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BLOG vom 03.10.2014


In der Ravennaschlucht: Über Brücken, Leitern und Stege
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
 
1796 war ein französisches Revolutionsheer unter Führung von General Jean Victor Marie Moreau (1763‒1813), von Bayern kommend, auf dem Rückzug. Das Heer mit vielen Tausend Soldaten wurde durch das Höllental geführt. Damals war das eine logistische Meisterleistung. Es gab nämlich nur schmale Wege. Die Durchquerung muss „höllisch“ gewesen sein. Zur Erinnerung an die erlebten Strapazen sprachen die Soldaten vom „val d’enfer“, dem „Tal der Hölle“. Im Tal gab es durch die Naturgewalten (Unwetter, Hochwasser, Felsstürze) immer wieder Bedrohungen für die Reisenden. Auch Johann Wolfgang von Goethe, der 1779 durch das Tal reiste, war beeindruckt.
 
Lange Zeit war die Fahrt durch das Höllental nur mit der Postkutsche möglich. So wurde einmal ein Postkutscher gefragt, wie lange die Fahrt dauere. Er antwortete: „Wenn nichts reisst und bricht, können wir wohl in 2 Stunden da sein, ausser der Herr wünsche, unterwegs einige Male einzukehren.“ Von Hektik keine Spur! Unser Dichterfürst Goethe reiste wohl mit der eigenen Kutsche. Er war ja im Besitz eines prächtigen Gefährts. Die Kutsche sah ich übrigens im Goethehaus in Weimar.
 
Heute kann man das Höllental durch die gut ausgebaute, aber kurvenreiche B 31 mit dem Auto bequem durchfahren. Das etwa 9 km lange Tal befindet sich im Naturpark Südschwarzwald, etwa 18 km von Freiburg im Breisgau zwischen Hinterzarten und Buchenbach-Himmelreich.
 
Seit 1887 fährt die Eisenbahn durch das Höllental. Es ist die steilste Bahnstrecke Deutschlands. Die Strecke steigt von 268 m ü. NN in Freiburg auf 885  m ü. NN in Hinterzarten. Die Streckenlänge beträgt 25.4 km.
 
Sie werden sich fragen, wieso kommt der Blogger gerade jetzt auf das Tal der Hölle? Nun, wir planten schon lange eine Wanderung in die Ravennaschlucht, ein schmales Seitental des Höllentals.
 
Am 27.09.2014 war es soweit. Wir fuhren mit dem Auto über den Feldberg, an Titisee und Hinterzarten vorbei und erreichten Höllsteig und parkierten beim Hofgut Sternen. Von dort aus ist es nicht mehr weit in die Ravennaschlucht.
 
Das Hofgut Sternen (frühere Bezeichnung „Wirtshaus unter der Steig“) ist ein Ort voller Geschichte und Tradition. Hier waren schon etliche Prominente wie Marie-Antoinette, Tochter der Kaiserin Maria-Theresia (Mai 1770), Johann Wolfgang von Goethe und der französische Kaiser Napoleon III. zu Gast. Wir Wanderer, 6 an der Zahl, waren nun ebenfalls hier.
 
Marie-Antoinette, die den französischen König Ludwig XVI. heiraten sollte, reiste mit 21 Karossen, 36 Wagen und 450 Pferden an. Es muss für die Bevölkerung ein grossartiges Schauspiel gewesen sein.
 
Heute befindet sich hier das „Best Western Hotel“, Hofgut Sternen (www.hofgut-sternen.de). Der Urlauber kann sich kulinarisch verwöhnen lassen. Übernachtungen in Zimmern und Suiten sind im Angebot. Wer im Goethe-Haus nächtigen möchte, kann sein Nachtlager in der Kutscherkammer, im Kaufmannszimmer oder im Goethe-Deluxe-Zimmer aufschlagen.
 
