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BLOG vom 03.04.2015


Die Germanenbibel: Heilige Schriften germanischer Völker
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Bei einem Trödler erstand ich vor einigen Wochen ein dickes, gebundenes, grossformatiges, 562 Seiten umfassendes Buch mit dem in Frakturschrift geschriebenen Titel „Germanenbibel“ auf dem Buchdeckel. Das Titelblatt fügt ausserdem den Untertitel „Aus heiligen Schriften germanischer Völker“ hinzu, „Herausgegeben von Wilhelm Schwaner“. Ich hatte die „6., vollständig umgearbeitete Auflage – Mit 16 Bildtafeln und Notenstücken“ von 1934 erworben. Unter dieser Titelbeschreibung ist ein linksgewinkeltes Hakenkreuz abgebildet. Auf der gegenüberliegenden Seite steht in kleinen Buchstaben, dass das Hakenkreuz seit 1907 das offizielle Bundeszeichen der Deutschen Volkserzieher sei, die sich „bis an die Spitze ihrer Leitsätze die ‚Pflege des Deutschtums auf christlicher Grundlage’ gesetzt hatten.“ „1918 wurde auch das ‚Lichtsucherbuch’, 1920, die 1904 in 1. Auflage erschienene ‚Germanen-Bibel’, unter das Zeichen des Hakenkreuzes gestellt.“ Schon diese Erläuterung lässt darauf schliessen, dass sich der Herausgeber von den neuen Machthabern abgrenzen wollte. (Hitler hat übrigens erwirkt, dass das Hakenkreuz, das als Symbol für die NSDAP galt, rechtsgewinkelt war.)
 
Der zur Zeit der 6. Auflage 70-jährige Herausgeber wurde 1933 Mitglied der Reichsschrifttumskammer, einem Organ der Nazis, um weiter publizistisch tätig sein zu können, nach Wikipedia nicht aus Überzeugung für die NSDAP, deren Organe ihn zeit seines Lebens argwöhnisch beobachtet hätten, auch sei er seitens des hessischen Gauleiters als „fanatischer NS-Gegner, Freimaurer, Judenfreund und Pazifist“ denunziert worden. Der Kompromiss, den der Herausgeber mit der Mitgliedschaft eingegangen war, ist in dieser 6. Auflage sichtbar. Das „Geleitwort“ wurde vom „Reichsleiter des NS-Lehrerbundes“, Hans Schemm, verfasst und endet mit seiner Unterschrift und „Heil Hitler“, und die letzten 2 Kapitel sind durch Hitlers Rede zur Eröffnung des neuen Reichstages in Potsdam 1933 und mit dem „VermächtnisHindenburgs 1934 belegt.
 
Zu jeder Auflage ist ein Geleitwort des Herausgebers abgedruckt, und zur 6. Auflage wird auf den beachtenswerten Erfolg dieses Buchs hingewiesen, von dem seit 1904 rund 20 000 Exemplare „ins deutsche Volk gegangen“ seien. Sichtlich erkennbar ist Schwaner darüber stolz. „Denn in der Germanen-Bibel war das alte Sonnenrad gestaltete Religion geworden.“ ‒ „Also wurde aus der alten Germanen-Bibel der Religionsstifter und Dichter, der Philosophen und Staatsmänner die neue der geistigen Hundert und Jahrhunderte.“ – Wenn man den letzten Satz genau liest, erkennt man, dass Schwaner sein Buch über Adolf Hitlers „Mein Kampf“ stellt!
 
Vor der Inhaltsübersicht sind aufgeführt:
1. Futharc. Das Runen-Alphabet (mit Entsprechungen im heutigen).
2. Die deutschen Monatsnamen: Hartung = Januar, Hornung = Februar, Lenzmond = März, Ostermond = April, Wonnemond = Mai, Linding (Brudmond, Brachet) = Juni, Heuet (Heumond) = Juli, Ernting = August, Scheiding = September, Gilbhart = Oktober, Nebelung = November und Julmond (Christmond) = Dezember.
3. Die Sternbilder (Sonne, Mond und 8 Planeten) und die auch heute noch gebräuchlichen 12 Sternzeichen.
 
