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BLOG vom 02.03.2017


Luther, aus unterschiedlicher Sicht betrachtet, und seine Frau

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Deutschlands evangelische Kirchen bereiten sich auf die 500-Jahr-Feier des Thesenanschlags Luthers im Oktober 2017 vor.

Da passt ein Film über die Frau von Martin Luther, die aus adeligem Hause stammende Katharina von Bora, gut ins Bild. So kann indirekt ein Zugang zum Reformator geschaffen werden. Es wird zwar auf ihn eingegangen, aber da der Focus des Films auf seiner Frau lag, nicht so, dass viele Seiten des Ehemannes, die besonders von der evangelischen Kirche eher verschwiegen werden möchten, in den Film  einflossen.

Dennoch ist ein Interview, erschienen im "evangelischen Online-Magazin chrismon.de" mit der Regisseurin des Fernsehfilms, Julia von Heinz, interessant hinsichtlich seines Charakters:

 "Luther ist in Ihrem Film keine Lichtgestalt, sondern ein manischer Typ, ein mitunter weltfremder Workaholic. Sollte das auch ein bewusster Sockelsturz sein?

Ich wollte sicher nicht das nächste Lutherdenkmal errichten – davon gibt es genug. Da ich ja auch die Chance hatte, den gealterten Luther zu erzählen, hat es sich angeboten, ihn so zu zeigen. Er war ein strenger und unerträglicher Vater, ein Haustyrann, hypochondrisch und ziemlich getrieben. Ich finde im Übrigen, dass Devid Striesow (in seiner Rolle) das aber immer so spielt, dass man ihm gerne zuschaut und folgt. Und er kommt ihm auch physiognomisch sehr nahe.

Was kann man einem Schauspieler mitgeben, wenn er eine solche Rolle spielt?

Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, dass Luther in Wittenberg ja quasi selbst schon ein Denkmal ist, auch satt und selbstzufrieden. Gerade am Anfang des Films merkt man, wie er sein Publikum gewohnt ist. Später allerdings gerät er stark in Zweifel.
Feministisches Statement

Es kommen auch die lutherschen Knackpunkte vor, seine Anwürfe gegen die aufständischen Bauern und sein Antisemitismus.

Ich fand es wichtig zu zeigen, dass er durchaus autoritär und obrigkeitshörig war. Es war für mich, gerade wegen meiner jüdischen Wurzeln, undenkbar, seine Judenfeindlichkeit wegzulassen. Dass er seinen extremen Antisemitismus nach dem Tod seiner Tochter Magdalena weiter verfestigt hat, gilt in der Forschung als gesichert."

*

Die folgenden Texte sind bereits in 2 Blogs von mir vor einigen Jahren erschienen, wurden aber angepasst:

 

I. Die nachfolgenden Zitate sind alle belegt.

Neu ist ein fiktiver Interviewer, „GdS“, der Luther untergeschoben worden ist. Dadurch war es möglich, alle seine Aussagen sinnvoll zusammenzufügen:

Die Evangelische Kirche feiert Martin Luther als ihren großen Kirchenstifter. Im ganzen Lande sind Gemeinden nach ihm benannt. Wir wollten wissen: Hat diese starke Persönlichkeit auch in der heutigen Zeit uns etwas zu sagen? Heike Jackler machte sich für www.GegendenStrom.de („Atheismus und Geistesfreiheit“) auf, um mit Martin Luther ein Interview zu führen.

Luther: Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden.

GdS: Na ja, eine hohe Meinung von den Frauen haben Sie nicht, das ist bekannt. Ich hörte, sie trauten den Frauen durchaus zu, mit einem männlichen, dämonischen Wesen im Schlaf zu verkehren. Und auch deren Verbrennung als Hexen auf dem Scheiterhaufen befürworten Sie.

Luther: Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.

GdS: Trotzdem haben Sie sich entschlossen, zu heiraten. Wie haben Sie ihre Auswahl getroffen?

Luther: Ich heiratete eine entlaufende Nonne, Katharina von Bora. 1525 war das, wir feierten ein rauschendes Fest.

GdS: Während die Bauern verreckten? – Warum haben Sie, ein ehemaliger Mönch, nun geheiratet?

Luther: Ich habe den Wunsch meines Vaters nach Nachkommen erfüllen wollen.

GdS: Ah ja. Als gehorsamer Sohn mussten Sie diesem Wunsch natürlich nachkommen. – Ich hörte, es gab da noch einen Grund …

Luther: Nun ja, die Ehe ist Heilmittel gegen geschlechtliche Zügellosigkeit und Hurerei.

GdS: Waren Sie wenigstens verliebt?

Luther: Ich war nicht verliebt und nicht in Leidenschaft, aber ich liebte meine Frau.

GdS: Was sagen Sie zu der hohen Scheidungsrate in unserer Zeit?

Luther: Ein Weib ist bald genommen, aber sie stets lieb zu haben, das ist schwer.