Im Hof vor dem Hotel erblickten wir einen Wegweiser mit vielen Tafeln. Auf einer Tafel stand die Entfernung nach Mumbay mit 6591 km (Sydney 16 600 km, New York 6272 km, Los Angeles 9465 km). Als ich Rolf Hess die Entfernung nach Mumbay mitteilte und ein Foto des Wegweisers zusandte, überprüfte er die Kilometerangabe. Er schrieb mir in einer E-Mail am 28.09.2014 dies: „Hier ist die Überraschung des Tages … Nachdem ich schon längst nicht mehr alles glaube, was ich sehe und lese, habe ich Google Earth eingestellt, um die Distanz von der Ravennaschlucht nach Mumbay zu messen. Es sind 6585 km. Kaum zu fassen.“
Die Angabe stimmt, auf wenige Kilometer genau. Somit wurden wir nicht verkohlt.
 
In die wildromantische Schlucht
Vom Hofgut Sternen gingen wir auf dem markierten Wanderweg (gleichzeitig „Heimatpfad Hochschwarzwald“) unter der imposanten, 36 m hohen und 224 m langen Ravennabrücke in die Schlucht. Eine andere Wegstrecke führt den Wanderer vom Kurhaus Hinterzarten in die Ravennaschlucht. Unser Wanderführer Toni von Lörrach hatte sich jedoch für den Wanderweg, vom Hofgut Sternen ausgehend, entschieden.
 
Noch einige Bemerkungen zur Brücke. Der Steinbogenbau von 1926/27 ersetzte die alte im Bogen verlaufende Stahlkonstruktion, die auf 3 Natursteinpfeilern 30 Meter weiter talaufwärts die Ravenna überbrückte. Während des Zweiten Weltkriegs war die Brücke Ziel vieler Luftangriffe. Kurz vor Kriegende wurden die 3 Mittelpfeiler von deutschen Truppen gesprengt. Der Wiederaufbau erfolgte 1947/48.
 
Die Ravennaschlucht hat nichts mit der Stadt Ravenna bzw. Provinz Ravenna in der Region Emilia-Romagna in Italien zu tun. Es gibt allerdings eine nette Legende. Darnach soll es eine Prinzessin aus Ravenna in diese Klamm verschlagen haben.
 
Dazu Prof. Konrad Kunze, Experte für Namenskunde aus Titisee-Neustadt (Verfasser des Werkes „dtv-Atlas Namenskunde“) in einem Interview: „Ravenna ist einer der umstrittensten Namen überhaupt im Schwarzwald. Auf jeden Fall hat es nichts mit Ravenna zu tun. Es ist vermutlich ein galloromanisches Reliktwort. Unter Galloromanen versteht man die Bevölkerung, die hier in den ersten 2 nachchristlichen Jahrhunderten unter römischer Herrschaft lebte, also Kelten und Römer gemischt, die galloromanisch sprachen. Als die Alemannen eingewandert sind, um das Jahr 260 nach Christus, haben sich die schon ansässigen Galloromanen in die Schwarzwaldtäler zurückgezogen und viele galloromanische Namen hinterlassen. Dazu gehört wahrscheinlich auch die Ravennaschlucht.“
 
Wir folgen dem grünen Punkt und den Lehrtafeln des Heimatpfads und waren überwältigt von der wildromantischen Schlucht. Es ging über Brücken, Stege und Leitern. An manchen Stellen ist die Schlucht so eng, dass man nur auf steilen Holzstegen an den Felswänden hinaufsteigen konnte. Nach Steilstrecken kommen auch flachere Wege. Einmal stürzte das Wasser des Bachs über einen Wasserfall ins Tal; an deren Stelle floss der Bach gemächlich dahin. In der Schlucht gibt es 2 Wasserfälle, einen grösseren mit 16 m und einen kleineren mit 6 m Fallhöhe. Immer wieder sahen wir umgestürzte Bäume an den Hängen und über den Bach.
 
Alte Mühle in der Schlucht
Inmitten der Schlucht steht die restaurierte Getreidemühle des Grossjockenhofs. Die Mühle wurde 1883 von Josef Böhringer in Betrieb gesetzt. In dieser Mühle wurden das Mehl zum Brotbacken sowie Schrot und Futterkleie hergestellt. Über einen Seiltrieb wurden bis 1941 auf dem 200 m entfernten Grossjockenhof Maschinen angetrieben. Das alte Mahlwerk ist noch erhalten und wird gelegentlich von den Hofleuten für Demonstrationszwecke in Betrieb gesetzt. Das Mühlengebäude wurde 1977 durch eine Initiative des Schwarzwaldvereins, Ortsgruppe Hinterzarten, renoviert.
 
