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BLOG vom 12.10.2006


Füllfeder und Tinte Ade gesagt: Schreibzeug, Schriftzüge
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Was hat mich zu diesem Blog bewogen?
 
Offensichtlich tippen wir immer mehr und schreiben immer weniger von Hand. Ich weiss nicht einmal mehr, wo meine Füllfeder ist, geschweige denn die Tinte. Meistens kritzle ich Notizen mit dem Kugelschreiber, wovon ich einen Vorrat habe – von den allerbilligsten, die man meistens gratis an Konferenzen, bei Fachmessen oder in Hotels aufgreift. Sie laufen mir auch sonst in die Hände. Für besondere Anlässe habe ich einige gute Kugelschreiber, worunter einen vergoldeten „Parker“ mit Gravur: der Name meines Vaters.
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Punkto billige Kugelschreiber stelle ich fest, dass die meisten zu Wegwerfartikeln geworden sind: Sie lassen sich nicht aufschrauben, um eine leere Tintenmine durch eine neue zu ersetzen. Selbst wenn dies möglich ist, findet man die passende Ersatzmine nirgends mehr. Wer rechnet aus, wie viel Plastik dadurch weltweit vergeudet wird?
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Wenn ich einen Textentwurf abseits des Computers skizziere, etwa wenn die Sonne mich zu meinem Sitz in den Garten lockt, wappne ich mich am liebsten mit einem Bleistift und einem guten Notizblock mit hartem Schreibrücken. Gegenwärtig benutze ich einen Bleistift mit der Aufschrift „Ringhotel“. Beim besten Willen weiss ich nicht, ob ich jemals in einem „Ringhotel“ gewesen bin oder nicht. Die Graphitmine ist weder zu hart noch zu weich.
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Wenn ich im Gedächtnis nach einem Wort suche, kritzle ich gern aufs Papier. „Doodles“ nennen das die Engländer. Meine gleichen der Kunst der Höhlenbewohner oder ungelenken Kinderzeichnungen. Doch meinem Gekritzel fehlt der Aussagewert von Kinderzeichnungen. Sie sind null und nichtig. Das Blatt wird zerknüllt, sobald meine Gedanken im Kopf eingelagert sind und ich die Tasten bediene, bevor sie verfliegen.
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Bleistiftspitzen können leicht abbrechen. So gehört ein Bleistiftspitzer mit zum Schreibzeug. Ich habe davon ein tolles Modell aus Bakelit, in Deutschland unter dem Namen „Dux“ gefertigt, das die Späne im Behälter sammelt. 
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Meine Mutter, erinnere ich mich, hatte einen wahren Hort von besten Bleistiften der Marken „Caran d’Ache“ oder „Faber-Castell“. Als Künstlerin brauchte und handhabte sie diese so gut wie die Pinsel für ihre Aquarelle. Mir fehlt ihr Talent, so genügt mir vorderhand der Bleistift namens „Ringhotel“.
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Wer steckt heute noch einen Bleistiftstummel in die eigens dafür geschaffene Verlängerung? Die Leute pflegten früher zu sparen. Ich hatte eine Tante, die Seifenreste in ein Stoffsäcklein schob und dieses immer wieder mit Resten nachfüllte. Was berechtigt mich, diesen Satz unter das Schreibzeug zu reihen? Hier ist meine Entschuldigung: Ich kann nur mit sauberen Händen schreiben.
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Was kann ich von meinen Schriftzügen sagen, ausser dass sie unleserlich sind – unentzifferbar manchmal selbst für mich anderntags … Sie gleichen der Stenographie oder der Form der vorausgegangenen Debatten – auch Debatten zwischen mir und der Welt. Sie gleichen einer Gratwanderung, auf der man immer wieder ausrutscht und sich hochrappelt. Sie entgleisen viel leichter als Züge, sogar als Gesichtszüge. Das kann der Zweck der Schrift nicht sein, die auf Mitteilung angelegt ist. In der Schule wurde uns eingedrechselt, leserlich zu schreiben. Das ist lange her.
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Ebenfalls lange ist es her, seitdem ich Künstlerhandschriften „graphologisch begutachtet“ hatte. Das war ein kurz befristetes Hobby gewesen. Damit kommt man dem Künstler nicht nahe. Dazu muss sein Werk hinhalten. Wohlweislich habe ich mich vor meinem graphologischen Gutachten verschont und werde es hier beileibe nicht nachholen.
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Ich bewundere die schöne ausgewogene Handschrift meiner Frau. Sie ist wie sie selbst, eben ausgewogen. Im Gegensatz zu ihr bin ich immer wieder emotionellen Wogen ausgesetzt. Musik wirbelt sie im guten Sinne auf. Lily macht auch viele stenographische Randnotizen, die so schön sind, dass ich sie abdrucken möchte, einerlei ob es ihre Einkaufsliste, ihr Aufgabenzettel oder Briefentwurf ist.
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Was mir ganz besonders gefällt, ist auch die Titelüberschrift des „Textateliers.com“ mit den künstlerisch hingetupften Klecksen.
 
Hier ist meine Antwort zur Frage: Dieser rassige Schriftzug hat mich zu diesem Blog bewogen. Die Feder hat gewonnen – die imaginäre.
 
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