Das Inhaltsverzeichnis ist in Abschnitte eingeteilt, vom 1. bis zum 7. Tag, wie es sich eben für eine Bibel gehört. Der Herausgeber teilt die „Geschichte der Germanen“ chronologisch ein, also zuerst Werke von Tacitus, die Edda und die Nibelungen, dann am folgenden Tag Märchen, Volkslieder und Sprichwörter, gefolgt von Heliand, Eckhart, Walter von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Der 4. Tag beginnt mit Seuse und endet mit Leibniz, der 5. Tag mit Lessing bis Fontane, der 6. Tag mit Kant bis Bismarck und der 7. Tag beginnt mit Schenkendorf und endet mit Hitler und Hindenburg.
 
Die Einleitung, verfasst von Dr. Eugen Heinrich Schmitt (1851‒1916), „ein pazifistischer und antiklerikaler Philosoph und Publizist“ (Wikipedia), beginnt mit der „germanischen Göttersage“, und er definiert die „Religion der alten Germanen“, also mit Wotan,dem obersten der Asen“ als eine Naturreligion „ganz im Sinne all der anderen Völker des Altertums“, aber mit „Keimen zu einer höher gearteten Kultur, die über die jener anderen Völker hinausgehen und einer neuen Weltepoche Bahn brechen sollte.“
 
Der 2. Teil der Einleitung passt in die Biographie des Verfassers Dr. Eugen Heinrich Schmitt, der eine damals viel gelobte Nietzsche-Monographie veröffentlicht hat, ist mit „Die Religion des Geistes“ überschrieben und übernimmt Anleihen und Ideen aus den Schriften Friedrich Nietzsches, denn er beginnt mit dem Aufruf: „Wir verkünden einen neuen Menschen, eine neue Welt. Wir verkünden den Gottmenschen“ mit dem Jubel: „Wir sind gekommen, das Wort zu erfüllen, welches jeden Tag von Millionen Lippen ertönt: ’Zu uns komme dein Reich!’“
 
Das entspricht ganz der These des 19. Jahrhunderts in Deutschland, wonach das deutsche Volk im historischen Prozess einen ganz besonderen Rang eingenommen habe, eine Begründung für den deutschen Nationalismus. Johann Gottlieb Fichte (1762‒1814) stimmte dieser Idee vorbehaltlos zu, so auch in dem Ausschnitt aus seinen „Reden an die deutsche Nation“, in der Germanen-Bibel ab Seite 301 abgedruckt, mit der Überschrift „Charakter und Deutschheit“:
 
„..denn Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unserer Sprache keinen besonderen Namen, weil sie eben ohne alles unser Wissen und Besinnung aus unserem Sein unmittelbar hervorgehen soll.“
 
Wer denn nun „die Germanen“ sind, wird auch in der Einleitung nicht ganz klar. Darin wird behauptet, dass „das Leben in solchen Wäldern (gemeint sind die Urwälder Germaniens) den einzelnen Stämmen in hohem Grad ihre Unabhängigkeit zu wahren“ ermöglichte, um dann wieder auf den übergeordneten Begriff „Germanen“ zu kommen, deren Individualismus und deren Freiheitssinn „eine Wurzel in dem Naturmilieu dieser Völker“ zu finden seien. Es wird also nicht darauf eingegangen, wie der Name entstanden ist, „die Stämme“ erhalten einfach ihre „germanische“ Abstammung.
 
Der 1. Tag beginnt mit der „Germania“ von Tacitus (55‒120  n.u.Z.). Dieser römische Schriftsteller schreibt:
 
„Die Urzeit: Die Germanen selbst möchte ich für Ureinwohner dieses Landes halten, für ein Volk, das sich nicht im mindesten mit fremden Einwanderern und Ansiedlern vermischt hat“ – „Manche behaupten, es seien mehr Göttersöhne und mehr Stammbenennungen gewesen: die Marsen, Gambrivier, Sueven, Vandalen, und das seien allein die echten uralten Namen. Dagegen sei das Wort Germanien selbst neu und erst seit kurzem aufgekommen, weil der Stamm, welcher zuerst den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben habe, die jetzigen Tungern, damals Germanen genannt, sei.“
 
Nicht ohne Grund heisst die „Germanen-Bibel“ im zweiten Teil „Bibel“. Die Bibel ist die „heilige Schrift“, entstanden unter der Mitwirkung des „heiligen Geistes“ und ein „auserwähltes“ Volk braucht eine Religion, die hier „die Religion des Geistes“ genannt wird und den Menschen germanischer Abstammung selbst zum Gott emporhebt. Nicht Christus ist dieser „Theios aner“, dieser „Gottmensch“, sondern „der Germane“ selbst.
 
