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BLOG vom 27.02.2015


Isteiner Klotz, Avifauna, Kalkwerk, Schafberg und Chänzeli
 
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
 
Laut Wetterbericht wurde am 19.02.2015 viel Sonnenschein und eine Temperatur um 10 °C vorhergesagt. Deshalb plante unser Organisator Toni von Lörrach eine Wanderung ins Markgräflerland, genauer gesagt in die Umgebung von Istein. Wir wurden wettermässig nicht enttäuscht. Wir genossen den Vorfrühlingstag in vollen Zügen.
 
Wir fuhren zu siebt nach Istein und parkierten gegenüber dem Isteiner Klotz. Von dort aus starteten wir unsere 3-stündige Wanderung. Höhepunkte dieser Tour waren der aus Weissjurakalk bestehende Isteiner Klotz (auch Isteiner Klotzen oder Klotzenfelsen genannt), die St. Nikolauskapelle oberhalb von Huttingen, der Panoramaweg um den Schafberg, der Weinlehrpfad und der Gang durch das zauberhafte und idyllisch gelegene Dorf Istein, das zu Efringen-Kirchen gehört.
 
Wir nicht mehr so junge, aber sehr unternehmungslustige Wanderer betrachteten zunächst den mächtigen Isteiner Klotz. Der markante, an einem Schiffsbug erinnernde Felssporn wurde während des Eisenbahnbaus von 1844 bis 1848 untertunnelt. Vor der Tullaschen Rheinkorrektur von 1840 bis 1876 war der Felssporn von Rheinwasser umspült. Während der beiden Weltkriege wurde der Klotz als Festung ausgebaut. Kein Wunder, dass Sprengungen nach den Kriegen erhebliche Zerstörungen brachten. Wir sahen unterhalb des Klotzes auf Höhe des Friedhofs viele grosse Abbruchsteine liegen. Ein Kamerad meinte, da würde er nicht zu einer Beerdigung kommen. Die darüber befindliche Felswand hinterlässt nämlich keinen stabilen Eindruck.
 
Wir wanderten durch einen Fussgängertunnel unter der Bahnlinie, kamen dann an Trockenmauern  eines Rebbergs vorbei und erreichten nach einem Aufstieg den Isteiner Klotz. Dort oben hatten wir einen prächtigen Blick auf die darunter liegende Bahnlinie, auf Istein, den Isteiner Steinbruch und auf das Rheintal. Leider war die Fernsicht an diesem Tag nicht optimal.
 
Der Klotz ist auch ein Refugium für seltene Pflanzen. Dort oben gedeihen beispielsweise der Türkenbund, die Pimpernuss, der Storchenschnabel, der Aronstab und der Feuerbusch. Der Feuerbusch stammt aus Russland und fand hier seinen wesentlichen Standort. Auf dem Klotzen ist es sehr trocken. Die Pflanzen meistern dies, indem sie bis zu 2 m lange Wurzeln in den Kalkfelsen treiben.
 
Noch etwas zum Isteiner Weinbau. Im Mittelalter schätzten die Basler Grundherren den Zehntwein aus dem von der Sonne begünstigten Isteiner Rebberg. Der Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt (1818−1897) war von dem Wein in dieser Gegend sehr angetan. Über Istein bemerkte er: „Es ist eben doch mit seiner heissen Bucht unser kleines Italien.“
 
Fasnachtsfeuer, St. Nikolauskapelle
Dann ging es in Richtung Huttingen. Auf einem Berg war ein riesiges Holzrondell für das Fasnachtsfeuer aufgebaut. 3 junge Leute bewachten dieses kunstvoll geschaffene Gebilde, das mit einer badischen Fahne geschmückt war. Sie wollten verhindern, dass Spitzbuben aus der Nachbarschaft hier ihr Unwesen treiben.
 
Oberhalb von Istein besuchten wir die St. Nikolauskapelle. Aus militärischen Gründen wurde der um 1900 auf dem Platz einer ursprünglichen Kirche errichtete Neubau zu Beginn des Ersten Weltkrieges gesprengt. Ein kleiner, abseits stehender Nebenraum, die Sakristei, blieb erhalten und ist heute die Marienkapelle.
 
In dem einfach geschmückten Innenraum entdeckte ich in einer Nische ein bräunliches Holzschild mit folgender Aufschrift: 
„Beklage nie den Morgen,
der Müh´ und Arbeit gibt;
es ist so schön zu sorgen –
für Menschen, die man liebt.“ 
Wir wanderten nicht nach Huttingen, sondern gingen nach der Kapelle rechter Hand in Richtung Schafberg, der sich oberhalb von Efringen-Kirchen befindet. Es ist ein herrlicher Aussichtspunkt. Auf einer Ruhebank machten wir eine „Schnapspause“. Gestärkt und wieder einigermassen frisch ging es auf einem Panoramaweg zu einer Plattform, wo wir einen Blick auf eine Steilwand des Kalkwerks Istein hatten. Infotafeln gaben Auskunft über den Kalkstein als Rohstoff und die Avifauna in Steinbrüchen.
 
