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BLOG vom 28.12.2006


Olten (01): Spuren von Martin Disteli und von Freiheitsluft
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Olten – das besteht aus Eisenbahnen („Drehscheibe der Schweiz“) und einem langgezogenen Bahnhof, aus der Aare mit der Strassen- und einer uralten Holzbrücke. Olten, das ist eine Kleinstadt, die den motorisierten Verkehr auf den Einfallstrassen wie der Froburgstrasse (vom Bahnhofquai her) und Solothurnerstrasse entschleunigt. Ja, und dann gibt es dort oben, auf einem nahen Hügel, noch das Säli-Schlössli, dem Anton Mosimann neues Leben eingehaucht hat, aber nicht genug. Von der Unterkunft für einen Club der Auserwählten ist es inzwischen zu einem gepflegten Ausflugsrestaurant geworden. Dabei ist Olten nach wie vor ein Ort von besonderer Freiheitsluft, wie Carl Hilty einmal geschrieben hat. Der aus dem Stadtwappen abgeleitete Begriff „Dreitannenstadt“ beweist den Hang zur freien Natur – die 3 nahen Berge sind mit Tannenwäldern besetzt; ursprünglich gab es dort allerdings Eichenwälder.
 
Disteli-Ausstellung im Kunstmuseum Olten
Die Ausstellung Wilhelm Schmid hat uns ins Oltner Kunstmuseum (gleich neben dem Naturmuseum) im Zentrum der Altstadt gelockt. Dieses im Jahr 1901 entstandene Kunstmuseum an der Kirchgasse ist eigentlich eine Folgeerscheinung des phänomenalen Malers Martin Disteli (1802−1844), der für mich eine Neuentdeckung war: ein Zeichner erster Güte, der insbesondere viele Schlachtszenen detailgenau festgehalten hat, zugleich eine politische Kämpfernatur war, an der selbst Gottfried Keller seine helle Freude hatte. In seinem kurzen Leben (Disteli starb am 18. März 1844 an der Brustwassersucht) hat er eine beachtliche Wirkung entfaltet. Sein Werk („Disteli-Sammlung“) gab schliesslich den Anstoss zur Schaffung des Oltner Kunstmuseums, in dessen inzwischen hochkarätigem Bestand die Disteli-Werke eine bedeutende Stellung einnehmen.
 
Die Umstände sind günstig: In Olten gibt es bemerkenswert viele Kunstfreunde, die dem relativ kleinen, aber umso sympathischeren Kunsthaus zu einer kantonalen, nationalen und internationalen Bedeutung verholfen haben. Das erklärte Bestreben des Museums ist es, durch Wechselausstellungen „Kunstwerke und -richtungen für die Besuchenden zu entdecken und wiederzuentdecken“. Der Besucher wird dort in fast familiärer Atmosphäre empfangen, und alle seine Fragen werden von der liebenswürdigen Dame an der Kasse kompetent beantwortet.
 
In Bezug auf Wilhelm Schmid und Martin Disteli sind die Zielsetzungen des Museums aus meiner persönlichen Perspektive vollständig erreicht worden: Schmid war für mich die Wiederentdeckung, Disteli die Neuentdeckung, auch wenn es sich beim Misteli-Kabinett um eine permanente Ausstellung handelt. Martin Disteli war der Sohn eines in Konkurs geratenen Baumwollfabrikanten und als Zeichner ein ausgesprochenes Naturtalent. Er studierte in Freiburg im Breisgau und Jena, das damals Mittelpunkt der deutschen Freiheitsbewegung war, Natur- und Weltgeschichte, Physik, Chemie, Staatswirtschaft sowie Jurisprudenz und betätigte sich gemäss seinem Motto „Leben heisst Krieg führen“ kämpferisch. Wegen öffentlicher Schmähung von Johann Wolfgang von Goethes „politischer Standortlosigkeit“ und anderer revolutionärer Umtriebe wurde er von der Schule gewiesen und kehrte in den sicheren Hafen Schweiz zurück, um weiteren Bestrafungen zu entgehen.
 
In seiner Heimatstadt Olten betätigte er sich, seiner Begabung entsprechend, als Zeichner und Illustrator, weil er die von Josef Munzinger (1791−1855) aufgegebene Stadtschreiberstelle nicht erhalten hatte (Munzinger gehörte zu den führenden liberalen Köpfen und Kämpfern gegen die patrizische Herrschaft und wurde 1848 Bundesrat). Und auch die Professur der akademischen Zeichnung an der Universität Bern blieb Disteli versagt, obschon er dafür alle Voraussetzungen mitgebracht hätte. Bilder zu Tierfabeln von Abraham Emanuel Fröhlich (1796−1865) aus Brugg, politische Karikaturen und Historienbilder waren es vor allem, die er mit zielsicheren Strichen, die sich manchmal fast zu Vexierbildern verschlangen, hinlegte. Aber auch idyllischen Szenen wie Gebirgspanoramen war er zugetan. Jeweils an Sonntagen erteilte er unentgeltlich Zeichenunterricht, auch wenn er etwas Geld noch so sehr hätte gebrauchen können. Er war zeitlebens in Geldnot. Immerhin erhielt er im Mai 1836 die Stelle eines Zeichenlehrers am Kollegium Solothurn, und im Militär brachte er es bis zum Oberstleutnant und kommandierte eines der beiden solothurnischen Bataillone. Seine Ehe scheiterte. Er verfiel der Trunksucht und steuerte der Verwahrlosung entgegen.
 
An der Kasse des Kunstmuseums Olten habe ich für 39 CHF die zu einer dicken Broschüre vereinigten Disteli-Kalender 1839−1845 gekauft; das Werk ist 1995 von der Einwohnergemeinde Olten herausgegeben worden; ich habe dem Nachdruck einige hier weiterverbreitete Angaben entnommen. Diese „Schweizerischen Bilderkalender“ trugen vor allem zur Berühmtheit von Disteli mit seinem „Disteli-Schnauz“ bei. Denn neben der Bibel waren in vielen Häusern nur Kalender als Lesestoff verfügbar, und entsprechend intensiv wurden sie gelesen. Die Texte redigierte oder schrieb Dr. Peter Felder aus Egerkingen SO, der ursprünglich Mediziner war. Der Jahreskalender als Gemeinschaftswerk wurde zu einer Waffe im Freiheitskampf. Felbers Name wurde aber im Kalender nicht genannt. Wahrscheinlich war dies eine Vorsichtsmassnahme, denn der radikale Kurs und die antiklerikalen Seitenhiebe des Disteli-Kalenders mit seinen Kabinettstücken an eindeutigen Vignetten, die gegen das aristokratisch-klerikale Regiment gerichtet waren, lösten heftigste Reaktionen aus. Das liest sich im Kalender von 1843 unter „Schicksal des Kalenders“ so: 
„Sie machen mir / den Krieg, bald hier,
bald dort, auf Tod und Leben.
Von Gift und Schwert /ward ich verzehrt,
den Flammen hingegeben.“ 
Als Disteli 1843 die Luzerner Regierung zeichnete, die vor dem fülligen Papst auf dem Bauch lag und um den Segen Roms für die neue Kantonsverfassung bat, überlief das Fass. Die Luzerner Regierung verbot den Kalender, ordnete seine Konfiskation an und leitete ein Strafverfahren ein. Der Bischof von Basel setzte die Diözesankantone unter Druck, den Disteli-Kalender ebenfalls zu verbieten. Die Kantone Zug und Freiburg taten dies; doch der Kanton Solothurn blieb standhaft und widersetzte sich dem kirchlichen Druck, wohl um die Stadt Olten nicht unnötig zu verärgern, denn damals war Olten das Zentrum des Widerstands gegen die Herrschaft der Gnädigen Herren aus Solothurn. Das Problem wurde dann durch das Lungenleiden von Disteli gelöst – er starb und mit ihm der berühmte Kalender, der ein Symbol für den Unabhängigkeitsdrang wurde.
 
Ein Obelisk am linken Aareufer zwischen den beiden Brücken im Altstadtbereich erinnert an diesen Martin Disteli, der zu den nennenswerten historischen Oltner Persönlichkeiten gehört und zeigt, dass Olten nicht nur aus Eisenbahn (hier treffen sich die Nord-Süd- und die West-Ost-Achse sowie neuerdings aus Fernverkehrsanlagen, ursprünglich Telefon und Telex) besteht. Beim Bahnhof wurde 1852 die Centralbahnwerkstätte errichtet, vor der bis vor wenigen Jahren die Denkmal-Lokomotive C 5/6 2958 stand, eine schwere Güterzuglokomotive. Die Kilometermarke 0 erinnert daran, dass das Eisenbahnkreuz von Olten aus vermessen wurde.
 