So lese ich in der „Germanen-Bibel“ vom Autor Eduard von Hartmann (1842‒1906) auf der Seite 465 unter der Überschrift „Gott“:
 
„Wenn man aufhört, Gott ein von dem menschlichen Bewusstsein verschiedenes eigenes Bewusstsein und eine der menschlichen Persönlichkeit gegenüberstehende eigene Persönlichkeit zuzuschreiben, dann erst wird die Forderung des religiösen Bewusstseins ohne Widerspruch realisierbar, dass wir in Gott leben und weben und sind, und dass er in uns ist, wie wir in ihm.“
 
In der Literatur findet sich ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe (1749‒1832):
„Was der Mensch als Gott verehrt, ist sein eigenes Wesen herausgekehrt."
 
In der Germanen-Bibel findet sich ebenfalls ein Zitat des Dichterfürsten:
 
„Es gibt nur 2 wahre Religionen: die eine, die das Heilige, das in uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten Form anerkennt und anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Götzendienst“ (Eckermann: „Gespräche mit Goethe“).
 
In uns „wohnt das Heilige“, so wie Goethe es der Prinzessin in seinem Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“ in den Mund legt:
 
„Ach, dass wir doch dem reinen, stillen Wink
Des Herzens nachzugehn so sehr verlernen!
Ganz leise spricht ein Gott in unserer Brust,
Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.“
 
Der Mensch braucht also keinen Gott ausserhalb, er ist selbst Gott, oder zumindest ist Gott in ihm. Die „Germanen-Bibel“ suggeriert, dass vor allem die Germanen diese Menschen sind. Unter dieser Prämisse ist das Buch aufgebaut, und in 7 Tagen wird, so wie es Gott in der Bibel der Juden tat, der Gottmensch erschaffen. Und doch kommt auch die Germanen-Bibel nicht an den deutschen Schriften und Persönlichkeiten vorbei, die sich auf den christlichen Gott berufen, von der Dichtung zum Leben Jesu, dem Heliand ; Eckhardt, Klopstock, Angelus Silesius, Luther bis zu Agnes Miegel und vielen anderen.
 
1934, dem Zeitpunkt des Erscheinens dieser 6. Auflage, hatte sich das Nazi-Regime schon etabliert, die Bücherverbrennung der verfemten Schriftsteller hatte 1933 stattgefunden, und das Buch wäre sicher nicht erschienen, wären darin Werke dieser Schriftsteller mit aufgenommen worden. Der Herausgeber hatte dies akzeptieren müssen. Vielleicht hatte er damals, wie viele andere Deutsche, noch gedacht und gehofft, „der Spuk“ würde bald vorbeigehen. Wilhelm Schwaner hatte Fürsprecher, die sich für ihn einsetzten. Zu seinem 75. Geburtstag erhielt er noch ein Geldgeschenk als Geburtstagsgabe mit einem Glückwunsch Adolf Hitlers und bis zu seinem Tod, 81-jährig im Dezember 1944, eine kleine Rente von der Reichsschrifttumskammer. Die „Germanen-Bibel“ erlebte noch eine 7. Auflage, die dann völlig nazifiziert im Sinne des Regimes erschien.
 
Das Lebenswerk Schwaners, die Publikation „Deutsche Volkserzieher“, wurde durch die Nazis eingestellt. Das Volk wurde jetzt durch die Nationalsozialisten in derem Sinne erzogen und gelenkt, bis zum bitteren Ende mit all den Grausamkeiten der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer, die für sie nicht „lebenswert“ waren und dem Krieg.
 
Damit war eine Entwicklung pervertiert und missbraucht worden, die einstmals mit dem Glauben an eine glorreiche Herkunft und an Vaterlandsliebe und an die germanische Nation begonnen hatte. Das Volk, so stellte es sich heraus, war nicht auserwählt, ein Volk von „Gottmenschen“ zu werden, sondern wurde ein Volk, das sich mitschuldig gemacht hat, an Gräueltaten und dem Tod von über 60 Millionen Menschen.
 
