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BLOG vom 08.12.2015


Kann der Mensch aus der Geschichte lernen?

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland

 

Die folgenden Überlegungen entstanden aufgrund von Ähnlichkeiten, die mich zu Vergleichen angeregt haben. Mir ist klar, dass dadurch Beweggründe zu bestimmten Handlungen nicht ausreichend erklärt werden können. Es ist ein Versuch, historische Ereignisse und deren Interpretationen als Basis zum Verständnis heutiger Erscheinungen zu nehmen. Ich will es trotzdem wagen, bestimmte Phänomene, die zur Sprache kommen, zum Anlass zu nehmen, Entwicklungen besser zu verstehen.

Bevor Sie weiterlesen, möchte ich Sie auffordern, sich diesen Text durchzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Alonso_de_Contreras.
Damit erhalten Sie nämlich die Informationen, die nötig sind, um meine folgenden Ausführungen zu verstehen.

Ich beziehe mich nämlich auf das Essay des spanischen Philosophen, Soziologen und Essayisten José Ortega y Gasset (1883-1995), der das Buch „Aventuras del Capitán Alonso de Contreras“ analysiert.

José Ortega nimmt das Leben des Abenteurers zum Anlass, über die Zeit, in der dieser gelebt hat, Überlegungen anzustellen.

Er beschreibt das 17. Jahrhundert als das erste Jahrhundert, in der „bei sämtlichen europäischen Völkern jener seltsame Machtfaktor emporgekommen (sei), der sich Staat nennt.“ (S. 581) Im Mittelalter sei er nämlich nur rudimentär und ansatzweise vorhanden gewesen. Ganz am Anfang dieser Phase sei sich „der Jüngling Staat“ noch über seine Ziele und seine Mittel nicht im Klaren gewesen, er habe noch über eine sehr unzureichende Bürokratie verfügt.

„In seinen Unternehmungen begibt er (der Staat) sich mit Feuereifer und Begeisterung hinein, und eben dank dieses Feuereifers und dieser Begeisterung gelangen die von ihm ins Treffen geführten Menschenmassen zu Disziplin und organischer Einheit.“ (S. 581)

„Zu Beginn des 17. Jahrhunderts aber ist der Staat bereits erwachsen. Es haben sich Muskeln bei ihm herausgebildet. Er ist sehr mächtig geworden, so sehr, dass er sich für allmächtig hält; er wendet sich gegen alle übrigen gesellschaftlichen Machtfaktoren und wird so zum absoluten Staat oder hat zumindest die Absicht, es zu werden.“ (S. 582)

Das führe dazu, Abenteuer aus dem Wege zu gehen, denn es geht um den Aufbau, die Abrundung, die Sicherung, „die Abstimmung jener grossen Körper, die Nationen heissen.“ (S. 582)

Es entstehe „der Funktionär“, und dieser habe vor allem eine Aufgabe:
„Die Menschen sind nun auf einmal für die Ausführung von Befehlen da, die man ihnen erteilt. (.)..dass das Leben erst dann seinen vollen Sinn erlange, wenn es der peinlich gewissenhaften Erfüllung einer Aufgabe, der tatsächlichen Verwirklichung eines Planes, dem Erzielen einer höchstmöglichen Leistung dient.“ (S. 582)

José Ortega bezeichnet Alonso de Contreras als ein Musterbeispiel des machiavellischen Soldaten, den es, so José Ortega, nur in jener Zeit gegeben habe, vorher sei es der Typ des Kriegers und nachher das „Militär“ gewesen.

„Wo immer sie erschienen, folgte ihnen die Verwüstung auf dem Fusse, gleich ob es sich um Freundes- oder Feindesland handelte. Denn sie hatten ja streng genommen weder Freunde noch Feinde. Sie waren eine blinde Kriegsmaschine, unerbittlich wie ein Erdbeben oder ein Orkan.“

Wie bekannt, befinden wir uns im 17. Jahrhundert, in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges.

José Ortega beschreibt dann das Leben Alonso de Contreras, der sich „Levante“ nannte, „Mensch ohne Gewissen“: „denn nichts war vor ihm sicher: weder das Hahn im Stall, noch der Dukaten in der Truhe, noch das Leben der Passanten, noch die Jungfräulichkeit in ihrem gewohnten Versteck. Er verkörperte innerhalb der Soldateska jenes Zeitalters, bei der diese Eigenschaften ohnehin schon reichlich vertreten waren, dem höchsten Grad der Wildheit, Tollheit, Zuchtlosigkeit.“ (S. 588)

Contreras wird zu gewagtesten Unternehmungen herangezogen, auf Malta lebte man in ewigem Kriegszustand; denn es drohte die Gefahr, dass „der Türke käme“, dass er mit seiner mächtigen Flotte gegen das Zentrum des Mittelmeers oder den Norden der Adria vorstiesse. (S. 588)

Interessant ist der Abschnitt, in dem José Ortega über Grenzen schreibt, sie hätten ein „ironisches Schicksal.“ Denn:

