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BLOG vom 05.02.2015


Unerfülltes Verliebtsein. Liebe ist (k)ein seltsames Spiel
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Das Thema der unerfüllten Verliebtheit oder Liebe durchzieht die Weltliteratur über die Jahrhunderte hinweg.
 
Die Minnesänger beschwören sie: In deutschen Landen besingt Heinrich von Veldeke (im Jahr 1184) in einem Minnelied seine „ferne Geliebte, die ihm all über den Rhein, wo sein Leib ferne im Elend (in der Fremde) sei, den Mut erheitere“, und in einem anderen in seiner „Eneit,“ in einem Fragespiel zwischen Mutter und Tochter, tauchte die Frage auf, was sie denn sei, die Minne: 
Tochter: dorch got wer ist diu Minne?
Mutter: si ist von aneginne (Anbeginn)
Gewaldich uber die werlt (Welt) al,
und immer mêre wesen sal,
unz an den jungesten tach,
daz ir nieman ne mach
neheine wîs widerstân:
wande sie is sô getân,
daz man ne hôret noch ensiht. 
Ja, die Liebe ist eine „Himmelsmacht“, die den Menschen überkommt, ohne dass er sich wehren kann. Sie, die unerfüllte Verliebtheit, kann das ganze Leben bestimmen. Nur wenige Menschen überfällt sie im Laufe ihres Lebens nicht. Sich zu verlieben, könnte man als einen Trick der Evolution ansehen, das Überleben der Menschheit zu sichern, und das verliebte Paar ist bereit, sich um das allein noch nicht überlebensfähige Baby zu kümmern.
 
Allerdings, wer denkt schon an Nachwuchs, wenn man sich verliebt? Zuerst einmal spielt die Chemie im Hirn im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“, schüttet Dopamin aus und unterdrückt Serotonin. Aber auch das wird den Verliebten selten bewusst. Sie fühlen nur eine Art von wohliger Besessenheit und nennen das „Schmetterlinge im Bauch“.
 
Und da das Phänomen allgemein ist, ist es auch weltweit ein Thema der Literatur und der Lyrik.
 
Bei Dante Aligheri (1265‒1321) war es 1284 die 18-jährige Kaufmannstocher Beatrice (Bice) Portinari. Dante war ihr bereits begegnet, als er 9 Jahre alt war, aber erst mit 18 Jahren kam es zu einem direkten Kontakt mit ihr. In der „Vitae nuova“ hat er darüber berichtet, das Geschehen erläutert und durch eine autobiographische Erzählung verbunden. Allerdings war Beatrice dem Bankier Simone die Bardi versprochen, den sie 1285 heiratete. Sie starb schon 5 Jahre danach.
 
Der Herr der Liebe (übersetzt von Richard Dehmel): 
„An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde
der Himmelsmächte dient in Erdentalen
und willig dartut, was sie anbefahlen,
ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde.
Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde,
da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen
und vor mir stand der Herr der Liebesqualen,
sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde.
Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen,
hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen
schlief meine Herrin, blass, in rotem Leinen.
Er weckte sie, und liess sie von dem kleinen
und völlig glühenden Herzen schüchtern essen.
Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.“ 
Etwa um 1307 begann Dante mit der Commedia, die später Divina Commedia genannt wurde, Die göttliche Komödie, ein Hauptwerk der italienischen Literatur und eines der grössten Werke der Weltliteratur. Das Werk ist in 3 Kapitel aufgeteilt: Inferno (Die Hölle), Purgatorio (Der Läuterungsberg) und Paradiso (Das Himmlische Paradies).
 
Der Hauptzweck ist religiös und aus der Zeit des italienischen Mittelalters zu verstehen. Die Commedia ist „eine aus genialem Naturdrang geborne Dichtung mit den zartesten wie grandiosesten und wildgrausigsten Gebilden der Poesie, welche aber zur gleichen Zeit auch bis in die feinsten Verästelungen hinaus durchpulst werden von einem hellzuckenden Fluidum der Vernunft.“
 
Dante selbst schreibt über den Zweck des Ganzen:
 
„... die Lebendigen in diesem Leben aus dem Zustande des Elends heraus- und zu dem Zustande der Glückseligkeit emporzuführen.“
 
Wenn sich die Gläubigen bewusst werden, welche grausamen Strafen sie erwarten, wenn sie gegen Gotteswillen leben, kommen sie wieder auf den rechten Weg.
 