Seit 1945 sind Begriffe wie Vaterlandsliebe, Nationalismus, der Volksglaube und die Hingabe an die Heimat besudelt und belastet. Noch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs wird den Deutschen, die sich inzwischen in der 2. und 3. Generation danach befinden, ihre „Schuld“ an all dem ununterbrochen vorgehalten, und immer noch werden Reparationszahlungen gefordert. Nicht nur von Seiten der Politik, sondern auch von vielen anderen, wird vor einem Vergessen gewarnt, es könne nicht vergeben werden. Nach dem Krieg wurde das deutsche Volk ein Volk von Vasallen, je nach „Besatzungszone“ abhängig von einer Grossmacht, und hat diese Abhängigkeit, jetzt von den USA, auch als wiedervereinigtes Deutschland noch immer nicht abschütteln können.
 
Es war ein Glaube, eine Religion. Die christliche Religion ist gestärkt aus dem Schlamassel hervorgegangen, obwohl es 1000 Gründe gibt, auch ihre Vertreter zu verurteilen und zu verabscheuen. Die Deutschen haben zwar alle ihre Ahnen „im Blut“, die dazu beigetragen haben, was sie heute sind, aber die Ahnen sind ihnen nicht mehr heilig. Auch die Schriften germanischer Völker sind nicht mehr heilig. Eine „Germanen-Bibel“, wenn sie heutzutage erscheinen würde, was wäre das für ein Erzeugnis?
 
Was schrieb der Herausgeber 1904 zur ersten Auflage, über die Leser, die er sich für das Buch gewünscht hatte?
 
Die Germanen-Bibel möchte ein Buch für jede Schule, für jedes Lehrerhaus, für jede Familie, für jeden deutschen Mann und jede deutsche Frau werden. Ein Buch, in dem man forscht, sich stärkt, erbaut und vervollkommnet. Ein Buch, in welchem alles, was uns bewegt, ‚jenseits von Gut und Böse’ steht. Ein Buch mit Widersprüchen und Einklängen, ein Buch der Starken und Stolzen wie der Milden und Gerechten, ein Buch der Jungen und Stürmer wie der Gesetzten, Ruhigen und Bedächtigen. Jeder soll sich und seinen Liebling, sich und seine Art darin finden; jeder, der ein Mann ist, ein deutscher Mann; jede, die ein Weib ist, ein deutsches Weib; alle, die über das Völkische das Menschliche nicht vergessen und über dem Internationalen nicht das Nationale. Denn Deutschsein heisst auch Menschsein!“
 
Und so nehme ich mir die „Germanen-Bibel“ zur Hand, nicht weil ich ein „Ewiggestriger“ oder ein Anhänger der Nazi-Ideologie oder ein Gläubiger für die Auserwähltheit des deutschen Volkes bin, sondern weil ich dort Literatur finde, die mich mitreisst und begeistert, von vielen Dichtern, Schriftstellern, Philosophen und Geistesgrössen; weil ich dort Literaturgeschichte treiben kann und über Geschichte der Deutschen informiert werde. Ich werde einige Schriften verabscheuen und verachten; mir unbekannte Autoren und Werke entdecken; andere hinzunehmen, die zu Unrecht nicht mit aufgenommen werden durften.
 
Ich schlage die Seite 381 auf, mit Schriften von Friedrich Theodor Vischer (1807‒1887), der sich Gedanken darüber macht, was bleibt, „wenn der Planet einmal in Stücke fährt“, und ob das trostlos scheint:
 
„Ist’s aber gar nicht. Alle ansteigende Bildungsarbeit aller Geschlechter erreicht ja nie das Ziel. Gibt es kein Vollglück auf jedem Punkte mitten in der ewig ansteigenden Bahn, so gibt es überhaupt keines. Jeder Augenblick der Freude, der wahren Freude, also vor allem der Freude im reinen Schauen, Forschen und im reinem Wirken ist aber doch Sein im Ewigen an sich, greift also aus der Kette heraus, unabhängig vor ihren Bedingungen, eins mit sich, frei. Jede Schätze haben ihren Wert in sich selbst gehabt. Was Wert in sich hat, das beglückt, beseligt. Jeder Mensch, der sich in die Welt des in sich Wertvollen erhebt, ist in jeder Minute, in der es geschieht, mitten in der Zeit ewig.“
 
Dem ist nicht viel anzufügen. Ich will es auch nicht, ich will weiterlesen!
 
 
Quelle
Schwander, Wilhelm (Herausgeber), „Germanen-Bibel – Aus heiligen Schriften germanischer Völker“, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart/Berlin, 1934, 6. Auflage.
 
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