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BLOG vom 07.12.2014


Barockmusik mit Capriccio: Finsternis, Lust und Fröhlichkeit
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Die Barockmusik, zwischen Renaissance und Wiener Klassik entstanden, ist voller überraschender Einfälle und auf eine starke Wirkung ausgerichtet, entstanden im Zeitalter des Überschwangs. Sie gilt als ein „Superlativ des Bizarren“, wie es in der französischen Enzyklopädie von 1758 hiess. Die damals wahrscheinlich als experimentell empfundene Musik drückt Gegensätze und Spannungen aus, hält sich kaum an Konventionen. Immer wieder schwingen sich Instrumente empor, welche die Oberstimme für sich beanspruchen, die von einer Harmonik mit Eigenwert unterbaut ist. Solch ein Konzert, das Lust und Freude bereitete, gab das 1991 gegründete Aargauer „Capriccio Barock Orchester“ mit Musikern aus aller Welt unter der Leitung von Dominik Kiefer, Violinist, am 02.12.2014. Zu dem stil- und gehaltvollen Anlass hatte die Grossbank UBS (Region Aargau/Solothurn) Kunden in die Aarauer Stadtkirche eingeladen, auf deren Stühlen sich schätzungsweise 250 Personen niederliessen. Wenn schon im Bereich der Bankzinsen die Musik nicht mehr spielt, dann soll sie es eben anderweitig umso intensiver tun.
 
Die reformierte, dreischiffige Aarauer Stadtkirche, eine schlichte, spätgotische Pfeilerbasilika mit ausgezeichneter Akustik, trat in keinen Wettbewerb mit dem musikalischen Farbenbouquet ein, sondern sie bildete einen angenehmen zurückhaltenden Rahmen ohne Klimbim aus der Requisitenkiste. Der Anlass verhalf zu einer kurzen Auszeit aus der Alltagshektik, von der UBS-Regionaldirektor Thomas Sommerhalder in seinen Begrüssungsworten sprach. Es sollte eine Zeit sein, in der man Zeit fand, über die Zeit nachzudenken. Unter dem Motto Capriccio geschah dies auf leichtfüssige, spielerische, ja scherzhafte Weise. Und die Capriccio-Devise wurde Wahrheit: „Musik bringt Aargauer Baudenkmäler zum Klingen.“
 
Bald zogen die Musik und die alten Instrumente-Raritäten das Publikum in ihren Bann. Die 12 Musiker, ihre Instrumente wie auch die barocken Kompositionen wurden von Dominik Kiefer vorgestellt, und den Instrumenten wurden kurze Kostproben entlockt: den Violinen (Dominik Kiefer; Petra Melicharek, Eva Noth), der Viola oder Bratsche (Daila Dambrauska), dem Violoncello oder Barockcello mit dem schrägen, langen Hals (Ilze Grudule), den Blockflöten (Amy Power), der Traversflöte (Karel Valter), der Oboen (Dominik Melicharek; Amy Power), dem Barockfagott (Rainer Johannsen; Julia Marion), der Theorbe mit ihrem kurzen und langen Hals sowie der Mandoline (Mirko Arnone) und dem Cembalo (Yves Bilger).
 
Das über einstündige, opulente Potpourri begann mit „Air“ (Menuet und Chanconne aus „Atys“ von Jean Baptiste Lully (1632‒1687), dem Hofkomponisten im Schloss Versailles: leicht und tänzerisch. Sodann liess Antonio Vivaldi (1687‒1741) den Frühling aufleben: „La Primavera“. „Il Gardellino“, der Distelfink, zwitscherte im nachfolgenden, gleichnamigen Konzert, und zu Stimmungsschwankungen trugen die Konzerte für Fagott a-Moll und Mandoline C-Dur bei.
 
Den Übergang zu Johann Sebastian Bach (1685‒1750) baute die 3. Suite D-Dur mit Air und Gaviotte, gefolgt vom 5. Brandenburgischen Konzert D-Dur, in dem Violinen und Viola auch solistisch zur Geltung gebracht werden und die Saiteninstrumente auf den Tonleitern herumklettern dürfen. Dann war Georg Philipp Telemann (1681‒1767) mit dem Bratschenkonzert (Konzert für Viola G-Dur) und dem Konzert für Blockflöte und Traversflöte an der Reihe.
 
Mit der Polonaise (Menuet und Badinerie aus der 2. Suite h-Moll) kam nochmals Bach zum Sprudeln, wobei der Bass hier die Melodie spielt, eine Rarität.
 
Auf Leonardo Leo (1694‒1744) geht das Konzert für Violoncello c-Moll mit dem singenden Barockcello zurück. Den Abschluss, zum Feuerwerk aufsteigend, bildeten Vivaldis Konzert „L’Inverno“, Benedetto Mercellos (1686‒1939) Konzert für Oboe d-Moll und Georg Friedrich Händels (1685‒1759) „La Paix“ (Frieden) und „La Réjouissance“ (Fröhlichkeit) aus der „Feuerwerksmusik“, Musik gewordene Pyrotechnik ohne Rauchschwaden.
 
Die perfekte Darbietung erinnerte an einen kontrollierten musikalischen Bergsturz aus kleinen und schweren Brocken, der das Publikum in seiner Fülle beinahe unter sich begrub und es, als alles überlebt war, zu einem anhaltenden Applaus veranlasste. Die Musiker hatten filigrane Feinarbeit geleistet.
 
Rückkehr auf den feuchten Boden: Auf dem Aarauer Kirchplatz hatte gegen 20 Uhr der Nieselregen aufgehört. Und dort gab es ein Vesper aus Bratwürstchen in einem aufgeschnittenen Brötchen und warme Getränke wie ein Punsch, aus dem der Alkohol vom Arrak oder Rum in den hochnebligen Himmel verdunstet war und dort oben für eine ebenso lockerere Stimmung gesorgt haben mag, so wie sie sich auf dem Kirchplatz ausbreitete. Bis einem kalte Füsse zur Heimkehr und damit zu einer anderen Bank, zur Ofenbank nämlich, verführten.
 
 
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