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BLOG vom 22.11.2015


Über Geschichtslehrer und die Zeitung „Botschaft“

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH


Red. Dieser Beitrag erschien am Samstag, den 21. November in der seit 1856 erscheinenden Regionalzeitung „Die Botschaft“, in welche Pirmin Meier seit über 50 Jahren schreibt. Seine kritischen Kommentare zu den aargauischen Ständeratswahlen, die heute Sonntag mit dem Nachwahltermin ihren Abschluss finden, provozierten einige Leserbriefe. Darauf erklärte Pirmin Meier, was unter einem historisch-politischen Kommentar zu verstehen ist. Wir bringen den Beitrag zu einem Zeitpunkt, da das Resultat der Nachwahl in den Ständerat noch nicht bekannt ist. Gemäss Pirmin Meier ist, bei Mangel an politischen Schwergewichten im Kanton Aargau, von den drei Kandidaten Hansjörg Knecht, Ruth Humbel und Philipp Müller, im Prinzip jeder wählbar. Als ehemaliger Lehrer an der Bezirksschule Leuggern verleugnete er jedoch nicht, dass er für die Brüder Hansjörg Knecht (Ständeratskandidat) und Heinz Knecht eine Vorliebe empfindet, die er bei seinem Kommentar als „Heimvorteil“ verortete. Von unkritischer Propaganda für einen Politiker sind solche eingestandenen Perspektiven weit entfernt.

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Die zwei vielleicht besten einheimischen Geschichtslehrer, die ich kannte, unterrichteten an der Bezirksschule Endingen trotzdem nie Geschichte: Zeichnungslehrer Hermann J. Welti (Leuggern) und Mathematiklehrer Fridolin Ehrensperger (Endingen). Bei Welti, in Sachen Quellenkenntnis wohl besser als alle damaligen Bezirkslehrer für Geschichte, habe ich gelernt: Die besten und präzisesten Kenntnisse, die man haben kann, sind oft und sogar meistens lokaler und regionaler Natur. Wenn Welti sich mit etwas befasste, seien es Familiennamen, Hintergründe zur Kommende Leuggern oder Klingnau, lag jeweils eine atemberaubende Genauigkeit vor. In seinem Urteil, etwa über Botschaft-Gründer Johann Nepomuk Schleuniger, war er zurückhaltender als ich bei meinem ersten Artikel über das Thema vor 41 Jahren. Eine politische Meinung hat Welti, für Familie Bürli „Onkel Hermann“, öffentlich nie geäussert. Wie bei keinem zweiten Zurzibieter der letzten 100 Jahre bestand sein Leben aus Geschichtsbewusstsein.

Sehr viel politischer war Fridolin Ehrensperger. Sein Geschichtsbewusstsein war massgeblich vom Erlebnis des Zweiten Weltkrieges und vom Kalten Krieg geprägt. Wenn er sagte „Vor zwanzig Jahren“, waren es jedoch häufig schon 25 Jahre. Er erzählte von der Mandach-Frickschen Verwerfung, also jenen Verteidigungsmassnahmen, die erklärbar machen, warum gemäss Wiener Kongress (1815) das Fricktal unbedingt zur Schweiz gehören musste. Auch seine Fächer verstand er historisch. Zur Zeit der Kubakrise (1962) rief er aus: „Lernen wir heute Mathematik und Physik, oder lernen wir morgen Russisch.“ Aufgrund seiner Empfehlung las ich Bücher russischer Autoren und Autorinnen. Als ich 14 Jahre alt war, machte er mich auf Blaise Pascal aufmerksam. Er war ein überzeugter Katholik altkonservativer Schule. Dem Judentum im Surbtal begegnete er mit Respekt.

