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BLOG vom 09.05.2015


Meinrad Lienerts Volkspoesie – Stimme der Innerschweiz
Autor: Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Autor, Beromünster LU/CH
 
Meinrad Lienert, vor 150 Jahren in Einsiedeln geboren, war als Erzähler der Schweizer Sagen und Mundartautor der erste Innerschweizer Autor von nationaler Geltung. Er war kein biederer Anwalt der Vergangenheit. 1915 vermittelte er im „Bruderkrieg“ zwischen Deutsch und Welsch.
 
Meinrad Lienert wurde am 21. Mai 1865 als Sohn des Ratsschreibers Conrad Lienert im klosternahen Haus „Adam und Eva“ in Einsiedeln SZ geboren. Seine Mutter war eine geborene Ochsner. Deren Familie galt irrtümlicherweise als mit dem berühmten Alchemisten Paracelsus verwandt. Lienert hat seinen „Urvetter“ mit „Der Hexenmeister“ in den 1914 erschienenen „Schweizer Sagen und Heldengeschichten“ populär gemacht. Der Text ist – mit anderen - soeben in der Kurzfassung „Talgenossen“ (SJW-Heft 2496) neu greifbar geworden. Dank liberalem Vaterhaus war der Autor der erste Innerschweizer, der (ab 1887) regelmässig in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb. Seine Gedichte wurden früh als „wahre Volkspoesie“ (Carl Spitteler) ins Französische übertragen. Französischprofessor Charly Clerc von der Uni Zürich war vom Klang und Gehalt der stimmungsvollen „Nachtbuobeliedli“ im Iberger Dialekt begeistert.
 
Der Berner Mundartprofessor Otto von Greyerz (1863‒1940), selber Mundartschriftsteller, der fast nur Rudolf von Tavels Berndeutsch und Josef Reinharts Solothurner Dialekt als mundartliche Literatursprache gelten liess, bescheinigte der Poesie von Lienert, darin sei „die ganze Natur- und Volkskunde des Schwyzerländchens aufgespeichert: Heilige und Hexen, Kinderspiel, Geissenhüten und Maienpfeifenschneiden, Blustfahrt im Mai, lustige Kilbi- und Fasnachtszeiten, Becherlupfen mit Sang und Tanz, Hochzeit und erste Elternfreuden, Weihnachtszeit mit Samichlaus und Silvester“. Dazu das Volksleben der Korber, Stromer, Turpner (Torfstecher), ferner Pfeifer und Handörgeler, die Bruderschaft der Spielleute, die ganze röischi wildi Kumpäny der alten Schwyzer. Zum Hauptmotiv im Schaffen Lienerts wurde das „Schwäbelpfyffli“, Titel eines mehrbändigen Werks, das von Einsiedelns Lienert-Stiftung 1991 wieder aufgelegt wurde. Nicht zu verwechseln mit dem Lob des Pfeifenrauchens, welches in Karl Henslers soeben erschienenem Lese- und Kommentarband „Meinrad Lienert – 1865–1933, Bd. II“ mit zu den vergnüglichsten Texten gehört. Die Editionsleistung, ohne wissenschaftliche Ansprüche, erweist sich für biographische Bezüge und frühe Rezeption als ergiebig.
 
Unter dem „Schwäbelpfyffli“, eigentlich Schwägelpfyffli, kurz „Schwägle“ genannt, verstanden die Schwyzer die Querpfeife, die an der Spitze ihrer Fähnlein geblasen wurde. Ein gewaltiges Thema, jenseits von Christoph Blocher und Thomas Maissen, dafür verbindlicher, ist bei Lienert die Schlacht bei Marignano. Was versteht man schon davon ohne den Einsiedler Hauptmann Kätzi? Gemäss Lienert soll dieser vor dem Mailänder Feldzug gewarnt haben. Nach dem Marignano-Veteran, nach dem die Alp „Katzenstrick“ benannt ist, sind die Luzerner Pilger zu ihrem Volksnamen „Katzenstrecker“ gekommen. Für das Marignano-Verständnis in der Innerschweiz darf Lienerts Erzählung „Die Getreuen“ als repräsentativ gelten. Es geht um die Schicksale der in den Totenbüchern registrierten 175 Talgenossen, repräsentiert durch Schmied Heini Tätsch, den Holzflösser Thysel Tüss und den Bauern Uoli Schrott. Für Lienert, Mitglied des Historischen Vereins der 5 Orte, war Geschichtsbewusstsein weniger patriotisch als existentiell, fast so etwas wie ein Bestandteil der Bergluft. Die Niederlagen in Marignano 1515 und in Einsiedeln 1798/99 wurden für den Schwyzer wichtiger als Morgarten und Sempach, weil es ihm wie seinem Förderer Carl Spitteler um schweizerische Selbstbescheidung zu tun war.
 
