicht erreicht zu haben.
 
Mit Recht bekannt bleibt sein Stück „Die Polizei“, welches angesichts von „Unterbeschäftigung“ einer Behörde zeigt, wie diese sich selbst vernichten muss. Das Stück galt, wie auch „Tango“, als eine Parabel auf den totalitären Staat. Zugleich deutet es an, dass sich Mrozek vom Kommunisten zum „Anarchen“, ich sage nicht „Anarchisten“, gewandelt zu haben scheint. Ein weiteres Hauptwerk, oft aufgeführt und beim Diogenes-Verlag greifbar, heisst „Striptease“. Auch auf dem Gebiet der satirischen Erzählung hat sich Mrozek stark hervorgetan. 1968 entschloss er sich, angesichts der Beteiligung seines Heimatlandes Polen an der Niederschlagung des Prager Frühlings, in Paris ins Exil zu gehen. Hier blieb er weiterhin als Dramatiker aktiv, erreichte aber nicht mehr das Renommee seiner früheren in Polen abgefassten Stücke.
 
Ulrich Schmied schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung über Mrozek: „1996 kehrte Mrozek nach 33 Auslandjahren in seine Heimatstadt Krakau zurück. Der äussere Anlass war eine Operation, die leicht hätte tödlich enden können. Seinen Entschluss kommentierte der Altmeister der Satire mit den Worten: ‚Es ist das erste Mal, dass ich alt werde, und ich möchte die entsprechenden Erfahrungen in einer vertrauten Umgebung sammeln.'“
 
Das späte Bedürfnis nach Geborgenheit rührte wohl nicht zuletzt daher, dass sich Mrozek nie gemütlich im Leben eingerichtet hatte, sondern immer für den Puls seiner Zeit hellhörig blieb. Allerdings liess ihn auch das Alter nicht in Ruhe: 2002 erlitt Mrozek einen Gehirnschlag, der eine Aphasie nach sich zog. In mühseliger Kleinarbeit erkämpfte er sich die verlorene Sprache zurück. Im Lauf seines zweiten Spracherwerbs fand er auch einen neuen Namen für sich selbst: Balthasar.
 
Als Teil der Logotherapie entstand eine bemerkenswerte Autobiografie. Darin schildert Balthasar sein früheres Leben, das er unter dem Namen Slawomir Mrozek geführt hatte. Erst mit dem Wiederfinden der Sprache kam Mrozek endgültig in seiner Heimat an: „An Freiheit gewöhnt und bei vollen Kräften konnte ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Polen meine Bestimmung war. Jetzt aber kann ich nur auf Polnisch sprechen und schreiben – und fühle mich dabei so erleichtert wie jemand, der nach einer langen Wanderung heimgekehrt ist?"
Mit Mrozek verliert die polnische Literatur gleich zwei Autoritäten: den scharfen Analytiker der osteuropäischen Nachkriegsgeschichte und den erfolgreichen Bühnenautor, der aufgrund seines unverwechselbaren Stils bereits zum modernen Klassiker geworden ist.
 
Mrozek errang insgesamt nur zwei bedeutende Literaturpreise, so immerhin den Kafka-Preis der Stadt Klosterneuburg, der nur sehr bedeutenden Autoren wie Peter Handke, Elias Canetti, Herta Müller usw. vorbehalten blieb. Für den Nobelpreis reichte es ihm vielleicht auch deswegen nicht, weil er im Alter von 23 Jahren in einem Leserbrief voller Fanatismus die Hinrichtung von drei polnischen Priestern befürwortete, Ausdruck von finsterster stalinistischer Verblendung, gemäss Neuer Zürcher Zeitung aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen.
 
Wenn man indessen bedenkt, wie wegen vergleichsweise oft bloss opportunistischer Anpassung an das Nazi-Regime eine Grosszahl deutschsprachiger Schriftsteller aus der Literaturgeschichtsschreibung quasi eliminiert wurde, muss dies nicht entschuldigt werden, wiewohl die literarische Gesamtleistung von Mrozek imponierend bleibt. Nach der ersten Lektüre seiner Werke in der Suhrkamp-Reihe „Spectaculum“ in den sechziger Jahren muss ich allerdings gestehen, dass die Laufbahn dieses genialischen Typus nicht so weiterging, wie ich es erwartet hätte. Das späte autobiographische Werk, in dem allerdings die Frage nach der Schuld von früher offensichtlich ausgeklammert ist, scheint über all das trotzdem lesenswert zu sein.
 
Der Mann, der sich für die Hinrichtung von drei Priestern stark gemacht hat, wurde am Tag geboren, St. Peter und Paul (29. Juni), da in Polen jeweils zahlreiche Priester geweiht wurden, und er starb ebenfalls an einem hochheiligen katholischen Feiertag, Mariä Himmelfahrt.
 
 
Hinweis aus weitere Biografien von Pirmin Meier
 
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