„Sie sind dazu ausersehen, zwei Welten zu scheiden, in Wirklichkeit aber werden die Menschen hüben und drüben am Ende einander gleich. Malta lag an der Grenze gegen die Türken und Mauren. Gerade deshalb unterschieden sich, was Lebensweise und Sittlichkeit anbetraf, die Christen, die auf der Insel wie wilde Sperber horsteten, kaum von den Berbern und Anatoliern. Wo gekämpft wird, kommt es auf beiden Seiten immer zu einer überraschenden Angleichung der Charaktere. Die Memoiren Contreras’ zeigen uns, wie sehr es die beiden Parteien an Grausamkeit einander gleichtaten. Darum war auch der Übergang ins feindliche Lager so häufig“. (S. 589)

Jose Ortegá beschreibt „den Abenteurer“ aus psychologischer Sicht:

Er „hingegen ist die geborene Regellosigkeit. (.) Er bringt eine abnorm geringe Einbildungskraft mit, und gerade dieser Mangel ist für ihn charakteristisch. Der Abenteurer ist nicht in der Lage, sich seine eigene Zukunft vorzustellen. Wenn er in die Zukunft blickt – freilich immer nur in die allernächste -, so sieht er nichts. Die Zukunft enthält für ihn keine Berufung. (.) Nun können aber, weil er sich die Zukunft nicht vorzustellen vermag, in ihm keine Bremsvorrichtungen entstehen, und seine Impulsivität schwillt, sich selbst überlassen, unmässig an. So lässt sich denn vom Abenteurer mit Gewissheit sagen: er ist eine impulsive Natur. Er überlegt nicht. Denn Überlegen hiesse nichts anderes, als sich die Zukunft in allen ihren Einzelheiten ausmalen, sein Leben geistig vorwegnehmen. Der Wagemut des Abenteurers rührt zu einem guten Teile daher, dass er unfähig ist, sich die Gefahr, und insonderheit den eigenen Tod, vor Augen zu halten.“ (S. 597f.)

José Ortegas geht sogar soweit, das Leben eines solchen Menschen mit dem Leben eines Grashüpfers zu vergleichen, der ohne jede bestimmte Absicht irgendwo auf einer Wiese sitze und urplötzlich durch die Luft sause, ohne zu ahnen, wohin, und er lande schliesslich an einem völlig unvorhergesehenen Ort.

Bis hierhin José Ortega y Gasset und seine Interpreationen zum Leben Alonso de Contreras. Als ich diese Abhandlungen gelesen habe, kamen mir einige Bezüge zur heutigen Zeit in den Sinn.

Was erfahren wir in den Medien vom sich selbst so nennenden „Islamischen Staat“? Er erhebt den Anspruch ein „Staat“ zu sein, mit einem selbst ernannten Kalifen, und damit verbunden ebenso in der Nachfolge des Propheten Mohammed stehend. Er hat eine Führungsspitze, eine Gruppe ehemaliger Geheimdienstoffiziere der irakischen Streitkräfte. Es ist ein absoluter Staat, der von der Bevölkerung unbedingte Nachfolge verlangt. Erst dann, und in Verbindung mit der Religion, werde die gewissenhafte Erfüllung einer Mission möglich. Und diese Mission ist der Kampf gegen „die Ungläubigen“.

Dazu benötigt der „IS“ Soldaten und Abenteurer. Wie schon beschrieben, ist die Angleichung der Charaktere auf beiden Seiten der Grenzen so gross, dass nicht wenige derer, die sich ihm anschliessen, vorher auf der anderen Seite gekämpft haben und die Fronten wechselten.

Das gilt nicht nur für die Soldaten, sondern auch für die Abenteurer. Diese lassen sich oft genug aus einem Impuls, oftmals aus einer zivilisierten Umgebung heraus, anwerben. Ihnen fehlt die Einbildungskraft, was dieser Schritt in seiner Konsequenz bedeutet. Wo sie auftreten, folgt Verwüstung und Tod. Dabei nehmen sie in ihren terroristischen Anschlägen auch den eigenen Tod in Kauf, denn es existiert bei ihnen keine Bremsvorrichtung, keine Vorstellung einer Zukunft. Der Abenteurer erfasst es nicht, seinen eigenen Tod dabei mit einzubeziehen.

Grausamkeiten bei den kriegerischen Auseinandersetzungen werden von allen Kriegsparteien begangen, in Syrien beispielsweise von den Regierungstruppen, den Rebellen und den „IS“-Kämpfern. Nichts und niemand sind vor ihnen sicher, keine Waffe bleibt unberücksichtigt, wenn sie einmal verfügbar ist.

Sie vermeinen, in einer Mission zu handeln, mit dem einzigen Ziel, die Menschheit in den islamischen Staat einzubeziehen, denn es kann nach ihrer jeweiligen Vorstellung keine andere Sicht auf das Leben und die Religion geben.

Dieses Muster lässt sich auf unzählige historische Ereignisse anwenden, seien es die Kreuzzüge, die Eroberung Amerikas, die grossen Weltkriege, die Kriege in Israel, diejenigen, die die USA in Vietnam, Afghanistan, im Irak und sonst wo geführt haben und noch führen, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf Anschläge der einen Seite erfolgen Gegenattacken, auf gezieltes Töten der einen Seite das gleiche der anderen. Fast immer sind auch Abenteurer involviert, sei es bei den Geheimdiensten, seien es Söldner, Spione; Menschen, die ihr bürgerliches Leben überdrüssig sind.