Es gibt aber noch eine Nebenabsicht der Dichtung. Obwohl Beatrice schon einige Jahre tot ist, soll sie doch in der Dichtung verherrlicht werden.
 
Im Kapitel „Die Hölle“ geleitet Vergil als Vertreter der höchsten menschlichen Bildung und Weisheit Dante auf den Weg zur Hölle. Maria, die Mutter Gottes, erbarmt sich seiner und sendet Beatrice hinzu:
 
Ich war bei denen, deren Los im Schweben;
Da rief mich eine Frau, so schön und selig,
Dass ich Sie bitten musste zu befehlen.“
 
Beatrice sagt dazu:
 
Du hast mit Sehnsucht so mein Herz beweget
Durch meine Worte, dass ich gerne komme
Und meinem alten Vorsatz wieder folge.“
 
Am Fuss des Purgatorio, des Läuterungsbergs, zeigt sich ein Triumphzug der Kirche, ein Wagen von Christus als Greif  gezogen und auf dem Wagen steht, verschleiert, Beatrice. Dante fühlt immer noch „durch geheime Kraft, die von ihr ausging, der alten Liebe grosse Macht erfahren.“
 
Beatrice klagt den Dichter sogar an, dass er nach ihrem Tod sich zu einem anderen Mädchen hingezogen gefühlt hatte: 
Und wenn die höchste Freude dir entgangen
Durch meinen Tod, was für ein sterblich Wesen
Hat dich in seinen Bann noch ziehen dürfen?
Es durfte dir die Flügel nicht mehr ziehen
Nach unten, dass dich neue Schläge träfen,
Ein Mädchen oder solche Eitelkeiten.“ 
Im Paradiso zeigt der heiliggesprochene Bernhard ihm, Dante, welchen Sitz im Himmel Beatrice einnimmt: im dritten Rang, neben Rahel, und über ihr thronen nur die Mutter Gottes und die Urmutter, Eva.
 
Einige Jahrhunderte später schreibt die Dichterin, Baronin Anne Louise Germaine de Staël-Holstein, genannt Madame de Staël (*22. April 1766 in Paris; † 14. Juli 1817 in Paris) den Roman „Corinna oder Italien“, die Geschichte einer Liebe, die letztlich unerfüllt bleibt und mit dem Tod des die italienische Corinna liebenden Schotten Lord Oswald Nelvile endet. In einem Kapitel, „Corinnens Gesang auf dem Kapitol“ genannt, lässt die Dichterin Dante hochleben und geht auf die Commedia und damit auch auf Beatrice ein, ohne sie mit Namen zu nennen:
 
Italien, wie es zur Zeit seiner Grösse war, lebt ganz im Dante wieder. Glühend von republikanischem Geist, Krieger sowohl als Dichter, haucht er den Toten das Feuer der Taten ein, und seine Schatten haben ein stärkeres Leben als die Lebendigen von heute!
 
Die Erinnerungen der Erde verfolgen sie noch, ihre ruhelosen Leidenschaften zehren noch an ihren Herzen; sie quälen sich um die Vergangenheit, welche ihnen noch weniger unwiderruflich erscheint, als die ewige – ewige Zukunft!“
 
Ja, niemand kann ihr widerstehen, wie der Minnesänger es ausdrückt, und besonders tragisch wird es, wenn die Verliebtheit nicht erwidert wird oder aus verschiedenen Gründen nicht erwidert werden kann.
 
Im Jahre 1774 beginnt Johann Wolfgang von Goethe seinen in Form von Briefen geschriebenen Roman „Die Leiden des jungen Werthers“. Der junge Dichter verliebt sich in Charlotte, eine Amtsmannstochter. Auch sie war einem anderen versprochen, dem Legationssekretär Kestner, und für Goethe damit unerreichbar. In seinem Roman verknüpft er diese unerfüllte Sehnsucht mit dem Schicksal eines früheren Kollegen am Kammergericht in Wetzlar mit Namen Jerusalem, der sich aus der zurückgewiesenen Liebe zu einer verheirateten Frau aus Lebensüberdruss das Leben genommen hatte. Charlottes Verlobter und späterer Ehemann Kestner hatte ihm zu diesem Selbstmord Pistolen geliehen, ohne zu wissen, was dieser damit bezwecken wollte.
 