Diesem Gedanken galt auch die Rede seines Lebens, die „Trichtenhauser Weltbetrachtung“ vom Juli 1915, eine Ansprache vor dem Lesezirkel Hottingen. Ein damals notwendiger friedensstiftender Nachtrag zu Spittelers in der Deutschschweiz selbst bei Autoren missverstandenen und abgelehnten Rede „Unser Schweizer Standpunkt“ vom Dezember 1914. Prominente Gründer des Schweizer Schriftstellervereins, so Bauerndichter Alfred Huggenberger (1867–1960), wandten sich gegen den angeblich reichskritischen und franzosenfreundlichen Spitteler. Dessen Freund Lienert betonte umso stärker die Einheit der deutschsprachigen, französischen und italienischen „Brüder“ in der Schweiz. Im Gegensatz zu Spitteler verzichtete er auf polarisierende Kommentare über die Kriegsparteien des Weltkriegs.
 
Lienerts Gedichte, so „Schwyzerland“, enthalten sich hurrapatriotischer Klänge: O Schwyzerland! Und stell di jetzt wie d’witt/ Es chunnt ä nagelnüi Zyt/Si hät ä andre Schritt/Und nimmt is weidli mit. Im Gegensatz zu Huggenberger, dem Kritiker der Mähmaschine, stellte sich Lienert nicht gegen den industriellen Fortschritt. Ein epochales Bekenntnis zur neuen Zeit wurde sein Einweihungsgedicht zum Sihlsee-Kraftwerk. Der Blick des liberalkonservativen Heimatschriftstellers war nach vorwärts gerichtet.
 
 
Anhang
Publikationen Zum Gedenken 150 Jahre Meinrad Lienert (1865–1933)
 
pm. Meinrad Lienert, von dem über 100 Gedichte vertont wurden, u. a. von Volkmar Andreä, gelang mit „Schweizer Sagen und Heldengeschichten“ (1914) eines der einflussreichsten Schweizer Jugendbücher aller Zeiten. Der Schweizerische Jugendschriftenverlag SJW bringt mit der deutschen Version „Talgenossen“ repräsentative Auszüge, in denen alle Regionen der Schweiz, u. a. auch das Wallis gewürdigt werden. Die französische Version heisst „Le sorcier“, nach Paracelsus, dem weltberühmten Einsiedler Arzt und Magier, rätoromanisch „Il striun“. Die expressiven Illustrationen stammen durchgehend von Studenten und Studentinnen von Luzerns Hochschule für Gestaltung HSLU, so Lea Gross, Anna Deér und Till Lauer.
 
Die wichtigste Publikation zum Jubiläumsjahr ist der Band „Meinrad Lienert 1865–1933“ vom Einsiedler Buchdrucker, Publizisten und Welttheater-Schauspieler Karl Hensler. Der mit 128 Seiten (Fr. 25.‒) auf lesbare Weise knapp gehaltene, illustrierte Band enthält autobiographische Texte, Gedichte und einstige zeitgenössische Würdigungen von Lienert, u. a. seine Bezüge zu Josef Victor von Scheffel (seinem wichtigsten Vorbild), Gottfried Keller und Carl Spitteler. Leider ist der Bezug zum anderen grossen Schwyzer Autor, Meinrad Inglin, etwas zu kurz gekommen. Lienert war einer der grössten Förderer Inglins, hat ihn als fast einziger Landsmann 1922 nach dem Erscheinen des Skandalbuches „Die Welt in Ingoldau“ nicht verurteilt. In Karl Henslers Waldfink-Verlag ist bereits 2010 die heimatkundliche Studie „Üsere Dichter Meinrad Lienert“ (Fr. 20.‒) herausgekommen.
 
Im Einsiedler FRAM-Museum findet seit dem 26. April 2015, noch bis zum 8. November 2015, eine jeweils von Mittwoch bis Sonntag geöffnete Gedenkausstellung zum 150. Geburtstag Lienert mit zeitgenössischen Dokumenten und Bildmaterial statt. An Wochenenden von 10 bis 17 Uhr, sonst jeweils ab 13.30 Uhr geöffnet. Für die Frühzeit des 1912 gegründeten Schweizer Schriftstellerverbandes gehörte Lienert mit seinen Beziehungen zu Felix Möschlin (1. Präsident), Alfred Huggenberger, Carl Spitteler und Heinrich Federer zu den angesehensten Autoren. Er war auch einer der ersten, der über den Landessender Beromünser (ab 1931) Mundartgedichte las. Nach seinem Tod wurde er durch den Luzerner Hinterländer Josef Zihlmann (Seppi a der Wiggere) abgelöst.
 
 
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