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     22. April 2018, 14:37 Uhr
 


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Wo noch Ursuppen brodeln: Island

Eindrücke von einer Island-Reise (1992) von Walter Hess


Bewegung aus dem Erdinnern: Geysir Strokkur, das sich alle 5 bis 10 Minuten mit einer Fontäne bemerkbar macht

Bei einem Ausflug ins All stellte der sowjetische Raumfahrer Titow beim Anblick des blauen Planeten fest: "Es gibt nichts Herrlicheres auf der Welt als Mutter Erde, auf der man stehen, arbeiten und den Wind der Steppen atmen kann."

Diese Erdkugel war einst ein glühender Ball. Die schwersten, abgekühlten Schollen sanken in den Erdkern hinab, und neue Ströme stiegen aus dem glutflüssigen Inneren auf, wo eine ähnliche Temperatur wie an der Sonnenoberfläche herrscht: etwa 6000 °C. Die leichteren Stoffe lagerten wie die Schlacke auf einer Eisenschmelze auf der Oberfläche, auf der sich bei der Abkühlung eine Kruste bildete. An der Oberfläche nahm die Urlandschaft Gestalt an, und formbildende Kräfte (Gebirgsbildung und Abtragung) begannen zu wirken. Wo heute die Kontinente liegen, ist die Kruste etwa 30 km dick, unter den Ozeanen sind es nur 5 bis 8 km. Noch sind die gestaltenden Kräfte nicht erlahmt, wie vor allem am Vulkanismus offenbar wird. Unter anderem ist der Ätna vitaler denn je. Aber auch Naturvorgänge wie die Erosion sind unentwegt am Werk: Überschwemmungen und Bergstürze gehören dazu.

Reise ins Innere
In einem ausgeprägten Ausmass sind solche Vorgänge noch heute auf Island zu beobachten. Und hier begann schliesslich auch Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde": Axel und sein Onkel, der Professor Otto Lidenbrock, stiegen auf den Kraterrand des 1446 m hohen, von einem Gletscher gekrönten Snæfellsjökull im Westen Islands und begannen ihre Exkursion durch die Zeit und durch frühere Epochen der Erdgeschichte. Wir können ihre Erlebnisse nachlesen. Im Übrigen müssen wir uns an Ort und Stelle auf die Betrachtung des Berges von aussen beschränken. An seinen Abhängen tritt vor etwa 2000 Jahren hervorgequollene und versteinerte Lava ins Blickfeld.

Auf Island, wo man erdgeschichtliche Vorgänge auf Schritt und Tritt spürt, wo Elementarkräfte tatsächlich noch heute am Werk sind, fühlt man sich tief in die erdgeschichtliche Vergangenheit zurückversetzt. Und das Leben zwischen Feuer und Eis, Geysiren und Steinwüsten zwingt geradezu zur Selbstbesinnung, zum Nachdenken über Werden und Vergehen.

Auf dieser Insel ist dementsprechend auch die Sagenwelt besonders reich dotiert. In den Büchern der Edda (der Begriff bedeutet "Grossmutter"), die von den Norwegern vor dem nach Norden vordringenden Christentum nach Island gerettet werden konnten, wird besonders anschaulich berichtet, wie die verschiedenen Teile der sichtbaren Welt entstanden sind: Ymer, der Herr der Welt, wurde von Odin, Wile und Wedie erschlagen, und aus seinen Körperteilen bildete sich die sichtbare Natur: aus seinem Schädel das Himmelsgewölbe, aus dem Fleisch die Erde, aus den Knochen die Felsen, aus dem Blut das Meer, aus den Haaren die Bäume usw. Das erste Menschenpaar aber wurde aus einem Eschen- und Erlenklotz geschaffen.

