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BLOG vom 20.01.2016


Medieninhalte und wie sie zustande kommen

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


In meinem letzten Blog habe ich Niklas Luhmann wie folgt zitiert:

„Und so arbeitet auch das System der Massenmedien in der Annahme, dass die eigenen Kommunikationen in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag fortgesetzt werden. Jede Sendung verspricht eine weitere Sendung. Nie geht es dabei um Repräsentation der Welt, wie sie im Augenblick ist.“

Damit wollte ich das Unbehagen über die Informationen ausdrücken, die tagtäglich über Medien aller Art auf uns einströmen. Dabei ist der Manipulationsvorwurf nicht weit.
Ich erinnere mich an eine 21-Uhr-Tagesschau, in der, ich meine es war Jan Hofer, das Thema angesprochen und den Vorwurf vehement von sich gewiesen hat und als „Beweis“ einen Beitrag ankündigte, der nicht in das Schema passte.

Durch das Internet gibt es jetzt vielfältige Möglichkeiten, sich von den „Gatekeepern“, zu deutsch „Torwächtern“ oder „Schleusenwärter“, zumindest teilweise abzukoppeln. Mit dem Terminus „Gatekeeping“ soll die publizistische Wirkungsweise der Massenmedien erläutert werden.

Der Begriff ist von dem US-amerikanischen Journalisten Walter Lippmann (1889-1974) geprägt worden. „Gatekeeper“ würden entscheiden, was der Öffentlichkeit vorbehalten und was weiterbefördert wird:

„Jede Zeitung ist, wenn sie den Leser erreicht, das Ergebnis einer ganzen Serie von Selektionen …“ Indem die Auswahlregeln der gleichgeschalteten Journalisten weitgehend übereinstimmen, kommt so eine Konsonanz der Berichterstattung zustande, die auf das Publikum wie eine Bestätigung wirkt (alle sagen es, also muss es stimmen) und jene oben beschriebene Stereotypen-gestützte Pseudoumwelt in den Köpfen des Publikums installiert.“

Dabei müssen sich die Medienmacher sehr bewusst sein, dass sie in der Bevölkerung durch die Art und Auswahl der Berichterstattung Meinungen bilden, Vorurteile erzeugen, Ängste entstehen lassen, zum Anstossen von politischen Entwicklungen beitragen, die von Demonstrationen, Gesetzesänderungen bis hin zu Straftaten reichen können, also kurz gesagt: Macht ausüben!

Da helfen oft auch kaum durchaus gesendete Beschwichtigungsversuche durch Politiker.
Ein aktuelles Beispiel ist die Darstellung, dass Sexualstraftaten, wie sie am Hauptbahnhof in Köln und in Düsseldorf zu Sylvester stattgefunden haben, vornehmlich von Nordafrikanern begangen worden seien, was dazu führt und geführt hat, diese Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht zu stellen, dass sich ängstliche Frauen massenhaft Pfeffersprays und Waffen anschaffen, dass sie sich nicht mehr auf die Strasse trauen, u.a. Massgeblich wird immer wieder auf die grosse Zahl der Anzeigen hingewiesen, die in diesem Zusammenhang gestellt worden seien, wobei meines Wissen bisher noch nie spezifiziert worden ist, wo eine „sexuelle“ Belästigung überhaupt anfängt und wie sie definiert wird. Das Thema ist „ein Renner“ und es vergeht seit mindestens einer Woche kein Tag, in dem nicht irgendeine Nachricht oder Meinung oder Darstellung dazu lanciert wird.

Durchaus in diesem Zusammenhang zu sehen sind dann Straftaten gegen Asylbewerberheime und Übergriffe auf Schwarzafrikaner, von denen man annimmt, dass sie aus dem Magreb stammen.

Dass nachweislich die meisten sexuellen Übergriffe und Straftaten im häuslichen Kreis stattfinden, ist momentan in den Medien nicht zu erfahren. Wie Luhmann oben schon sagt: um die Repräsentation der Welt, wie im Augenblick ist, darum geht es gar nicht!

Dass Risiken und Gefahren überall lauern können, und das statistische Risiko in solche Überfälle involviert zu werden, recht gering ist, wird auch nicht oder selten erwähnt.

Ich frage mich, warum unsere Politiker und Regierungen als Reaktion in Aktionismus verfallen und ob da nicht im Hintergrund Wahlkampf mit betrieben wird oder was da anderes „hinter dem Berg gehalten“ und lieber nicht in die Medien Eingang finden soll.

Zurück zu den „Gatekeepern“, denen eine wichtige Position bei einem Entscheidungsfindungsprozess zukommt.

Gatekeeper entscheiden: Was wird der Öffentlichkeit vorenthalten, was wird weiterbefördert? – ’Jede Zeitung ist, wenn sie den Leser erreicht, das Ergebnis einer ganzen Serie von Selektionen …’“ (Wikipedia)

Ich muss anfügen: nicht nur die Zeitung, auch das Fernsehen, das Nachrichtenmagazin, usw.