GdS: Sie hatten mit ihrer Frau viele Kinder, mindestens 9, sagt man.

Luther: Frauen werden mit der Mutterschaft zum Werkzeug Gottes.

GdS: Hatten Sie bei so vielen Geburten nicht Sorge um das Leben ihrer Frau?

Luther: Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.

GdS: Was halten Sie allgemein von Sexualität?

Luther: Darum hat die Maid ihr Punzlein, dass es dem Manne sein Heilmittel bringe.

GdS: Dann war Sexualität wichtig für Sie. Waren Sie da nicht sehr vom guten Willen ihrer Frau abhängig? Sie waren als vorbildlicher Pfarrer doch sicher ein treuer Ehegatte?

Luther: Will die Frau nicht, so komm’ die Magd!

So weit die Aussagen von Luther zum Thema „Frau“!

Es scheint der Evangelischen Kirche scheinbar nichts auszumachen, was Luther so von sich gegeben hat. Weitere menschenverachtende Aussagen, z. B. gegen Bauern, Juden und Behinderte, sind allgemein bekannt. Luther habe sich bei seinen Äußerungen auf sein Gewissen und das Wort Gottes berufen!

Die 11. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands im Jahr 2013 am Timmendorfer Strand geht mit nur wenigen Worten über die Menschenverachtung hinweg, wenn dazu geschrieben wird: „Ihre (die der Reformatoren) Begeisterung warf zugleich Schatten: Martin Luthers Ausfälle gegen die Juden oder gegen die Bauern im Bauernkrieg; die Verfolgung Andersdenkender bis hin zur Verbrennung Michael Servets 1553 in Genf. Der Reformation war die Toleranz in die Wiege gelegt - allzu oft blieb sie dort liegen“, besonders wenn gleich angehängt wird: „Die Reformatoren schätzten die Vernunft neben der Heiligen Schrift als gottgegebene Quelle menschlicher Weisheit für das Handeln.“

Heißt das jetzt: der Reformator Martin Luther war ein Mann der Vernunft?

Was die Synode im Anschluss gegen mögliche Auswirkungen der Aufklärung formuliert, sollte sie doch eher an den Worten Luthers messen, wenn die Synode veröffentlicht: „Aufklärung kann umschlagen in eine ,Vergottung’ des Menschen bei gleichzeitiger Verachtung der Menschenwürde einzelner oder ganzer Gruppen von Menschen und in eine entgrenzte Hochschätzung der Vernunft mit ihren vermeintlichen Zweckrationalitäten, deren ,Vernünftigkeit’ nicht mehr kritisch reflektiert wird.“

Ich würde mich freuen, wenn das Lutherjahr dafür genutzt würde, nicht nur die Kirchenspaltung zu feiern, sondern auch dafür, seine Aussagen genauer unter die Lupe zu nehmen und entsprechend zu beurteilen! Dann würde man ihn nämlich ehrlichen Gewissens nicht mehr „feiern“ können!

 

II. Das Sprachgenie Martin Luther: der Wolf im Schafspelz

Der Reformator Martin Luther hatte viele Seiten, er war grob und unschlächtig. Viele seiner Aussagen muss man heutzutage als menschenverachtend ablehnen. Meines Erachtens schmälern sie seine Leistungen.

Er war aber nicht dumm. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, wie er sich nach seiner Protestaktion den Fängen der Kirche und der Inquisition entzogen hat. Unter dem Decknamen „Junker Jörg“ versteckte er sich auf der Wartburg. Er ließ sich dazu sogar vorher „gefangen nehmen“; denn sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, hielt es für angebracht, den aufsässigen Mönch zu seinem eigenen Schutz für einige Zeit aus der Schusslinie zu nehmen. Am 05.05.1521 kam er auf der Wartburg bei Eisenach an und blieb dort eine ganze Zeit, ohne dass sein Versteck bekannt wurde. Es heisst, er langweilte sich dort, aber auch, dass er von dem Burghauptmann Hans von Berlepsch in die Künste des Reitens, Fechtens und Jagens eingeweiht und so gut verpflegt worden sei, dass er gehörig an Gewicht zunahm.

Ende 1521 begann er, die griechische Urfassung der Bibel in die deutsche Sprache zu übersetzen. Für die 220 Seiten benötigte er nur 11 Wochen. Er soll dabei nach eigenem Bekunden häufig „unter Visionen“ gelitten haben, die er dem Wirken des Teufels zuschrieb und den er „mit Tinte bekämpft“ habe. Er hat dabei eine ganze Reihe von Wortschöpfungen erdacht.

Luther hat sich mit der Übersetzung der Bibel aus der griechischen Urfassung ins Deutsche ein großes Verdienst erworben.