Da lebt Urwüchsiges mit, das zur herben nordischen Landschaft passt. Besonders in Island erscheint die Landschaft neu, jung, wie durch ein Zauberkunststück inszeniert, das noch unvollendet ist. Die ganze Insel verdankt ihre Existenz Eruptionen, und ein Drittel davon ist noch immer vulkanisch aktives Gebiet. Sie ist ein Teil des erdumspannenden mittelozeanischen Rückens, wobei der Islandteil in den letzten Jahrzehnten am aktivsten war; wir erinnern an die Vulkanausbrüche von Askja, Surtsey und Hekla. Unter den 200 Vulkanen, die in den letzten 12’000 Jahren dort eruptiv tätig waren, sind sämtliche bekannten Vulkantypen vertreten. Die Landschaft ist dadurch so eigenartig verformt, dass Neil Armstrong und weitere Astronauten, die dort ihr Mond-Training absolviert hatten, auf dem Mond das Gefühl hatten, in einer vertrauten Umgebung zu sein.

In der Teufelsküche
An den Anfang der Erdgeschichte zurückversetzt fühlte ich mich im Sommer 1992 in der so genannten "Teufelsküche" (Namafjall). Es handelt sich dabei um ein dampfendes Solfatarenfeld in der Nähe des Mückensees (Myvatn). In jenem Gebiet Islands gibt es kein pflanzliches oder tierisches Leben, sondern nur blubbernd siedenden, metallisch grauen Lehm, der in Erdlöchern brodelt und die Umgebung mit Schwefelausscheidungen kunstvoll färbt. Die Brühe wölbt sich zu farbigen Blasen, die hörbar platzen und nach fauligem Schwefelwasserstoff riechen.


Das Brodeln in der Teufelsküche: Solfatar im Hochthermalgebiet Namafjall

Diese Landschaft ist ständig Veränderungen unterworfen; ununterbrochen reissen neue Spalten auf und werden aktiv. In Verbindung mit Eisen und Luftsauerstoff bilden sich braunrote Eisenoxide, und Aluminium ist ein Bestandteil des blaugrauen, tonigen Schlamms.


Folgen der bewegten Erdkruste (Aufeinandertreffens von Erdplatten): Allmännerschlucht, eine kraftvolle Naturlandschaft

Auf Island sind auch Kräfte von kontinentalen Dimensionen zu erkennen, insbesondere in der Ebene von Thingvellir, ebenfalls ein geologisch junges Gebiet, das wegen des Auseinanderdriftens der Kontinentalplatten in 9000 Jahren um etwa 40 m abgesunken ist. Die beiden Platten bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 2 cm pro Jahr voneinander fort. Die Ebene ist von vielen Spalten (gja) durchzogen.


Zauberhaftes Wasserspiel: Quelle tritt aus Lavafels aus (Langjoekull)

Erdgeschichtliches Modell
Die Schöpfung geht weiter. Es scheint, als ob Island am Rande des nördlichen Polarkreises dafür geschaffen worden wäre, die Extreme der Naturgewalten auf kleinstem Raum darzustellen: Ein faszinierendes Anschauungsmodell für die Erdgeschichte, die ihrerseits das winzige Produkt kosmologischer Vorgänge ist. Nur der Urknall und das Zusammenstürzen der Materie (Endkrach, "big crunch"), bei dem das Universum in sein Anfangsstadium zurückkehrt, können dem Island-Besucher im Moment nicht geboten werden. Das braucht noch etwas Zeit.


Wo die Kontinentalplatten auseinanderdriften: Ebene von Thingvellir, ein geologisch junges Gebiet


Ausgangspunkt für die "Reise zum Mittelpunkt der Erde" (nach Jules Verne): Snaefellsjökull an der Nordwestküste von Island

Literaturhinweise
Kristjánsson, Jónas: "Isländische Sagen und Handschriften", Saga Verlag, Reykjavik 1980.
Verne, Jules: "Reise zum Mittelpunkt der Erde", Verlag Bärmeier & Nickel, Frankfurt am Main 1966.
Wisniewski, Winfried: "Island", BLV-Verlagsgesellschaft, München 1992.

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