Oder sind es nicht die – „Gatekeeper“? Sie verarbeiten hauptsächlich die Meldungen, die sie von Nachrichtenagenturen erhalten, die Journalisten sind jeweils in der Kette der Informationsgeber (angefangen von Zeugen, etc.) integriert, auch wenn sie in der Hierarchie der Redaktion oder Fernsehanstalt abhängig davon sind, was gesendet oder geschrieben wird und was nicht.

Möglicherweise ist es ja das, was Jan Hofer meint, wenn er Manipulationsvorwürfe zurückweist, er befindet sich am Ende des Prozesses und hat die Meldung vorzulesen und zu kommentieren. Ob er auch massgeblichen Einfluss darauf hat, „was er zu sagen hat“, kann ich nicht beurteilen.

Die EU erhebt in Polen momentan Klage wegen Gesetzesänderungen, bei dem die Spitzenposten der öffentlich-rechtlichen Medien durch den Schatzminister und damit durch die Regierung bestimmt werden sollen.

Wie steht’s denn in Deutschland um den Einfluss der politischen Kräfte auf Programme und deren Inhalte?
Die gesetzlichen Bestimmungen für die Rundfunkräte legen die Regierungen (!) der Länder fest. Aufgaben und Mitgliederzahl der Rundfunkräte der Sendeanstalten variieren entsprechend den unterschiedlichen gesetzlichen Grundlagen in den Ländern. Der Rundfunkrat setzt sich aus Mitgliedern verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen und Organisationen zusammen: Funktionäre (z.B. der Gesellschaften, Frauenverbände, Kirchen und Fraktionen. Bei einigen Anstalten liegt der Anteil der Staatsvertreter bei 50%, eine höhere Quote wäre laut Bundesverfassungsgericht verfassungswidrig. Kirchen sind ebenso im Rundfunkrat vertreten, jedoch keine Vertreter von Atheisten und Agnostikern.

Wenn ich davon ausgehe, dass Funktionäre, die nicht offizielle Staatsvertreter (Abgeordnete etc.) sind, dennoch parteipolitische Bindungen haben, sehe ich teilweise einen höheren Einfluss der Politik, als er hier dargestellt wird. Übrigens sind mindestens 30% der Bevölkerung, die nicht einer Kirche angehören, unzureichend vertreten! Rundfunkräte wählen und beraten die Intendanten, Überwachen die Einhaltung der Programmgrundsätze, u.a., haben also einen starken Einfluss auf das, was gesendet wird.

Nachrichtenagenturen haben als „Gatekeeper“ einen noch grösseren Einfluss. 2 der 4 grossen Nachrichtenagenturen sind in den USA, die Associated Press und United Press International, die anderen beiden sind die britische Reuters und Agence France Press. Über Einflüsse staatlicher Seite, der sie ausgesetzt sein könnten, will ich hier nicht spekulieren.

Zwar greifen die Medienanstalten, besonders bei Nachrichten aus dem Inland, auf eigene Korrespondenten zurück, aber „jede Wahrnehmung ist eine Konstruktion von Wirklichkeit“ (Wikipedia), die durch die Darstellung und Meldung als wichtig erklärt wird und schon dadurch eine vorrangige Bedeutung erhält. Ob das in jedem Fall berechtigt ist, scheint oft fraglich zu sein.

Ebenso vermisse ich oft Meldungen und Darstellungen, die nicht in den (politisch gewollten?) Mainstream Aufnahme finden, wie z.B. politische Beiträge über Reden und Interviews von Politikern, die z.Zt. nicht „opportun“ sind, etwa aus Russland oder aus anderen Gegenden. Alternative Meinungen zu Ursachen und Entwicklungen finden ebenso selten oder gar nicht den Weg in die öffentlich-rechtlichen Medien. Dafür werden christliche Inhalte meines Erachtens überrepräsentiert.

Ich stelle immer wieder fest, dass der ARD untergeordnete Sendeanstalten, wie die der Länder (WDR, NRD, SWR usw.) in Sendungen, die eigentlich in den dafür vorgesehenen Sendungen (vor der Tagesschau) landesspezifische Inhalte senden sollten, immer häufiger auf übergeordnete Themen zurückgreifen, die dann natürlich dadurch, da sie auch wieder in den länderübergreifenden Sendungen gebracht werden, eine noch grössere Bedeutung erhalten. Gerade akute Inhalte werden dadurch „durchgekaut bis zum Erbrechen“. Dafür geraten Geschehnisse, die in den Wochen vorher behandelt worden sind und die noch immer aktuell sind, in den Hintergrund, bzw. andere aktuelle erreichen es nicht einmal, erwähnt zu werden.

Ich will mich nicht ausnehmen: auch meine Wahrnehmung ist eine Konstruktion meiner Wirklichkeit und es wird viele Zeitgenossen geben, die das ganz anders sehen. Dennoch: vielleicht regt es ja dazu an, einmal darüber nachzudenken!


Quellen
http://www.textatelier.com/index.php?id=996&blognr=5767
Wikipedia: Gatekeeper, Nachrichtenfluss, Massenmedien, Rundfunkrat, Walter Lippmann.
http://www.internet-tsunamis.de/5-4-die-realitat-der-massenmedien/
Luhmann, Niklas 2004: Die Realität der Massenmedien. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften:

 


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