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BLOG vom 05.07.2015


Europas Demokratie auf einer Kuhhaut
Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH
 

Europa, die Schweiz, Italien und Griechenland haben sich kaum je für eine übernationale Währung geeignet. Die Gemeinsamkeiten liegen woanders. Auf das Rindvieh kommt es an. Der Name „Italia“ hat mit „Kälberland“ zu tun. „Europa“ hängt mythologisch mit Stier und Kuh zusammen, wiewohl das griechische Wort mit „dunkel“ zu tun hat, eine Art „schwarzer Kontinent“ also. Der „Druck aus Afrika“, einst im Geographieunterricht dargestellt, produziert heute nicht mehr Alpenfaltung, sondern demonstriert mit seinen Problembergen bloss, wie zum Beispiel die eidgenössische Gemeindeautonomie längst zuvor zuschanden geritten wurde. Was aber die Zucht von Grossvieh betrifft, älteste Quelle des Wohlstands, erfolgte deren Durchbruch in Afrika, Asien und Kreta früher als im Alpenraum.

In der Schweiz gab es zwei ökonomische Revolutionen. Ab dem 13. und 14. Jahrhundert hat man das Vieh auf die Alpen getrieben. Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgte, auch via Bergbahnen, der Alpaufzug der Touristen. Angebliche Historiker, die behaupten, Morgarten habe nicht stattgefunden, habe ich in Innerschweizer Archiven nie angetroffen. Rein ökonomisch, weniger politisch, war Morgarten die Mutter aller Schlachten. Der Hintergrund war nämlich die Züchtung des Braunviehs durch die auch deswegen berühmten Einsiedler Mönche. Deren Bedarf an Alpweiden („Marchenstreit“) verursachte einen 200jährigen Konflikt, wichtiger als Tell und Winkelried, der in der bekannten Schlacht gipfelte.

Über das Kloster Einsiedeln fand das Braunvieh den Weg in die Ostschweiz. Darum fingen die Schwaben an, ihre Nachbarn als „Kuhschweizer“ zu verhöhnen. „Bauer sucht Frau“ hatte damals einen gemeinen sexuellen Hintersinn. Die Unterstellung, Schweizer würden es mit Kühen treiben, war schon wegen der via Zucht vergrösserten Risthöhe des Braunviehs eine gemeine Verleumdung. Ab dem Schwabenkrieg 1499 weigerten sich die beleidigten Eidgenossen, das Reichskammergericht anzuerkennen und den „Reichspfennig“ zu zahlen. Die geschilderten Gegensätze waren für das Werden der Schweiz genauso schicksalhaft wie die Tatsache, dass für Älplerbuben neben der Landwirtschaft das Kriegshandwerk lange unentbehrlich blieb. Aus diesem Grunde konnte man sich in der Urschweiz die Zürcher Reformation mit anderen ökonomischen Schwerpunkten nicht leisten. Der fromme Bauer Klaus von Flüe (1417 – 1487) zerbrach sich noch den Kopf darüber, dass seine Landsleute nicht mit Geld umgehen konnten. Dass sie sich, wie Alkoholiker, selbst von einer nur kleinen Menge des „Suchtmittels Geld“ verführen lassen könnten, war seine grösste Sorge.

Das „Suchtmittel“ ist geblieben. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Walter Borjans (SPD) schlägt zur Hebung der Moral vor, die Verfügungsgewalt des Bürgers über Bargeld auf 2000 bis 3000 Euro zu begrenzen. Nur Politiker und Funktionäre, wenn immer möglich ohne Einmischung des dank zunehmenden Bildungsinvestitionen nur dümmer werdenden Volkes, können für ein Entwicklungsprogramm in Südeuropa von 20 Milliarden zuständig sein, wie es Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vorschlug. Desgleichen muss – für den Umgang mit Verschuldungen von 200, 300 und 500 Milliarden – jegliche Einmischung des Pöbels unterbunden werden. Dieser darf sich, solange es noch nicht reguliert ist, im Internet austoben.

Die Probleme mit den Finanzen, den Wanderungsbewegungen innerhalb und ausserhalb Europas sind unterdessen derart kompliziert geworden, dass Europa und vielleicht auch die Schweiz auf Dauer nur noch durch Bevormundung des Bürgers gerettet werden können. Die direkte Demokratie wurde unterdessen zum europäischen Tabu schlechthin. Dabei darf die heutige Abstimmung in Griechenland in keiner Weise mit Schweizer Verhältnissen verwechselt werden. Erstens stimmen die Griechen über etwas ab, das bereits nicht mehr gültig ist, und zweitens beträgt bei uns der Redaktionsschluss für das Abstimmungsbüchlein, in Griechenland mangels Orientierung inexistent, fünf Monate. Noch dazu könnte man mit den neuen europäischen Visionen betreffend Bargeld nicht mal mehr eine „Dreikälberkuh“ bar zahlen. Weil die Politik in Europa, wohl auch in der Schweiz, auf keine Kuhhaut mehr geht. Die Demokratie, ein Relikt aus der Epoche der Viehzüchter, wird am Kälberseil zur Schlachtbank geleitet.

 

Pirmin Meiers Standardwerk, „Ich Bruder Klaus von Flüe“, ist im Zürcher Unionsverlag in 3. Auflage erschienen.

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