Werther schreibt im Roman an seinen Freund kurz vor seinem Tod:
 
Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich’s; es ist nicht Angst, nicht Begier – es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreissen droht, das mir die Gurgel zupresst! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit.“
 
Die Wirkung des Romans war so gross, dass es eine erhebliche Anzahl von Selbstmorden unter den Werther-Lesern gab.
 
Sicherlich gibt es noch viele weitere Werke, die sich diesem Thema widmen. Liebe kann krank machen, auch wenn viele Romane und Filme sie verherrlichen und dieses Gefühl erstrebenswert erscheinen lassen. Wie so oft, kann das als gesund Bezeichnete in eine pathologische Obsession umschlagen.
 
Corinnas letzte Worte in dem Roman von Madame de Staël waren:
 
„Mit welchem Vertrauen beseelten mich früher die Natur und das Leben! Alles Unglück', glaubte ich, entstehe nur aus zu wenigem Denken, aus zu mattem Fühlen; ich glaubte, man könne schon auf Erden eine himmlische Glückseligkeit sich schaffen, die doch nichts weiter ist, als Ausdauer in der Begeisterung, und Beständigkeit in der Liebe.“
 
Der Psychologe Frank Talis listet eine Reihe von Symptome auf: 
manische Hochstimmungen,
überhöhtes Selbstbewusstsein,
Überaktivität,
Unkonzentriertheit,
Alltagspflichten werden vernachlässigt,
kein Eingehen mehr auf das Gegenüber,
depressive Verstimmungen,
extreme Niedergeschlagenheit,
Traurigkeit,
Schlafstörungen,
sozialer Rückzug,
geringere Hemmschwelle bei Drogen,
im Extremfall Selbstmordgedanken mit Suizidgefahr. 
Sollten mehrere dieser Symptome auftauchen, so sei man gut beraten, ärztliche Hilfe zu suchen!
 
Oft löst sich das Problem auch dadurch, dass das Gefühl der Verliebtheit erwidert wird. Heutzutage steht dem auch bei widrigen Umständen, wie es eine Verlobung oder Ehe oder anderes sein kann, weniger gesellschaftlich im Wege als noch vor 100 Jahren. Dafür sprechen die vielen Scheidungen, die Jahr für Jahr ausgesprochen werden, aber auch die Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Beziehungen einzugehen. Aber oft genug spricht auch Vieles dagegen, die Verhältnisse und Gründe der Vernunft. Dann bleibt nicht viel anderes übrig als zu hoffen, dass die Gefühle verblassen und verschwinden.
 
Es ist nicht immer leicht, wie die erste Strophe des folgenden Gedichtes mit der Überschrift „ Das Lesezeichen“ eines unbekannten Dichters aus dem Jahre 1872 zeigt:

"Kein Feuer, keine Kohle
Kann brennen so heiss,
Als heimliche Liebe,
Von der Niemand nichts weiss."
 
Wie ich oben in einigen wenigen Beispielen aufgezeigt habe, kann daraus bei entsprechendem Talent aus dem Liebesglühen ein unsterbliches Kulturgut entstehen. Und was wäre die Kunst, gäbe es die Liebe nicht!
 
 
Quellen
Dante Aligheri, „Die göttliche Komödie, Auswahl“, Reclam, Stuttgart 1976.
Bayer, Dr. Franz Joseph: „Dantes Göttliche Komödie“, Reihe Die Kunst dem Volke, Hrsg. Allgemeine Vereinigung für christliche Kunst, München 1921.
Sulger-Gebing, Emil, „Goethe und Dante: Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte“,
Severus Verlag, Hamburg 2013.
Koenig, Robert: „Deutsche Literaturgeschichte“, Verlag Velhagen und Klasing, Bielefeld und Leipzig, 6. Auflage 1881.
Biermann, Heinrich und Schurf, Bernd (Hrsg.), Texte, Themen und Strukturen, Cornelsen Verlag, Berlin 1999.
Rainer, Gerald; Kern, Norbert; Rainer, Eva: „Stichwort Literatur“, Veritas Verlag, München 1997.
 
 
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