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BLOG vom 22.04.2013


Schriftsteller am Niederrhein und deren „eigne Schand“
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Ich wohne am Niederrhein. So wird die Gegend genannt, die südöstlich der niederländischen Grenze liegt und etwa bis zum Rhein reicht. Die „Niederrheiner“ sollen ein besonderer Menschenschlag sein; ich gehöre nicht dazu, ich bin zugezogen.
 
Es gibt ein paar Schriftsteller dieser Gegend, die über die Grenzen bekannt geworden sind. Einer davon ist Albert Vigoleis Thelen, der mit seinem Roman über Mallorca, „Die Insel des zweiten Gesichts“, Erfolg hatte. Thomas Mann nannte das Buch „einen krausen Roman“. Nach Vigoleis Thelen wurde die Stadtbibliothek in Viersen benannt. Ihn kann Hanns Dieter Hüsch, der das Bonmot „Der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären“ erfunden hat, nicht gemeint haben. Vigoleis Thelen weiss, wovon er schreibt und er tut es in epischer Ausführlichkeit auf den 730 Seiten dieses Romans.
 
Eine Schriftstellerin, Charlotte Roche, die durch geschickte Verkaufswerbung und Tabubrüche in ihrem Buch mit dem Titel „Feuchtgebiete“ einen grossen Verkaufserfolg hatte, stammt ebenso vom Niederrhein wie der Schriftsteller Markus Orths. Beide wohnen inzwischen nicht mehr hier.
 
Ihr Buch wird von Frau Roche, die ausser mit ihren Romanen auch als Fernsehmoderatorin in Erscheinung trat, so beurteilt „Das Buch ist eine Geschichte, eine Phantasie, ein völlig übertriebenes Rumgemansche.“ Letzerem kann ich nur zustimmen und ergänzen, dass das Buch, dessen Thema sich vor allem mit dem Schambereich des Menschen beschäftigt, abstossend und kaum lesbar ist.
 
Ein Buch von Markus Orths habe ich vor einigen Jahren von meinem langjährigen Arbeitgeber, dem Schulbuchverlag Cornelsen, als Geschenk überreicht bekommen. Es heisst „Lehrerzimmer“. Der 2003 erschienene Roman ist kein Schulbuch, wie man denken könnte, sondern er spielt in dem Lehrerzimmer eines Gymnasiums, in dem der Protagonist Studienassessor Kranich seinen Dienst begonnen hat. Der Autor stellt satirisch und grotesk den Lehrerapparat als System von Überwachung und Terror, fürsorglicher Lenkung und Neusprech-Euphemismen, das einzig der Selbsterhaltung dient" dar.
 
Warum wir, die Verlagsvertreter, die täglich in den Schulen und oft auch in den Lehrerzimmern mit den Referendaren und Lehrern Kontakte knüpfen, Informationen austauschen und die Produkte des Verlages vorstellen müssen, entweder in den Pausen oder in den Fachkonferenzen, dieses Buch bekommen haben, ist mir immer noch nicht ganz verständlich. Ich stimme einer Rezensentin zu, die schreibt:
 
Am unglaubwürdigsten fand ich dann die Geschichte der Klett-Verlagsvertreter, die angesichts der Gefahr, das Monopol an den Cornelsen-Verlag zu verlieren, die Englischlehrer mit neuen Autos, Fahrrädern, Fernsehern und Videorekordern bestochen haben und dabei noch die haarsträubende Geschichte des ‚anschaulichen Unterrichts’ erzählten, in dem ein junger Lehrer erst den Mord an seinem Kollegen, dann seinen eigenen Selbstmord vortäuschte, um den Schülern die Vokabelgruppe ‚Mord und Angst’ nahe zu bringen.“
 
Was der Roman ganz gut herausarbeitet, ist, dass die Entscheidung für die Einführung eines neuen Schulbuchs nur zu einem kleinen Teil der Qualität des Schulbuches oder der Arbeit des Verlagsvertreters und seinen Gratis-Zugaben, bestehend aus Freiexemplaren und Medien des Buchs, zuzuordnen ist, sondern beschrieben sind häufig Vorurteile, Stimmungen und Konstellationen in den Beziehungen „des Lehrkörpers“ untereinander.
 
Wenn die Online-Seite der „Welt“, den Roman „Grabrede auf das deutsche Schulsystem“ nennt, finde ich das ebenso unsinnig wie auf der Website der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung Feuilleton“ den Hinweis, der Roman sei „eine absurde Groteske, ein satirischer Amoklauf, der sich schon durch den exzessiven Gebrauch von indirekter Rede, redundanten Schmähungen und fachspezifischen Wortungetümen in die Nachfolge Thomas Bernhards stellt“, besonders wenn ich folgenden Auszug aus „Lehrerzimmer“ lese:
 
