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BLOG vom 06.07.2006


Auf Abwegen: Lumpazi Vagabundus und die Wehmut
Autor: Emil Baschnonga
 
Ich hatte alle guten Anlagen, ein echter Lumpazi Vagabundus zu werden: ein Schlendrian, wenn nicht gar ein Schlawiner, um einige der damals auf mich gemünzte „Schlötterlige’ aufzugreifen. Aber leider bin ich auf Abwege gekommen und wurde stattdessen ein rechtschaffener Bürger.
 
Bei uns zu Hause hängt ein kleiner Zierteller, gleich beim Eingang an der Wand, der einen waschechten Lumpazi Vagabundus zeigt. Mit wollener Krempelmütze tänzelt er barfuss und Flöte spielend einer Hausecke zu, an der bereits angesteckten Gaslaterne vorbei. Sein Haarschopf ist struppig; seine zerschlissene Hose besteht aus bunten, zusammengenähten Fetzen. Nein, soweit habe ich es als „Bingis“ nicht gebracht. Jedes Mal, wenn ich einen Blick auf diesen Teller werfe, überkommt mich eine Wehmut.
 
Wie bin ich damals auf Abwege geraten? Ein älterer ausgedörrter und humorloser Primarlehrer jagte mich und 2 oder 3 Kameraden oft aus dem Klassenzimmer auf die Strasse. Warum? Entweder fehlten die Hausaufgaben ganz und gar oder sie waren flüchtig auf die Schiefertafel beziehungsweise ins Reinheft geschmiert. Zudem beherrschte ich damals die Kunst des unterdrückten Gähnens schlecht, und ich stach dem Lehrer deswegen besonders in die Augen. Wie er langweilig leierte, folgten meine Augen den Wolken draussen und den Schwalben.
 
Es war Sommerzeit und stickig heiss im Klassenzimmer. Unruhig wetzte ich meine Hose auf der Schulbank und konnte kaum mehr stillsitzen. Oft war ich der Erste, den er, der Lehrer, an die Luft setzte. Draussen auf dem Schulhof brauchte ich nicht lange zu warten, bis er mir einen, wenn nicht 2 Kameraden nachschickte. Wir verstauten die Schulranzen, minus Znünibrot, hinterm nahen Gebüsch. Diese holten wir beim Mittagsläuten wieder ab. So war ich in guter Gesellschaft.
 
An jedem Brunnen löschten wir nicht nur den Durst, sondern pressten vergnügt den Daumen auf der Brunnenröhre und erwischten treffsicher einige Passanten … Mit Huronengebrüll entkamen wir ungestraft. Wir konnten wie Zicklein springen.
 
Meistens endete unser Bummel auf dem Markt beim Ratshaus. Wir kannten einige gutmütige Händler aus dem Elsass, die uns gequetschtes Obst schenkten und damit unser Znüni bereicherten.
 
Meine Lumpazi-Vagabundus-Periode wurde jäh unterbrochen, als mich meine Mutter eines Tages auf dem Markt erwischte. Das gab einen Riesenkrawall zu Hause. Vater und Mutter suchten den Rektor der Schule auf. Der Lehrer musste Red und Antwort stehen und beklagte sich bitterlich über mein Benehmen. Da ich nicht einvernommen wurde, musste ich aus 2. Hand erfahren, wie übel der Lehrer von mir dachte.
 
Alles nahm ein gutes Ende. Ich wurde von der Spalen- in die Pestalozzischule „befördert“. Der Lehrer war jung und lässig – „cool“ würden ihn die Schüler heute nennen. Manchmal unterbrach er den Unterricht und holte seine Geige aus dem Schrank. Er klemmte das Instrument nicht unters Kinn, sondern begleitete unseren Gesang, aus der Hüfte die Saiten streichend. Das beeindruckte mich sehr, und ich beschloss, das Geigenspiel zu erlernen. Meine Eltern waren ganz dafür. Ich sang sehr laut und vernehmlich und kam in die Gesangselite. Auch mit der Blockflöte kam ich immer besser zurecht.
 
Warum beschleicht mich dennoch eine Wehmut, wenn ich den Lumpazi-Vagabundus-Teller betrachte?
 
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