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BLOG vom 26.09.2020
Die Gottesanbeterin ist keineswegs fromm

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim



Hellbraune Gottesanbeterin
 

An einem herrlichen Septembertag informierte mich eine Frau aus Schopfheim-Fahrnau über einen seltenen Gast in ihrem Garten. Sie hatte eine grün gefärbte Gottesanbeterin (Mantis religiosa) an einem Blütenstängel entdeckt. Einige Tage später sah meine Nachbarin Karin Greiner eine hellbraun gefärbte Gottesanbeterin am Boden vor unserem Hauseingang. Wir setzten sie dann auf Blätter eines Busches. Dort verharrte sie ganz ruhig, so dass ich sie fotografieren konnte.

Eine Gewinnerin des Klimawandels
Ein solches Insekt der Ordnung der Fangschecken hatte ich noch nie vor meiner Kamera bekommen. Wohl deshalb, weil das Insekt im Mittelmeergebiet häufig vorkommt, aber bei uns nur selten zu sehen ist. Nördlich der Alpen ist die Gottesanbeterin besonders in Wärmegebieten, wie zum Beispiel am Oberrhein südlich von Freiburg bis Basel, am Kaiserstuhl und im Glottertal, anzutreffen.

Die Gottesanbeterin ist Gewinnerin des Klimawandels. Mit steigenden Temperaturen breitet sich das Insekt immer weiter aus. Die bestätigte mir auch Klaus Böttger, Vorsitzender der BUND-Ortsgruppe Schopfheim und brachte zum Ausdruck, dass jetzt schon das Insekt in Rheinland-Pfalz und Hessen beobachtet wird.

Die Gottesanbeterin sitzt oft regungslos an Stängel von Pflanzen oder in der Nähe von Blüten. Dort wartet sie geduldig auf Beute. Dabei ist der Vorderkörper erhoben und die Vorderbeine sind angewinkelt. Der Name entstand wegen dieser Haltung. Sie gleicht einem im Gebet versunkenen Menschen mit gefalteten Händen.

Die Haltung ist jedoch eine Lauerstellung. Kommen Fliegen, eine Heuschrecke oder ein Grashüpfer in ihre Nähe, dann greifen die bedornten Fangarme blitzschnell zu. Der Fangschlag dauert nur 50 bis 60 Millisekunden, er ist sechsmal schneller als ein Lidschlag des menschlichen Auges. Die Gottesanbeterin klemmt die Insekten zwischen Schenkel und Schiene ein und beginnt mit dem Mahl.

Wird das Insekt gestört, nimmt es eine imposante Drohhaltung ein. Flügel und Fangarme werden dabei abgespreizt. Der Kopf der Fangschrecke ist sehr beweglich und wird oft gedreht. Dadurch wird der Blickwinkel der großen Augen erheblich erweitert.

Ganz lustig empfand ich ein kurzes Video auf Twitter. Eine Twitterin beobachtete und filmte eine Gottesanbeterin, die sich mit einem Fangarm über den Kopf putzte. Eine Art Wäsche, die wir von Katzen her kennen. Ein Bekannter äusserte, das Insekt müsse sich die Augen putzen, um eine klare Sicht auf die Beute zu haben.

Die Gottesanbeterin wurde 2017 zum Insekt des Jahres gekürt.



Gottesanbeterin
 


Bedornte Fangarme
 

Männchen müssen sich in Acht nehmen
Paarungswillige Männchen müssen sich in Acht nehmen, um nicht verspeist zu werden. Die Autoren Klaus Richarz und Bruno P. Kremer haben dies in ihrem Buch „Wie bissig ist der Löwenzahn“ super beschrieben. Hier ein Auszug: „Die Liebhaber versuchen das Gefressenwerden zu entgehen, indem sie sich von hinten an die Partnerin anschleichen, blitzschnell auf ihren Rücken springen, sich dort festklammern und nach dem langen Akt so schnell wie möglich wegspringen oder wegfliegen.“

Wird jedoch das Weibchen nach der Paarung früher munter, hat sie den Liebhaber „zum Fressen“ gern. Es ist ein zweifacher Vorteil für die Kannibalin: Die Männchen haben ihren Zweck erfüllt und das Weibchen kann auch ihren Magen füllen. Das klingt brutal, aber im Tierreich gibt es auch andere Insekten, die den Partner verspeisen. Wie NABU (Naturschutzbund) erwähnt, ist der Sexualkannibalismus nicht zwingend. Oft kommt das Männchen nach der Kopulation heil davon.

Eiablage in Ootheken
Die Begattung erfolgt meisten in den Monaten August bis Oktober. Einige Tage danach legen die Weibchen bis zu 200 Eier in sogenannten Ootheken ab. Diese bestehen aus einer schnell erhärtenden Schaummasse. Hier überstehen die Larven bis sie im Frühjahr schlüpfen. Die erwachsenen Tiere sterben vor Beginn des Winters.
NABU: „In Deutschland, der Schweiz und Österreich wird Montis religiosa als bedrohte Art geführt.

 

Internet
www.nabu.de

Literatur
Bellmann, Heko: „Welches Insekt ist das?“, Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
Dierl, Wolfgang: „BLV Naturführer Insekten“, BLV Verlagsgesellschaft, München 1978.
Richarz, Klaus; Kremer Bruno P.: „Wie bissig ist der Löwenzahn?“ (Tier- und Pflanzennamen und was dahinter steckt), Kosmos Verlag, Stuttgart 2006.

 


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