Kalkstein und Avifauna
Der Isteiner Kalkstein wird heute von der Heidelbergcement Group abgebaut. Anwendungsgebiete für Kalk sind ungebrannter Kalk (Jahresproduktion: ca. 160 000 Tonnen) und gebrannter und gelöschter Kalk (Jahresproduktion: ca. 200 000 Tonnen). Wie auf der Tafel gelesen werden kann, ist Kalk ökologisch absolut unbedenklich und in ausreichender Menge vorhanden.
 
Das Kalkwerk betreibt übrigens ein eigenes Weingut. Wo einst Kalkstein abgebaut wurde, entstanden durch Rekultivierungsmassnahmen Flächen für Reben. Die Kalkböden haben günstige Nährstoffwerte und speichern die Sonnenwärme besser und länger als andere Böden.
 
Noch eine Besonderheit erblickten wir auf einer Tafel. Es handelte sich um Infos über die Avifauna in ehemaligen Steinbrüchen. Diese bieten vielen unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Vögel, wie Uhus, Dohlen, Mauerläufer und Wanderfalken haben hier in den zerklüfteten und spaltenreichen Felswänden ein ideales Brut- und Jagdgebiet.
 
Kalk wird heute im weiter östlich gelegenen Steinbruch „Kapf“ abgebaut. Im Fels wohnende Vogelarten werden oft durch Freizeitaktivitäten gestört und auch aus den ursprünglichen Lebensräumen vertrieben. Ganz interessant: Die Vögel haben sich an den Betrieb des nahen Kalkwerkes gewöhnt.
 
„Zur langfristigen Erhaltung der alten Steinbruchwand und der angrenzenden Magerrasenflächen hat sich das Kalkwerk Istein in einem nachhaltigen Umweltmanagement verpflichtet“, wie ich lesen konnte. Vorbildlich!
 
Danach suchten wir den kürzesten Weg nach Istein. Aber wir verfehlten den Weg und fanden uns in einem Rebhang wieder. Tief unten blickten wir auf die zweigleisige Bahnlinie und auf Efringen-Kirchen. Ein Winzer, den wir fragten, sagte uns, wir sollten vor Efringen-Kirchen die Bahnlinie überschreiten und dann kämen wir wieder auf einen Wanderweg nach Istein. „Die Strecke wird nur noch von langsamen Regio- und Güterzügen befahren und nicht mehr von schnellen IC-Zügen. Passt aber auf, wenn ihr die Gleise überschreitet“, mahnte der freundliche und besorgte Winzer.
 
Die Bahnlinie war in beiden Richtungen gut einsehbar, und so konnten wir mit ruhigem Gewissen die Gleise überschreiten. Später sahen wir 2 Durchgänge unter der Bahnlinie. Diese waren sicherlich für Bahnarbeiter gedacht, da ein Durchgang mit einer Klappe verschlossen war. Der andere Durchgang war nicht vertrauenswürdig, da aus diesem viel Wasser herausfloss. Es gab auch keine Schilder für Hinweise zu den Durchgängen.
 
Geschlossenes Ensemble im Ortskern
Bald darauf erreichten wir Istein. Persönlich freute ich mich schon auf den Gang durch den Ortskern von Istein, das seit 1974 als geschlossenes Ensemble unter Denkmalschutz steht.
 
Am 14.08.2007 gingen Paula und ich mit unseren Gästen Eva und Walter Hess schon einmal durch den idyllischen Ort (siehe Blog vom 17.08.2007: „Istein: Stapflehus, Chänzeli und die ‚Loreley’ am Oberrhein“). Damals begeisterten wir uns an die markanten Bauten, alten Fachwerkhäusern und engen Gässchen. Einige Passagen aus meinem Blog sind hier mit Ergänzungen wiedergegeben.
 
Diesmal wählte unser Wandertrio den oberen Weg, der an der 1822 von Johann Ludwig Weinbrenner erbauten katholischen Kirche St. Michael vorbeiführte. Die anderen 4, darunter auch der Blogger, gingen durch den alten Ortskern, der uns doch viele Überraschungen bot. Das sehr sauber wirkende Dorf hat vor allem in Alt-Istein viel zu bieten.
 