Sagen Sie, rief mir jemand ins Ohr, haben Sie die Schnabeltassen gesehen für unsere Pensionäre, die stehen sonst immer hier auf dem Schrank, ich schüttelte den Kopf, sechs Uhr fünfundzwanzig, schrie jemand neben mir, sechs Uhr fünfundzwanzig, das glaubt man nicht, ruft eine Mutter bei mir an, heute Morgen, um ihren Sohn zu entschuldigen, Bronchitis, sechs Uhr fünfundzwanzig, das musst du dir vorstellen, und zwar bei mir, nicht im Sekretariat, nicht bei Bassel, nicht bei Höllinger, nein, bei mir, letztes Jahr war das, hörte ich eine andere Stimme, vor der Notenkonferenz, da sagt der mir, Frau Straub, sagt er, machen Sie aus der fünf ’ne vier, ich sage, ich denk’ nicht dran, das ist ’ne fünf, Frau Straub, sagte der, machen Sie ’ne vier draus, das ist der Schiedle Philipp, der Sohn vom Schiedle Heribert, der ist nicht schlechter als vier, ich sag, ich kann doch nicht die ganzen Klausuren umkorrigieren, nein, sagt der, das können Sie nicht, aber mündlich, sagt der, war der doch bestimmt zwei, der Philipp, nein, sag ich, sechs war der, nichts gesagt, das ganze Schuljahr, zum letzten Mal, sagt er, machen Sie aus der fünf ’ne vier.“
 
Es ist unschwer zu erkennen, dass das gesamte Zitat aus einem einzigen Satz besteht. Thomas Bernhard schreibt zwar auch oft Schachtelsätze, aber er formuliert formvollendet, wie bei diesem Auszug aus seinem Roman „Korrektur“ zu ersehen ist:
 
„Tatsächlich bin ich erschrocken über alles, das ich jetzt geschrieben habe, dass alles anders gewesen ist, denke ich, aber ich korrigiere, was ich geschrieben habe, jetzt nicht, ich korrigiere dann, wenn der Zeitpunkt für eine solche Korrektur ist, dann korrigiere ich und dann korrigiere ich das Korrigierte und das Korrigierte korrigiere ich dann wieder undsofort, so Roithamer.“
 
Sowohl Charlotte Roche als auch Markus Orths bestätigen die folgende Meinung: „Das Wesen des Niederrheinischen ist die Kunst der reinen Vermutung, seine sprachliche Form ein hemmungslos assoziierendes Schwadronieren“, schrieb der Mönchengladbacher Christof Siemes in der „Zeit“. „Der Satzbau ist wie die Gegend: weit und ungegliedert.“
 
Über die Stadt Viersen hat Markus Orths ebenfalls geschrieben. Der Text bewahrheitet die Charakterisierung gleichermassen. Er besteht aus einer Aneinanderreihung von Satzteilen, ich zitiere ein Mittelteil: „…und wenn ich an das Quasseln denke, kommt mir zwangsläufig meine Grossmutter in den Sinn, eine Viersenerin, die mir beibrachte, was Erzählen heisst, da sie unermüdlich erzählen konnte, in einem einzigen, garnicht geraden Fluss, sondern mit unglaublichen Windungen und Strömungen, vom Hundertsten ins Tausendste, ,von et Hölzke up et Stöckske’ sagen wir Viersener, und immer war der Tod präsent, weisst du, wer gestorben ist, die wohl häufigste Begrüssugsfrage, aber mit Humor ...“ usw., usw.
 
Auch dieser Text bekräftigt mich im Vorsatz, dass der Roman „Lehrerzimmer“ der erste und der letzte Roman ist, den ich von Markus Orths gelesen habe, ich mag „Quasseln“ einfach nicht!
 
Bei Albert Vigoleis Thelen habe ich auch solche Empfindungen, bei seinem Roman kommt er „von et Hölzke up et Stöckske“. Damit will ich keinen Vergleich der beiden Schriftsteller anstellen, denn das Buch über die Erlebnisse der Romanfiguren, des Schriftstellers Vigoleis und Beatrice als Naziflüchtlinge auf Mallorca, wurde nicht nur von Thomas Mann gelobt, sondern auch von Siegfried Lenz, der schreibt: „Man muss sich wirklich weithin umtun, um ein Buch zufinden, das mit diesem vergleichbar wäre ... Vigoleis ist ein epischer Zauberer.“
 
Ein Satz aus diesem Roman von Albert Vigoleis Thelen passt zu meinen Ausführungen und soll die Leser, darunter möglicherweise auch die oben genannten Autoren (nicht alle weilen noch unter den Lebenden), nachdenklich machen: „Ein gelesener Autor zu sein, stelle ich mir erregend vor, zumal wenn man als Horcher an der Wand seine eigne Schande hören kann.“
 
 
Quellen
Charlotte Roche: Feuchtgebiete, DuMont Buchverlag, Köln 2008.
Markus Orths: Viersen, Schweizer Kulturzeitschrift „du“, 6-2006.
Markus Orths: Lehrerzimmer, Frankfurt am Main: Schöffling 2003.
Thomas Bernhard: Korrektur, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1975.
Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts - Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis, Verlag Ullstein, Frankfurt/M; Berlin; Wien, 1983.
  
Hinweis auf weitere Literatur-Blogs von Richard Gerd Bernardy
16.05.2012: Der Romanautor als Gebieter. Vorwort zu einem Roman
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