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BLOG vom 10.09.2016


„Nahverkehr“ in Brennnesseln und feurige Pferde

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist Schopfheim D

 


Brennnessel
 

Nahverkehr in den Nesseln
Ein Pärchen aus Lahr wollte in einer lauen Spätsommernacht in einer Gartenanlage einen besonderen „Nahverkehr“ ausprobieren. Sie legten sich in ein „Bett“ aus Brennnesseln. Wahrscheinlich hatten sie schon einmal vom Liebesmittel der alten Römer gehört, die sich jedoch nicht in Nessel legten, sondern nur den Samen verzehrten. In unserem Fall begann bald ein Ächzen, Stöhnen, dann folgte ein lustvolles Schreien. Wurde das Schreien durch das feurige Brennen der Nesseln ausgelöst? Ein Anwohner, dem die Lust auf Lärm um 4:25 Uhr verging, rief die Polizei, die bald darauf mit einem Streifenwagen vorfuhr. Christian Engel von der „Badischen Zeitung“ kommentierte dies in der Rubrik „Unterm Strich“ am 08.09.2016 so: „Die Polizei sah im Blaulichtflimmern das rote Pustelnschimmern auf den Körper der Störenfriede – und wusste sofort Bescheid. Das unvermittelte Aufschreien seiner Partnerin habe den Liebhaber dabei noch angespornt, nicht ahnend, dass die Gefährtin immer weiter in ein Brennnesselgewächs geraten sei, so die Polizei.“

Beim Lesen dieser amüsanten Geschichte fielen mir noch einige weitere Episoden über die lusterzeugende bzw. brennende Pflanze ein.

Als sie mal musste
Vor einigen Jahren las ich die folgende Geschichte in einer Tageszeitung. Ein Ehepaar aus Baden-Württemberg war mit dem Auto unterwegs. Plötzlich verspürte die Gattin ein Bedürfnis. Es rumorte im Bauch und sie bat ihren Mann auf einem Parkplatz anzuhalten. Es war schon dunkel, nur der Mondschein und die ab und zu vorbei fahrenden Autos mit ihren Scheinwerfer beleuchteten die Szenerie. Die Frau ging hinter einen Busch und verrichtete ihr Geschäft. Aus Ermangelung eines Klopapiers rupfte sie nach ihrer Ansicht Grasbüschel heraus, um ihren Allerwertesten abzuputzen. Plötzlich ein Schrei. Die Frau sprang hoch, da sie ein Brennen verspürte. Sie hatte versehentlich Brennnesselblätter erwischt. Seltsamerweise rutschte sie dann während der Fahrt auf ihrem Autositz herum. Eine kühlende bzw. schmerzstillende Salbe hatte sie ja nicht dabei.

 


Brennhaar der Brennnessel Foto Prof. G. Jurzitza
 

Anmerkung: Die Brennhaare der Brennnessel enthalten Acetylcholin, Histamin und Serotonin. Die Inhaltsstoffe werden beim Abbrechen der Brennhaare frei und erzeugen das „Brennen“.
Die Schwarzweiss-Aufnahme  in diesem Blog zeigt ein Brennhaar der Nessel. Die rasterelektronenmikroskopische Aufnahme wurde mir dankenswerterweise von Prof. G. Jurzitza zur Verfügung gestellt.

Schlagen mit Nesselruten
Die feurige Nessel haben schon unsere Altvorderen genutzt. Nicht als Liebesmittel, sondern das Schlagen mit Brennnesseln bei Ischias, Hexenschuss, Rheuma und Gicht. Auch heute noch schwören so manche Rheumatiker auf diese Methode. Sie sind überzeugt, dass ihre Schmerzen durch diese Reiztherapie nachlassen.

Aber noch eine andere Verwendung war gang und gäbe. Bauern traktierten ihre störrischen Rinder und alten Hengste mit einer Brennnesselrute. Nicht um Rheuma zu lindern, sondern um sie zur Paarung zu treiben. Viele dachten sich, wenn dies bei Rindviechern helfe, warum nicht auch beim Menschen? Von nun an bearbeiteten sich auch jene, deren Manneskraft abhandengekommen war, mit diesen Ruten.

Übrigens liefern nahezu alle Teile der Brennnessel Hausmittel und Medikamente, insbesondere bei Harnverhaltung, rheumatischen Erkrankungen und Prostatabeschwerden. Der römische Dichter Ovid verwendete den Nesselsamen zur Herstellung eines Liebestrankes.
Als ich während eines Vortrages über Heilpflanzen erwähnte, dass der Brennnesselsamen die Männer sexuell anregt und die Frauen fruchtbar macht, „protestierte“ ein Zuhörer und meinte, das hiesse, es würde die Frauen furchtbar machen. Vielleicht hatte er einschlägige Erfahrungen gemacht.
 
