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BLOG vom 09.03.2015


Stilles Dementia-Drama: Wenn sich der Hochnebel senkt
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
 
Dementia (lateinisch für Demenz) und Alzheimer klingen besser als Altersschwachsinn. Das Leiden an Dementia kann früh beginnen, schon ab dem 30. Lebensjahr. Die Auswirkungen werden leichthin als Vergesslichkeit abgetan. Namen entgleiten dem Hirn. Wie heisst die Hauptstadt von Dänemark? Eselsbrücken werden gebaut, um solche Gedächtnislücken zu stopfen. Aber neue tun sich auf und häufen sich nach und nach.
 
Der Film „Still Alice”, den ich bei nächster Gelegenheit ansehen werde, bezieht sich auf Alice, eine 50jährige Sprachprofessorin, wie ich gelesen habe. In einem Vortrag verlor sie den Faden, verhedderte sich und rang ums Wort, das ihrem Gedächtnis entschlüpft war. Wie eine Blume verlor sie ihre Blütenblätter, eines ums andere. Sie bemerkte besorgt den Schwund ihrer Gedächtniskraft.
 
Dementia wird in der Regel von Familienangehörigen oder vom Pflegepersonal wahrgenommen. Im erwähnten Film ist Alice, die Hauptperson, von Dementia bedrängt. Von dieser Warte aus möchte dieses Thema hier kurz streifen. Ich bin vielen Leuten begegnet, die von Dementia befallen waren. Ich habe mit ihnen gesprochen.
 
Der Gedanke, dass ich an Dementia leiden könnte, weise ich mit einer Handbewegung von mir. Das kann sich als Fehler erweisen. Lange habe ich nicht bemerkt, dass mein Vater an Dementia litt. Meine Mutter hegte ihn liebevoll, bis es ihr länger nicht mehr möglich war. Der Hochnebel senkte sich und umhüllte meinen Vater wie dichter Nebel.
 
Dies wiederfuhr auch dem Gatten einer Nachbarin. Er wie sie waren hochgebildet. Hin und wieder lud sie Familienfreunde in ihr Haus. John verblieb im Kreis der Besucher. Ans Fenster gerückt, sass er in seinem gut gepolsterten Sessel und klimperte auf einem mit 2 Oktaven beschickten elektronischen Instrument. Er konnte ihm keine Melodie mehr entlocken. Ich setzte mich zu ihm und lobte seine Mühen. Ermuntert spielte er zweihändig mit konzentrierter Miene weiter. Seine Pflegerin war ebenfalls zugegen. Er hatte das Endstadium der Dementia erreicht und sprach nicht mehr. 2 Monate später starb er. Was ging in ihm vor, als die Dementia in kleinen Schrittchen sein Gedächtnis aushöhlte?
 
Seiner Gattin Rosemary verdanke ich einige Hinweise. John wartete den Garten, am liebsten seinen Kräutergarten. Er brachte ihr die benötigten Kräuter für die Speisen ins Haus. Er begann, die Kräuter zu verwechseln.
 
„Was brauchst du heute?” erkundigte er sich.
„Rosemary”, sagte sie und fügte sanft hinzu: „Denke dabei an mich.”
Er brachte ihr stattdessen Salbei.
 
Hätte sie ihn zurechtgewiesen und gesagt, das sei kein Rosmarin, wäre er in Aufruhr geraten.
 
Mein Vater hatte bis zuletzt lichte Augenblicke. Es war, als ob ein Sonnenstrahl den Nebelschleier durchbrochen habe. Im Pflegeheim bemerkte ich, wie sich ein Pfleger an einen kräftiger Patienten wandte: „Lasst uns feststellen, wie stark du heute bist.” Er liess seinen Ellbogen von ihm tiefpressen. „Du hast gewonnen”, lobte er ihn.
 
„Warum tut er das?”, fragte ich meinen Vater. „Er wollte nur feststellen, wie stark und aggressiv er ist”, bekam ich zur Antwort.
 
Wer von Natur aus rechthaberisch ist, sollte nicht herausgefordert werden. Am allerwenigsten jemand, der an Dementia leidet.
 
 
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