In den deutschen Sprachräumen wurde sehr unterschiedlich gesprochen. Die Sprachen veränderten sich durch verschiedene Einflüsse fortwährend. Betrachten wir die Sprachsituation im Spätmittelalter von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, kann man vielfältige Einflüsse feststellen, die von den Höfen und Burgen, den bürgerlichen Schichten in den Städten ausgehend auf eine überregional gültige, vielfältig einsetzbare Sprachform zustrebte. Dies war auch durch die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg 1446 immer wichtiger geworden. Noch war es nicht in der bäuerlichen Bevölkerung der Fall, die kleinräumig verschiedene Territorial- und Ortsmundarten sprach; der Stadtdialekt wurde eine der Grundlagen für die Entstehung von Umgangssprachen. Einen großen Einfluss hatten auch die Literatursprachen, die in Flandern und Brabant im 12. Jahrhundert entstanden waren, die durch die Hanse, die Kanzlei Kaiser Karls IV. in Prag, und durch die Habsburger Bedeutung erlangten. Hier wurde schon auf eine Vereinfachung und Vereinheitlichung der Schriftsprache gedrängt, wie z. B. durch den Kanzler Niclas Ziegler.

Im Spätmittelalter entwickelte sich der Wortschatz. So setzte sich das Wort „vrouwe“ gegen „wip“ durch, „maget“, erst die Bezeichnung für junge Mädchen, wurde danach nur noch für die Dienstmagd verwendet. Die berufliche Spezialisierung und Arbeitsteilung führten zu Fachwortschätzen für See- und Bergleute, Jäger, Soldaten und Kaufleute. Der Satzbau mit Formen der Satzverknüpfung und der Satzgliedstellung entwickelten sich ebenso wie die Wortbildung mit zusammengesetzten Wörtern und Ableitungen; Tempora und Numeri von starken Verben veränderten sich, es traten Veränderungen mit dem Ausgleich von Singular- und Pluralformen und der Deklination von Substantiven auf, und der Prozess der Lautentwicklung ging voran.

Luther nahm als Grundlage für sein sprachliches Werk die kursächsische Kanzleisprache. Er wirkte also durch die Bibelübersetzung bei der Vereinheitlichung der deutschen Sprache in Deutschland maßgeblich mit. Er kleidete seine Gedanken in eigenwillige Ausdrücke, schuf poetische Bilder und erfand neue Wortspiele. Sein Deutsch wirkte stil- und sprachbildend für Jahrhunderte.
  
Martin Luther ersann Ausdrücke wie die Feuertaufe, der Bluthund, die Selbstverleugnung, das Machtwort, der Schandfleck, der Lückenbüßer, die Gewissensbisse, das Lästermaul und der Lockvogel; wetterwendisch.

Viele Metaphern gehen auf ihn zurück:

„Perlen vor die Säue werfen”, „ein Buch mit sieben Siegeln”,
„die Zähne zusammenbeißen”, „etwas ausposaunen“, „im Dunkeln tappen“,
„ein Herz und eine Seele“, „auf Sand bauen”, „ein Wolf im Schafspelz” und
„der große Unbekannte“.

Luther war sich seiner Übersetzungskunst wohl bewusst. So schreibt er 1530 im „Sendbrief vom Dolmetschen”: „Nu es verdeutscht und bereit ist, kans ein yeder lesen und meistern... Ah, es ist dolmetzschen ja nicht eines iglichen kunst...; es gehöret dazu ein recht frum, treu, vleisig, forchtsam, christlich, geleret, erfarn, geübet hertz...” (Weimarer Ausgabe 24,24).

Also wenn Sie sich darüber ärgern, dass der Täter im Fernsehkrimi ein plötzlich auftauchender „großer Unbekannter” ist, der Regisseur Sie sinnlos „im Dunklen tappen” ließ; werden Sie feststellen, dass ein Blog für Sie „ein Buch mit sieben Siegeln” bleibt, dann denken Sie daran, dass Sie mit der Lutherschen Sprache umgehen! Was Sie heute von ihm lesen, könnte Sie zur Ansicht bringen, dass er selber „ein Wolf im Schafspelz” oder „ein Buch mit sieben Siegeln” war.

Ich bin sicher, dass meine Blogger-Kollegen und ich mit unserer Arbeit nicht „Perlen vor die Säue werfen”!


I. Quellen
http://zoelibat.blogspot.de/2008/02/luther-der-menschenfeind.html
http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2012-11/25105814-synode-verabschiedet-kundgebung-zum-schwerpunktthema-am-anfang-war-das-wort-theologische-impulse-auf-dem-weg-zum-reformationsjubilaeum-2017-007.htm
II.
http://www.welt.de/kultur/history/article1590611/Wie-Martin-Luthers-Bibel-unsere-Sprache-praegt.html
Adolf Bach: „Geschichte der deutschen Sprache”, Heidelberg, 1949.
Friedrich Kluge: „Deutsche Sprachgeschichte”, Leipzig 1920.
Joachim Schildt: „Kurze Geschichte der deutschen Sprache”, Berlin 1991.

 


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