„Niemals dünkt uns die Weltgeschichte furchtbarer, als wenn sie mit eiskalter Skrupellosigkeit aus den Charakterfehlern der Menschen Kapital schlägt.“      
(S. 588)

José Ortega unterscheidet in einem anderen Essay zwischen „Ideen und Glaubensgewissheiten“ (S. 70ff). Letztere bildeten „das Festland“ unseres Lebens, sie seien fundamental, sie vermischten sich mit der Wirklichkeit.

„Von den Gedanken, die uns einfallen und die wir uns zu eigen machen – und ich wiederhole, dass ich dazu auch die strengsten wissenschaftlichen Erkenntnisse rechne -, können wir sagen, dass wir sie hervorbringen, stützen, erörtern, verbreiten, für sie kämpfen, ja, sogar imstande sind, für sie zu sterben. Was wir aber nicht können, ist  ‚aus ihnen leben’. Sie sind unser Werk und setzen gerade darum schon unser Leben voraus, das sich auf Glaubensgewissheiten gründet, die wir nicht selbst hervorbringen, über die wir uns im allgemeinen nicht einmal Rechenschaft geben und die wir weder erörtern noch verbreiten, noch unterstützen. Mit den Glaubensgewissheiten tun wir im Grunde überhaupt nichts, wir leben einfach in ihnen. Genau das, was uns niemals mit unseren Einfällen und Vorstellungen geschieht. Die Volkssprache hat mit sicherem Gefühl den Ausdruck ‚im Glauben sein’ gefunden. Und in der Tat: im Glauben ist man, und einen Gedanken hat man und hält ihn aufrecht. Aber der Glaube ist das, was uns hat und uns aufrechterhält.“

Dieser Aspekt ist fundamental für das Verständnis der Beweggründe der Menschen. Nach José Ortega ändern sogar Vernunftgründe nicht viel an diesen Glaubensgewissheiten. So ist zu erklären, warum Menschen, die es erreicht haben, an den Hebeln der Macht zu sitzen, gegen alle Vernunft an Ideologien festhalten, die die Grundlage für ihre Ideen und letztendlich auch für ihre Taten sind. Zu Glaubensgewissheiten kommen Zweifel. Sie sind die Lücke, in dem sich Ideen entfalten können. Man kann sie verdrängen und sich eine Idee zu eigen machen, die man Wahrheit nennt:

„Aber, man beachte wohl: das Wahre, und auch das vom wissenschaftlichen Standpunkt aus Wahre, ist nur ein Sonderfall des Eingebildeten. Es gibt exakte Einbildungen. Ja, noch mehr: nur das Eingebildete kann exakt sein.“ (S.85)

Jeder Mensch ist auf der einen Seite aus Glaubensgewissheiten gebildet und auf der anderen Seite aus Ideen. Letztere entspringen dem Zweifel, „aus einem Hohlraum oder einer Lücke in unserem Glauben.“ (S. 89)

Wenn man die Überlegungen José Ortegas bei der gegenwärtigen Situation  zugrunde legt, sind es die Ideen, die die Welt bewegen. Zu einer Glaubensgewissheit, etwa an ein transzendentales Wesen, an das Paradies und die Hölle, an Menschenrechte und Humanität, gesellt sich der Zweifel. Diesen zu besiegen, entstehen Ideen. Sie können sich gegen die Glaubensgewissheiten richten oder sie zu festigen suchen. Sie prallen aufeinander.

Menschen leben in unterschiedlichen Glaubensgewissheiten. Zweifel daran führen zu Verlustängsten. Um sie zu vermeiden, entstehen Ideen, den Glauben zu verteidigen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Deshalb ist es so schwer, aus der Geschichte zu lernen, denn Glaubensgewissheiten sind so alt wie die Menschheit selbst. Sie gründen auf Urängsten der Menschen, die einerseits Teil der Natur sind und die andererseits die Natur als Bedrohung erkennen; Bedrohungen, die sie ursprünglich als göttlich interpretieren, die nicht zu beugen, nicht unter ihren Willen zu zwingen sind.

Die einen werden dem nachgeben, sich unter ihren vermeintlichen Willen begeben, die anderen gegen die Bedrohungen angehen, Wege suchen, forschen, Wissenschaften errichten, Krankheiten bekämpfen. Religionsführer geben vor, göttliche Eingebungen empfangen zu haben, die den Willen der Göttlichkeit offenbaren, der in der Welt verbreitet werden müsse, koste es was es wolle. Wissenschaftsgläubige verteidigen ihre Ideen.

So lange diese Zweifel an den Glaubensgewissheiten nicht zu vergleichbaren Ideen führen, so lange werden sich Menschen bekämpfen!

 

Quelle
Alle Seitenangaben aus: José Ortega y Gasset, Gesammelte Werke, Band IV, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1978.

 


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