Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     15. Oktober 2018, 21:26 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 24.08.2016


Linner Linde: Der mächtigste Baum des Aargaus

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Linner Linde
 

Vor einigen Jahren fuhr ich auf der Leumli-Strasse nach Linn. Schon von der Ferne sah ich das Objekt meiner Begierde, die Linner Linde, von einer Anhöhe herübergrüssen. Linn war bis zur Fusion mit Gallenkirch, Unter- und Oberbözberg (01.01.2013, neue Gemeinde Bözberg) die kleinste politisch selbständige Gemeinde im Aargau (129 Einwohner), und breitet sich auf dem Bözberg-Plateau (560 m ü. M.) am Übergang vom Ketten- zum Tafeljura aus. Und hier auf dem Plateau steht der prächtige Baumveteran, ein Naturdenkmal mit überdimensionaler Grösse. Ich war von diesem stattlichen Riesen mit einer Höhe von 25 Metern und einem Stammumfang von 11 Metern tief beeindruckt. 8 Erwachsene oder 12 Kinder sind nötig, um mit ausgestreckten Armen diese Sommerlinde vollständig zu umfassen. Wer hier oben steht, der wird mit einem prächtigen Blick auf das Aaretal mit Brugg und Windisch und auf die Habsburg belohnt. Bei gutem Wetter ist auch das Alpenpanorama zu sehen.

Damals war ich mit Heiner Keller und Walter Hess anlässlich einer Exkursion zum ersten Mal dort, später zeigte ich das Naturdenkmal einem Arbeitskollegen. Einen weiteren Besuch unternahm ich am 13.08.2016, um aktuelle Fotos für eine Publikation zu machen.

Nach dem fleissigen Fotografieren setzte ich mich auf eine Bank neben einem älteren Mann (83), der öfters von Brugg mit einem Auto herauffährt und den Baumveteran besucht. Er geniesst die Ruhe und die kühle Luft unter der schattenspendenden Linde. Auch andere Besucher erholten sich auf den Bänken, zwei Radfahrer lagen im Gras im Schatten und einer lehnte am mächtigen Stamm des Baumes. Er hatte die Augen geschlossen und genoss die wohltuende Wirkung des Volksbaumes.

Es gibt erstaunliche Beobachtungen von Freunden des Baumes. Ein Kursteilnehmer bei einer Exkursion in Ibach bei Marlene Müller brachte es treffend auf den Punkt: „Wenn ich unter einem Lindenbaum sitze, dann kann ich wieder klar denken und verspüre schon nach kurzer Zeit eine beruhigende Wirkung.“

Von Rita Lorenzetti-Hess wollte ich einmal wissen, welche Bedeutung die Linde für sie hat. Wenn sie sich auf einer Ruhebank unter einen Lindenbaum setzt, dann spürt sie dies: „Er beruhigt, strahlt Frieden aus. Sein Name lässt mich an die sanften Worte weich und zart denken.“ Auch denkt sie an das Lied „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“. Dieses wurde in der Schule früher gerne gesungen.

Bruno Vonarburg schrieb in einem Beitrag in „Natürlich“ (8/2004): „Die frei stehende Linde ist ein wunderbarer Ort der Erholung und der Stille. Man fühlt sich unter ihrer Krone wohl und geborgen. Der Platz in ihrem Schatten ist der ideale Bereich, um sich selbst zu finden.“

Eine Linde war früher immer ein Mittelpunkt des geselligen Lebens. Oft wurde unter der Linde getanzt und öffentliche Versammlungen, Beratungen und Gerichtsverhandlungen abgehalten.  In frühen Zeiten pflanzte jeder frischgebackene Vater als Dank für den Nachwuchs einen Lindenbaum.

Die Linde wird auch als Heilbaum geschätzt. Berühmt ist der Lindenblütentee, der bei Husten, Katarrhen der Atemwege und bei fieberhaften Erkältungskrankheiten, bei denen eine Schwitzkur angebracht ist, zur Anwendung kommt. Die Lindenholzkohle hilft bei Blähungen und Gärungsdurchfällen.

 


Linner Linde
 

Wie alt ist die Linde?
Vor der Linner Linde befindet sich eine Orientierungstafel mit einem Text zur Baumgeschichte, verfasst von Martin Erb. Nach einer Legende soll der Baum Ende 1668 zum Gedenken an die Pest von einem der letzten Überlebenden gepflanzt worden sein. Das tatsächliche Alter dürfte jedoch höher sein.
Als ich den eingangs erwähnten 83-Jährigen danach fragte, war er der Ansicht, das von Wissenschaftlern geschätzte Alter würde 800 Jahre betragen. „Und Wissenschaftler dürften sich nicht irren“, gab er kund. Das Alter ist nicht exakt zu bestimmen, weil der Baum innen hohl ist.

Auch Heiner Keller hat keine Angaben zum Alter der Linde. „Dieses lässt sich weder aus historischen Quellen noch mit Jahrringen genau bestimmen. Alle Angaben sind Schätzungen, und die können bekanntlich eine weite Spanne umfassen (so zwischen 350 und 800 Jahren).“

Auf  meine Frage, ob es noch weitere Baumveteranen der Linde im Aargau gibt, antwortete er, es gäbe leider keine so alten Bäume in der Region mehr. Kaum ein Baum ist älter als 100 Jahre. Dies ist eine Schande. Er fordert Waldreservate und keine Abholzung von älteren Bäumen in den nächsten 500 Jahren. Ein Glücksfall für die Linner Linde war die gute Pflege in den letzten Jahren und, dass hier seit 500 Jahren nie ein Graben, eine Strasse oder etwas anderes gebaut wurde. Der Baum konnte sich also in Ruhe entwickeln und alt werden.

Wie sich die Klimaerwärmung und der zunehmende Strassenverkehr − an der Linde führt eine Strasse vorbei, auch ein Parkplatz wurde eingerichtet −  auf die Gesundheit des Baumes auswirkt, kann man erahnen. Bei meinem Besuch waren alle Parkplätze voll, die Autos standen sogar am Strassenrand. Wenn es mit der Umweltbelastung so weitergeht, dürfte die Zukunft nichts Gutes bringen.

Das Naturdenkmal in Linn wird übrigens von Martin Erb, Baumpfleger aus Frick, 2- bis 3-mal im Jahr genauestens inspiziert. Er entfernt dann die von einem Schwächepilz befallenen Äste und setzt auch andere spezielle Verfahren zur Baumpflege ein.
Die Linde wurde nach mehreren Brandfällen (1863, 1908, 1979) 1979 gründlich saniert. Unter anderem wurden die Hohlräume des Baumes vorsorglich mit einem Maschendraht verschlossen.

Anmerkung: Unter www.linnerlinde.ch ist auch eine Livecam zu sehen.

Internet
www.linnaargau.ch
www.linnerlinde.ch

 


*
*    *

Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier