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BLOG vom 04.12.2006


Kulturtrip in Zürich: Gold, Silber, Licht, Hektik und Stillleben
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
„Die wahre Kunst ist immer da, wo man sie nicht erwartet.“
Jean Dubuffet, 1949
 
Vor einigen Tagen brachte mir die Pöstlerin 2 Einladungen zu Kunstausstellungen: Urs Hartmann und Rolf Walter stellen an der Zurlindenstrasse 213 in CH-8003 Zürich aus, und René Fehr eröffnet eine eigene Galerie am Zeltweg 68, ebenfalls in CH-8032 Zürich. Und beide Schreiben betrafen den Samstagnachmittag, 2. Dezember 2006. Also drängte sich ein Kulturtrip nach Zürich gebieterisch auf, zumal ich mit René Fehr und Rolf Walter seit Jahren in freundschaftlicher Verbundenheit bin und mit ihnen schon oft zusammengearbeitet habe.
 
Zur Stadt Zürich empfinde ich ebenfalls viel Zuneigung; doch meine Grossstadt-Erfahrung hält sich in Grenzen. Mein Biotop ist eher das dünn besiedelte Land, die Weite – und weniger die Grösse und Hektik. Wenn ich nur schon bei Rupperswil (Aarau-Ost) in die A1 einmünde, staune ich, wie viel Verkehr da ununterbrochen fliesst, wohlwissend, dass auch ich Verkehr bin. Und beim Gang durch das Zürcher Zentrum kann ich es kaum fassen, dass es so viele Menschen gibt, auch Samichläuse, die vor lauter Bart kaum aus den Augen sehen. Bei mir daheim sehe ich oft tagelang neben meiner Frau Eva nur eine fremde Katze am Haus vorbei schleichen, einige Zauneidechsen, die sich auf Kalksteinen sonnen, und immer viele Vögel, die auf Baumästen landen und starten oder in den Fugen der Pflästerung nach Quarzkörnchen picken. Aber dank solcher Erlebnisse vermisse ich nichts.
 
Dabei weiss ich schon, dass eine Grossstadt unglaublich viel zu bieten hat; davon lese ich jeweils in den Blogs von Rita Lorenzetti in Zürich und Emil Baschnonga in London. Diese beiden schriftstellerisch tätigen Persönlichkeiten sind mit ihrer Stadt verwachsen und in der Lage, die Delikatessen, die darin verborgen sind, aufzuspüren. Bei mir ist das mit viel Stadtplan-Studium und Recherchen verbunden, und von vielen vielfältigen Stadterscheinungen habe ich keine blasse Ahnung.
 
Übers Limmatquai
Im Gebäude des Hauptbahnhofs Zürich war gerade Weihnachtsmarkt; die Stände sind (vielleicht nach dem Vorbild des Emmentaler Dorfs Huttwil BE) als romantische Häuschen ausgebildet. In der Bahnhofhalle war allerdings ein derartiges Gedränge, dass wir Freilandeier uns einfach durchschlängelten, getrieben vom Wunsch nach mehr Raum.
 
Auf dem Weg zum Galerie Fehr spazierten wir via Central auf dem Limmatquai, das in seiner heutigen Gestalt aus dem 19. Jahrhundert stammt, mit seinen von berühmten Architekten entworfenen Fassaden neben der kanalisierten Limmat seewärts. Eva hatte eher Augen für die Auslagen der überquellenden Verkaufsgeschäfte und verlangsamte den Schritt, mir aber fiel die wunderschöne Naturstein-Pflästerung aus Olivinbasalt-Steinen der etwas verbreiterten Gehwege auf, ein handwerkliches Meisterwerk. Im Gegensatz zu den immer leicht gewölbten Pflästerungen ist der Boden hier eben, die Fugen klein und (leider) mit gebundenem Mörtel ausgefüllt. Zufällig habe ich dann erfahren, dass diese neugestaltete Flaniermeile zwischen Central und Münsterbrücke genau am diesem 2. Dezember 2006 nach einer neunmonatigen Bauzeit, von der ich nichts abbekommen habe, eingeweiht wurde. Auf dem Rückweg wählten wir die Bahnhofstrasse, und ich bedauerte, dass der banal asphaltierte Paradeplatz nicht etwas vom neuen Glanz des Limmatquais abbekommen hat.
 
Beim Bellevue drehten wir nach Nordosten zur Rämistrasse ab, und die nächste Querstrasse nach der Graphischen Sammlung der ETH (nach rechts) ist der Zeltweg, der von Hausnummer 1 bis 68 abzuschreiten war. An einem der riesigen Escherhäuser (1836 bis 1840 erbaut) am Zeltweg 9 – das waren die festlich anmutenden ersten Mietshäuser der Stadt Zürich – verweist eine Tafel daraufhin, dass hier die „Heidi“-Autorin Johanna Spyri ab 1886 lebte – ihr letztes Domizil (sie starb am 7. Juli 1901).
 