Es gab auch noch später bei uns Lehrpersonen mit ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein. Beispielsweise wies Zeichnungslehrer Wolfgang Hänel (Leuggern) nach, dass die Memoiren des als Quelle über die Nazizeit oft zitierten Hermann Rauschning eine Fälschung waren. Eine bewundernswerte Leistung. Jeder hätte es merken können, aber Hänel hat es gemerkt. Desgleichen bin ich von den historischen Publikationen von Bezirkslehrer Niklaus Stöckli sowohl in Romanform wie auch für die Stadtgeschichte von Klingnau angetan. Als Präsident des Aargauer Lehrerinnen- und Lehrerverbandes hat er Gewerkschaftspolitik gemacht. Vor 40 Jahren war er politisch umstritten, weil er in den Ferien in Italien einen Kleber mit Hammer und Sichel an seinem Auto angebracht hatte. Also ein bekennender Linker. Er erhielt in der „Botschaft“ einen Rüffel. Ich nahm ihn in Sachen Meinungsfreiheit des Lehrers in Schutz. Der entsprechende Leserbrief wurde nicht veröffentlicht. Aber man zog in der „Botschaft“ intern Konsequenzen.

Nach der Meinung einer Leserbriefschreiberin sind meine Kommentare in der Botschaft nur „angeblich historisch“. Damit wollte sie wohl sagen: nicht unpolitisch. Das ist richtig. Was ist ein historischer Kommentar? Er gibt eine Perspektive mit einem hoffentlich erweiterten Horizont. Man muss die Sache von Jahrzehnten und Jahrhunderten her sehen. Das heisst: niemanden überbewerten. Ich erkenne derzeit im Kanton Aargau keine politischen Schwergewichte.

Ich hielt erst vor Wochenrist in Ruswil (Luzern) einen Vortrag über die Geschichte der Konservativen Partei. Für die Geschichte der Freisinnigen berate ich regelmässig den Präsidenten der FDP Luzern, Peter Schilliger und habe in dieser Sache zwei Jubiläumsanlässe organisiert. Was die SP betrifft, beriet ich Regierungsrat Urs Hofmann zur festlichen Begehung des 100. Geburtstages von Karl Kloter in Lengnau vor 4 Jahren. Dieses Jahr war ich Mitglied im Komitee zur Wiederwahl von Pascale Bruderer. Im Historischen Jahrbuch Argovia schrieb ich über Generalstreikführer Robert Grimm. In der Tagesschau äusserte ich mich vor einem Monat über die letzte zivile Hinrichtung in der Schweiz. Die Partei, welche die Todesstrafe bis zuletzt verteidigt hat, waren die Katholisch-Konservativen. Ich kannte den Justizdirektor von Obwalden, Walter Amstalden, mächtigster Ständerat der Innerschweiz zur damaligen Zeit, noch persönlich.

Mein Kommentar zur Ständeratswahl war höchst zurückhaltend. Ich schrieb von „Verlegenheit“. Da ich mich mit ausnahmslos allen Ständeräten und Nationalräten des Kantons Aargau seit 1848 befasst habe, ist mein Massstab nicht am Biertisch entstanden. Alle drei sind allemal wählbar. Ruth Humbel kann nichts dafür, dass der historisch unbedarfte Parteipräsident Darbellay sich mal gegen jüdische Friedhöfe geäussert hat. Philipp Müller schon eher etwas für seinen Ausdruck „Vernegerung“. Christoph Blocher machte einen historischen Fehler, als er seinen Parteipräsidenten Toni Brunner mit Bundesrat Rudolf Minger verglich. Jener Bauer las viele Geschichtsbücher, entgegen der Witze über ihn.

Der beste Historiker aber, der je in Zurzach gewirkt hat, bei der Vorläuferin der heutigen Bezirksschule, war Josef Eutych Kopp von Beromünster. Er räumte in einem gewissen Sinn mit Tell und Winkelried auf, begründete die historisch-kritische Geschichtsschreibung. Politisch gehörte er im Kanton Luzern zu den gemässigten Vertretern der katholisch-konservativen Partei. Noch etwas zum Schluss: Nach meiner Meinung war es nicht falsch, dem einheimischen Ständeratskandidaten Hansjörg Knecht, den ich keineswegs überschätze, einen gewissen Heimvorteil in der „Botschaft“ zu geben. Wer damit nicht einverstanden ist, soll es mir als Kommentator anrechnen und nicht der von mir hochgeschätzten Zeitung, die ich seit 1956 ununterbrochen lese.

 
 
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