Schon am Anfang unserer Exkursion kamen wir zum „Scholerhof“. Das heute noch erhaltene Wohnhaus zeigt die Jahreszahl 1580. 1603−1653 war das Haus Besitz des Dinghofmeiers Hans Christof Schenk von Castell, dessen Frau hier für Isteins Kinder eine Art Privatschule unterhielt.
 
An einer Seite des Hauses war „Das gute Wander-Wort“ auf einer Tafel zu lesen. Hier der Text: 
„Sag morgens mir ein gutes Wort,
bevor Du gehst von Hause fort.
Es kann so viel am Tag geschehn,
wer weiss, ob wir uns wiedersehn.
Sag lieb ein Wort zur guten Nacht,
wer weiss, ob man noch früh erwacht.
Das Leben ist so schnell vorbei,
und dann ist es nicht einerlei,
was Du zuletzt zu mir gesagt,
was Du zuletzt mich hast gefragt.
Drum lass ein gutes Wort das letzte sein,
bedenk, das letzte könnt´s für immer sein.“ 
Die Info-Tafeln an den Häusern wurden übrigens vom Förderkreis „Museum in der Alten Schule“ e.V. angebracht.
 
Am schmalen Treppenaufgang zur Kirche steht das 1553 erbaute Fachwerkhaus, die „Arche“. Es ist das älteste Haus und Wahrzeichen von Istein. Für mich hatte dieser imposante Bau das Aussehen einer Arche. Interessant sind die teilweise gebogenen Balken des Fachwerks, dann die schrägen Fensteröffnungen (das Haus steht zum Hang hin schief) mit den gerade eingesetzten Fensterrahmen, d. h. sie sind im Lot.
 
Das Haus wurde im letzten Krieg durch die Franzosen stark beschädigt und stand vor dem Abbruch. Durch den mutigen Einsatz der Besitzerin und vieler Bürger konnte das Landratsamt, das die Abbruchverfügung erlassen hatte, überzeugt werden, das alte Haus nicht abzureissen. Es war ein besonderer Glücksfall für die Gemeinde, dass hier selbstlose Bürger aktiv wurden. Heute ist die Arche ein viel bestauntes Schmuckstück.
 
„Schaut mal, da oben sind Schwalbennester“, rief uns ein Wanderfreund zu. Beim flüchtigen Betrachten der „Arche“ fielen mir diese nicht gleich auf. Die 24 Nester befanden sich oberhalb des 2. Stocks unter einem Querbalken, also in geschützter Lage.
 
Dann kamen wir auf unserem Weg zum „Chänzeli“. Der auf einem Holzpfosten ruhende Erkerbau ist wegen seiner Holzkonstruktion ohne Nägel und dem Ziegeldach einzigartig. Der Bau wurde 1599 errichtet. Die Jahreszahl entdeckten wir auf dem Bogen des seitlichen Kellereingangs. Das Haus hinter dem Erker wurde 1957 durch die Familie Eder renoviert und das Wohnhaus mit einer Aufstockung versehen.
 
Am Ortsende befindet sich das 1621 erbaute Stapflehus  (Staffelhaus) mit einem schönen Türmchen. Es war früher ein Herrenhaus. Dieses Haus hat auf dem westlichen First ein Steinkreuz. Wenn ich nicht die Beschreibung im Internet vorab gelesen hätte, wäre mir sicherlich das Kreuz auf dem Treppengiebel nicht aufgefallen. Es hat jedoch eine besondere Bedeutung: Es erinnert an den Tod eines Bewohners, der 1863 durch Blitzschlag ums Leben kam.
 
Im Dorf gibt es viele Schmuckstücke zu bewundern. Aber wir hatten an diesem Tag genug gesehen und steuerten den Parkplatz am Klotz per Pedes an.
 
Es war eine schöne Wanderung mit vielen Höhepunkten. Es gab unterwegs viele interessante Infotafeln über Rebsorten, über den Weinbau in Efringen-Kirchen und Istein, zur Geschichte und industriellen Entwicklung. Besonders beeindruckend waren für mich die alten und erstaunlich gut erhaltenen Wohnhäuser in Istein und die verwinkelten Gässchen und Treppchen. Sehr malerisch ist der „Stapfleweg“ zur Kirche. Der Ort erinnert teilweise an italienische Bergdörfer.
 
Nach der Wanderung fuhren wir nach Efringen-Kirchen und speisten vorzüglich im Gasthaus-Hotel „Zum alten Salzfass“ (www.salzfass.de).
 
 
Internet
 
Literatur
Philipp, Dorothee; Grosspietsch, Jos; Herbener, Arno; Rubsamen, Rolf: „Kunst. Thermen. Wein – Entdeckungsreisen durch das Markgräflerland“, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2009.
 
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