Textatelier
BLOG vom: 10.02.2014

Die verletzte Taube – mit einem sozialen Seitenhieb

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Bei der Ausfahrt sass eine Taube regungslos. Ich näherte mich ihr. Ihr rechtes Auge war verletzt, wie ausgestochen, und unter ihrem Schnabel fehlten ihr die Federn. Wer hatte sie überfallen? Eine Katze, ein Fuchs, oder wurde sie von einem Auto angefahren? Ich versuchte, sie zur Seite zu bugsieren; denn ich musste im Auto ausfahren. Sie flatterte zur Seite.
 
Lily gesellte sich zu mir. Sollten wir sie aus der Qual befreien? Davon wollte Lily nichts wissen. „Ich telefoniere mit der RSPCA (Royal Society of Prevention of Cruelty to Animals)“, sagte sie entschlossen. 10 Minuten später erschien sie wieder. „Ein Rettungswagen ist zu uns unterwegs“, sagte sie. Und tatsächlich fuhr das Auto eine Viertelstunde später bei uns vor. Vorsichtig erhaschte der Mann die Taube und legte sie in einen Käfig. Ob die Taube überleben wird, bleibt fraglich. Die Tierliebe des Engländer ist vorbildlich.
 
Mit ihrer Kinderliebe hapert es jedoch. Einer Zeitungsnotiz entnehme ich, dass allein in London jährlich 16 000 Kinder ihren Eltern, Verwandten oder Pflegeltern entlaufen. Viele von ihnen wurden sexuell missbraucht oder lieblos behandelt. Falls zwingend notwendig, werden sie von der Wohlfahrt versorgt. Auch alte und hinfällige Leute werden oft im Pflege- und Altersheim von unserer entwurzelten Gesellschaft arg vernachlässigt. Der Abbau von Pflegepersonal wird dauert an. Die Wartefristen für Operationen verlängern zur Endlosspirale.
 
Reiche Leute, aus aller Welt fliegen ins Land und lassen sich sofort in Privatkliniken einweisen, wo sie gehegt und gepflegt, oft von ihrer Familie begleitet, die im Hotelanbau der Privatspitäler Unterkunft finden. Es gibt etliche Ärzte, die sich auf solche finanzkräftige Patienten spezialisiert haben. Einer von ihnen bemerke lakonisch: „Das sichert mir eine tolle Pension.” Inzwischen bricht das einst bewunderte NHS (National Health Service) in sich zusammen.
*
Ich kann nicht sagen, dass ich ein Freund von gefrässigen Tauben bin, die ihren Kot wie Visitenkarten überall hinterlassen und die von Lily gestreuten Körner den Singvögeln wegfressen. Aber das Leid dieser Taube erweckt Mitleid. Sie schickte sich stumm in ihr Schicksal.
 
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