In der Schlucht gab es noch vieles zu sehen, so das Walzenvollgatter für gewerbliche Sägereien, dann das Widerlager der ersten Eisenbahnbrücke. Auf einer Tafel konnten wir lesen, dass die Züge mit einer Achslast von 14 Tonnen bei der Überfahrt eine Geschwindigkeit von 15  km/h hatten. Erst später wurde eine neue Brücke gebaut und durch die Verwendung schwererer Loks konnten höhere Geschwindigkeiten erreicht werden.
 
Piketfelsen und ein Zollhaus
Nach etwa 1 Stunde erreichten wir das Ende der Schlucht. Aber unsere Wanderung war noch nicht zu Ende. Wir bogen nach links ab und es ging steil bergauf durch einen Fichtenwald in Richtung Piketfelsen. Der Weg ist mit einer rotweissen Raute markiert. Bevor wir diesen erreichten, sahen wir auf Breitnau (1018 m ü. NN) hinunter.
 
Von diesem Aussichtspunkt hatten wir einen fantastischen Blick auf das 400 m tiefe Höllental und das Feldbergmassiv. Nur eines störte uns: Wir hörten von der unten stark befahrenen B 31 den Lärmpegel, der uns überall begleitete.
 
Nach einer Ruhepause auf einer Bank wanderten wir nicht nach Neuhof, sondern in den Talgrund hinab in Richtung Höllstein‒Ravennaschlucht. Nach etwa 2 ¾ Stunden erreichten wir wieder unseren Ausgangspunkt im Hofgut Sternen.
 
Wir besichtigten noch das historische Zollhaus. Das Gebäude wurde vom Verein Heimatpfad Hochschwarzwald e. V. nach historischen Unterlagen von Zollstationen des 18. Jahrhunderts neu errichtet.
 
Früher waren die Sternenwirte beamtete Zöllner und Salzfaktoren. Auf einer Tafel las ich u. a. dies: „Ihnen oblag auch die Überwachung des Talwegs und der ̦Steige’. Sie beschäftigten die erforderlichen Strassenwarte und sonstigen Arbeitskräfte und unterhielten eine umfangreiche Stallung von Vorspannpferden. An dem Ertrag der Zolleinnahmen waren neben der Regierung und Grundherrschaft auch die Sternenwirte als Zolleinnehmer beteiligt.“
 
Kuckucksnest
Auf dem Hofgut befindet sich ein „Kuckucksnest“. Es ist ein Haus mit einer grossen Uhr auf der Frontseite. Im Kuckucksnest ist ein Verkaufsshop eingerichtet. Hier findet man schöne, von Hand geschnitzte Kuckucksuhren und andere Qualitätsprodukte zum Kauf. Die Besucher erfahren hier vieles über die Herstellung dieser Uhren. So wird berichtet, dass zu 90 % aller Bauteile aus dem Schwarzwald kommen. In einem anderen Gebäude ist eine Glasbläserei. Die beiden Glaskünstler lassen mit viel Geschick Schalen, Vasen, Schmuckstücke, Anhänger, Goethe-Barometer und Glasfiguren entstehen.
 
Nach dieser sehr schönen Tour fuhren wir über Titisee, Bärental zum Feldbergpass und schlossen den Tag im „Berggasthaus Menzenschwander-Hütte“ (Ruhetag Mittwoch und Donnerstag) bei einem sehr guten Mahl ab. Auf einer Schiefertafel entdeckte ich 2 Sprüche, die mit Kreide aufgemalt waren. Diese gebe ich hier wieder:
 
„Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd, am Feldberg ist das umgekehrt.“
„Wenn die Kuh am Himmel schwirrt, hat sich die Natur geirrt.“
 
Nun, wir hielten uns mit dem Trinken sehr zurück, wie immer. Und so konnten wir im nicht angeheiterten Zustand auch keine Kuh herumfliegen sehen.
 
 
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