Feurige Pferde dank Nessel
Früher gaben gewiefte Pferdehändler in Ungarn den Tieren, bevor sie veräussert wruden, Nesselsamen ins Futter. Die Wirkung soll enorm gewesen sein. Die Tiere wurden lebhafter, bekamen ein glänzendes Fell und einen feurigen Blick. Aus den schlappen und schlecht aussehenden Gäulen wurden so ansehnliche Pferde, die gut verkauft werden konnten.

Nach Pfarrer Johann Künzle sind abgekochte grüne, rohe oder gedörrte Nesseln eine gute Medizin für das Vieh. Kluge Bauern, so betonte er, würden alle auffindbaren Nesseln für das Vieh aufspeichern. Die Legeleistung der Hühner kann durch ein Futter mit Brennnesseln oder Brennnesselsamen verbessert werden.

Traudl Walden zitierte zum 60. Todestag von Johann Künzle in einer Publikation für die „Naturheilpraxis“ den Kräuterpfarrer: „Die Brennnessel ist am Händedruck zu erkennen. Die Urtica dioica gleicht einem Mann mit grimmigen Gebaren, aber mit hilfreichem Herzen. Sie ist das Kraut, das allen Leuten bekannt ist, denn ihr Händedruck ist unvergesslich … Die Nessel wäre schon lange mit Wurzel und Stiel ausgerottet, wenn nicht ihre Brennhaare sie vor der unvernünftigen Naschhaftigkeit schützen würden.“
In seinem Werk „Chrut und Uchrut“ schrieb Künzle: „Das Feuer ist eben eine Verbotstafel, die  jede Geiss lesen kann.“

 


Brennnessel
 

Du bekommst kein Rheuma
Der Schweizer Kräuterexperte und Heilpraktiker Bruno Vonarburg, erzählte eine Episode aus seiner Jugendzeit. Er sagte zu seinen Spielgefährtinnen, Brennnesseln würden im Mai und bei Vollmond nicht brennen. Die Mädchen probierten das aus, und es brannte fürchterlich. Es flossen sogar Tränen. Vonarburg tröstete sie mit folgenden Worten: „Du wirst, so hoffe ich, Dein ganzes Leben lang dadurch kein Rheuma bekommen.“

Erkennen einer Jungfrau
Oft verblüffen Gärtner Besucher damit, dass sie Brennnesseln anfassen, ohne sich dabei zu „verbrennen“. Sie wenden  einen Trick an. Sie packen die Blätter von oben nach unten streichend an. Dabei werden die Brennhaare flachgedrückt, so dass sie sich nicht in die Haut bohren können. Ob das immer hilft? Gärtner haben zudem noch Schwielen an den Händen. Diese sind ein unüberwindliches Bollwerk gegen die Brennhaare.
Früher, so der Aberglaube, hatte man ein untrügliches Zeichen dafür, ob eine Frau noch eine Jungfrau ist oder nicht. Sie musste nur eine Brennnesselpflanze anfassen. Wurde sie dabei nicht „verbrannt“, dann war sie noch jungfräulich. Auch glaubte man, dass eine Brennnessel eingeht, wenn sie mit dem Harn einer unfruchtbaren Frau begossen wird. Heute gibt es andere Methoden.
Oder ein anderer Brauch, diesmal aus der Pfalz: Man schüttet den Urin eines Kranken über Brennnesseln; gehen die Nesseln zu Grunde, so stirbt der Kranke, wenn nicht, wird er bald gesund.
In der Schrift „Kytta-Heilpflanzenanbau“, entdeckte ich einen interessanten Brauch. In frühen Zeiten legten Bierbrauer beim Herannahen eines Gewitters einen grossen Busch Brennnesseln auf die Gärbottiche, um zu verhindern, dass das Bier während des Gewitters sauer werde.

Literatur
Hess, Walter; Rausser, Fernand: „Die Brennnessel – eine feurige Kraft“, Wegwarte Verlag, Bolligen BE 2009, ISBN 978-3-9523235-2-6, CHF 23.?.
Künzle, Johann: „Chrut und Uchrut“, Verlag Kräuterpfarrer Künzle AG, CH-6648 Minusio 1972.
Scholz, Heinz; Hiepe Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Vaihingen 2013.
Storl, Wolf-Dieter: „Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor“, AT Verlag, Aarau, 1996.
Vonarburg, Bruno: „Natürlich gesund mit Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 1993.
Walden, Traudl: „Zum 60. Todestag von Kräuterpfarrer Johann Künzle“, „Naturheilpraxis“, München (ohne Datum).

Weitere Blogs über die Brennnessel
13.05.2011: Frühjahrskräuter (4): Brennnessel bei Rheuma und anderem
09.10.2009: Brennnesseln, Wegwarten, Wasser und Botanischer Garten

 


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