Und kurz darauf (am Zeltweg 13) begegnet man, ebenfalls an den Escherhäusern und versteckt hinter der portugiesischen Flagge, die Gedenktafel „Hier wohnte Richard Wagner 1853−1867“; heute ist darin das Konsulat von Portugal untergebracht. Und ich war froh, unter dem Zürichberg keiner der hier ersonnenen Wagner’schen Walküren, diesen jungfräulichen Kriegerinnen, begegnen zu müssen. Und umso lieber liess ich mich bald darauf von René Fehrs kunstvollen Karikaturen zum Thema „Gold + Silber“ erfreuen, die in seiner Galerie auf der anderen Strassenseite bald auftauchen sollte. Ein Jaguar-Oldtimer stand davor.
 
In der Galerie Fehr
Dort hielten sich viele Leute an einem Glas Wein oder Orangensaft fest. Sie waren in lebhafte Gespräche verwickelt. Von den Wänden grüssten viele fröhliche, in leichtfüssiger Beschwingtheit daherkommende Werke des Meisters, an denen sogar er selber höchstes Vergnügen findet: Der „Goldjunge Werner K. Rey“, die „Goldene Heimat“, ein „Italienischer Zirkus“, ein „Goldkäfer“, ein „General“ und auch die „Rolling Stones“ in Dübendorf ZH waren die themengerechten Motive. Denn am Golde hängt doch alles – und selbst René himself trug ein goldgelbes Hemd. Bemerkenswert war für mich auch sein gleich hinter der Galerie, etwas abgeteuft liegendes Atelier mit dessen üppigen Dimensionen, den Farbtöpfen, Spraydosen, Pinseln und Werkzeugen aller Art wie Messern und Scheren, ein Zeugnis für René Fehrs ungestüme Kreativität. Die Galerie ist seither jeweils am Freitag von 14 bis 18 Uhr und am Samstag von 11 bis 16 Uhr oder nach Vereinbarung geöffnet.
 
In diesem Atelier war es denn auch, wo René eine Collage mit Karikaturen ausgrub, die allerdings nicht ganz jugendfrei sei, wie er scherzte. „Es ist doch nicht so schlimm“, kommentierte er, als er das von einer Glasscheibe geschützte Bild in der Hand hielt und genauer betrachtet hatte: Rechts ist eine Zeitungsseite aus Hongkong (1979) mit chinesischen Schriftzeichen, und daneben sind der Umschlag einer Teebeutelverpackung und eine gezeichnete Gebrauchsanleitung für die Beuteltee-Zubereitung zu sehen. Darüber sind eine Teepflückerin (mit dem Oberteil einer gelben, runden Brust) und ihr Chef zu sehen, eine Wucht. Die Ingredienzien würden aus Kowloon stammen, sagte Fehr auf Zeitung und Verpackung anspielend, nachdem eine junge Chinesin einen Teil des Zeitungstextes für uns ins Englische übersetzt hatte.
 
Die Geschichte von den Teebeuteln
Das rief mir meinen Besuch in der Beuteltee-Fabrik von Paul Burkart am 11. Januar 1992 in Kowloon (im älteren Teil von Hongkong) in Erinnerung, er erschien mir als geradliniger, hart arbeitender, guter Mann. Ich sehe die schlanken, turmähnlichen Maschinen mit den braven Chinesinnen, die Packung um Packung füllten, noch lebhaft vor mir. Der Beuteltee war damals für die Chinesen etwas absolut Neues und die Einführung zweifellos sehr schwierig; eine Gebrauchsanleitung war deswegen schon nötig. Leider habe ich inzwischen den Kontakt mit dem aus der Schweiz stammenden Paul Burkart verloren; doch scheint sich sein Unternehmen seither enorm ausgeweitet zu haben, wie ich im Internet feststellen konnte: http://www.alibaba.com/company/10551192.html .
 
Ob die erwähnten, zu Kunst gewordenen Teebeutel aus seiner Produktion stammen, werde ich noch abklären.
 
Was mich an jenem 11.1.1992 am meisten beeindruckt hat, war unsere Diskussion über die Qualitäten der Teebeutel. Paul bestätigte damals meine Auffassung, dass die Aluminium-Klammern ein Problem sind, da sie ja ins heisse Wasser kommen. Er erklärte uns, dass die geklebten Beutel ebenfalls nicht stubenrein sind, nachdem der Leim nicht nur dort aufgetragen ist, wo der Beutel schlussendlich versiegelt wird, sondern dass das Papier total mit Leim durchtränkt ist. Ein Teil des Leims kommt dann beim Aufbrauen des Tees heraus … Die einzige anständige Qualität, lernte ich damals, gewährleisten Teebeutel, die mit einem Schnürchen zugenäht sind. (Solche ausgekochte, getrocknete Beutel hat der Künstler Adrian Spiegel, Seengen AG, übrigens auf einen Hintergrund geklebt und zu plastischen Kunstwerken verwandelt.)
 
Dann warnte Paul Burkart auch noch vor dem übermässigen Genuss von Jasmintee – der herrliche Duft dieser Blumen ziehe Insekten an, und daher werde diese Teepflanze ganz besonders intensiv mit Pestiziden bearbeitet.
 
Was lag da näher, als auf dem Rückweg am Paradeplatz in der Bar von Sprüngli einzukehren und statt eines Tees einen belebenden langen Kaffee (grosse Tasse) und eine Crèmeschnitte zu geniessen. Das mit einem rot gestreiften Zuckerguss bedeckte Kleingebäck machte seine Kleinheit durch die spürbar hohe Qualität wett.
 
Wie eine fliegende Wand mit kleinen Zwischenräumen hingen die Stablampen über der Zürcher Bahnhofstrasse, die Erleuchtung und Beleuchtung in die Vorweihnachtszeit bringen und meines Erachtens mehr zur Besinnung als zur Reizüberflutung beitragen. Allerdings machten sie um 17 Uhr erst zaghafte Versuche, ihr den Umständen angepasstes Licht zu verströmen. Rita Lorenzettis Beurteilung im Blog „Zürich neue Weihnachtsbeleuchtung gibt zu reden“ vom 29.11.2005 teile ich a prima vista im Nachhinein vollauf.
 
Bei Rolf Walter und Urs Hartmann
Da der nächste Kunstbesuch, diesmal in der Galerie von Peter P. Dosch an der Zurlindenstrasse 213 in Zürich-Wiedikon bevorstand, konnte ich das Lichterspiel nicht abwarten. Die Dunkelheit brach eben erst zaghaft herein, und obschon wir noch immer in der Stadt weilten, war in diesem Vorstadtbereich bzw. Stadtkreis Wiedikon, bis 1893 eine selbstständige Gemeinde, kaum ein Mensch zu sehen. Neben Zonen des pulsierenden Lebens hat die Stadt auch ihre Ruhegebiete, ihre Stillleben (siehe unten). Umso deutlicher hoben sich die Schaufenster der Galerie Dosch aus dem Dunkel ab. Gleich im vorderen Raum leuchteten uns die Licht-Bilder von Urs Hartmann aus Bad Ragaz entgegen, die ich bisher nicht gekannt hatte. Der sympathische Künstler ist bestrebt, das Licht darzustellen, und das gelingt ihm in einer wohltuenden Art. Seine Bilder haben einen geradezu therapeutischen Effekt. Dunklere Stellen sind nur dazu da, das Licht besser, strahlungskräftiger zur Geltung zu bringen.
 
Die übrigen Räume sind (bis zum 23. Dezember 2006) mit den Werken von Rolf Walter aus Kaltenbach (Thurgau) reserviert. Der liebenswürdige Künstler hat ein ausgesprochenes Zeichentalent (das er auch als Lehrer weitergibt); dieses kommt besonders bei seinen filigranen Bleistiftzeichnungen zum Ausdruck, etwa bei einer Blume in ihrem bizarren Umfeld oder beim Porträt seines Malerfreunds Jürg Attinger. Hohe Schule.
 
Seinem ruhigen, eher zurückhaltenden Charakter, ein Vorbild an Gelassenheit, entsprechend widmet sich Rolf Walter mit Vorliebe dem stillen und stilvollen Stillleben. Nach unserem kürzlichen Emmental-Besuch hat mich eine plastisch wirkende, einsame Meringue in einer braun-violetten Umgebung – ohne Verfalldatum – sofort besonders angesprochen; wir alle leben ja gern von und mit Erinnerungen. Aquarelle, Gouachen und Öl sprechen für Rolf Walters breite Palette an Darstellungsarten, die er alle perfekt beherrscht; da gibts kein Experimentieren. Es sind starke, bis ins Detail ausgefeilte Kunstwerke, die immer stimmungsvoll sind und nie düster wirken. Sogar ein Ausschnitt aus einer dunklen, rauchgeschwärzten Küchenecke strahlt die Wärme häuslicher Geborgenheit aus. Früchte haben für Rolf Walter offensichtlich eine grosse Bedeutung, vor allem unsere Äpfel, denen nicht allein in der Kunst, sondern auch im Ernährungs-Alltag nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Auch die Wiediker taten das: Sie haben einen goldgefassten Reichsapfel in ihrem Wappen. Als Präventionsmassnahme müsste in jedem Haushalt ein Walter-Stillleben mit Apfel daran erinnern, was eine hochwertige Verpflegung bedeutet. So könnte die erbauende Kunst eine zusätzliche Aufgabe erfüllen.
 
Das Publikum an der Vernissage war stattlich, und solche Ausstellungen sind immer Inspirationsquellen für Gespräche und weiterführende Gedanken. (Die Galerie ist von Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr und am Samstag von 12 bis 16 Uhr geöffnet.)
*
Der eingangs zitierte Gedanke Dubuffets hat eine Relativierung verdient: Kunst kann auch dort sein, wo man sie erwartet hat: In der Galerie. Und wahrscheinlich ist auch Zürich ein einziges grosses Kunstwerk, von dem wir viele Eindrücke mitnahmen – zurück aufs Land, wo sich die Füchse gerade „Gute Nacht“ sagten und die Hasen selten geworden sind.
 
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