Die Oltner Altstadt
Olten war zu Distelis Zeiten ein kleines Landstädtchen; 1850 zählte es 243 Häuser und 1643 Einwohner; heute sind es etwa deren rund 17 000. In einem zehngeschossigen Hochhaus mit wabenartiger Fassade, das auf Betonpfeilern ruht, hält die Stadtverwaltung den Überblick.
 
Die kleine Altstadt von Olten ist durch ihre einzigartige Geschlossenheit voller Charme, eine lebendige Erinnerung an traditionelles Handwerk (Hinweistafel an einem Altstadthaus: „Gwaför“ = Coiffeur) und an den kleinstädtischen Handel. Man müsste unseren Bahnen geradezu mehr Verspätungen wünschen, damit das Strandgut an Reisenden veranlasst würde, die Wartezeit mit einem kurzen Spaziergang zur Altstadt zu überbrücken. Und sonst muss man halt einmal einen Zug überspringen. Man erreicht die Altstadt über die 1952 erstellte Bahnhofbrücke oder weiter oben über die Alte Aarebrücke.
 
Im Zentrum der in sich geschlossenen Altstadt steht der Stadtturm mit seiner barocken Haube, eigentlich ein Kirchturm ohne Kirche. Er gehörte einst, wie man auf einer Schrifttafel nachlesen kann, zur Stadtpfarrkirche St. Martin, von der schon in einer Urkunde aus dem Jahr 1240 die Rede ist. Sie fiel 1422 einem Brand zum Opfer; doch der Turm blieb unerschütterlich stehen – und zwar am Ildefonsplatz, benannt nach dem Oltner Historiker Ildefons von Arx, dem Ende bzw. Anfang der Marktgasse.
 
Im Haus Zielemp wohnten die froburgischen und später baslerischen Stadtvögte. Nach einem von ihnen, Heinmann von Zielemp (um 1387−1425), ist die Zielempgasse mit ihrer charakteristischen Häuserzeile benannt, deren Ausbauten bis ans Aareufer reichen. Die Gasse führt ebenso wie die Hauptgasse zur Alten Holzbrücke mit ihrem Ziegeldach, auf dem sich die Stadttauben sonnen, ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Diese Brücke, die wie ein Langhaus auf Borneo wirkt, stammt in ihrer heutigen Form aus dem Jahr 1803, ein handwerkliches Prunkstück mit integriertem Pissoir. Der Brückenbau wurde von Blasius Baltenschweiler aus Laufenburg errichtet. Die Brücken-Vorgängerinnen waren durch Eisgänge und Hochwasser immer wieder zerstört worden.
 
Die heutige Holzbrücke ist ein handwerkliches Glanzstück. Ein kunst- und technisch ausgeklügeltes System von massiven Holzträgern und -streben leitet die Lasten auf die relativ dünn anmutenden Holzträger ab. Es ist fast nicht zu glauben, dass sich dieses Werk so lange, im Wasser stehend, durchhalten und selbst Hochwassern trotzen konnte. Von der Aaresüdseite aus hat man einen schönen Blick zur verträumten Altstadt. Hier wurde früher die Flösserei betrieben; ein Aareübergang wurde allerdings bereits 1295 erstmals erwähnt.
 
Hier, bei der alten Holzbrücke, traf ich zufällig den Bibersteiner Architekten Thomas Germann, der gerade ein durch einen Autobrand in Mitleidenschaft gezogenes Haus in der Nähe instandzustellen hatte. Auf dem Säli-Schlössli begegnete ich seinem Namen wieder – er leitete den Umbau für Anton Mosimann und wurde oben auf einer Erinnerungstafel verewigt. Als ich vom Abendessen im besagten Schlössli nach Biberstein zurückgekehrt war, begegnete ich Thomas Germann im Dorfzentrum wieder. Wir hatten uns in den 70er-Jahren zusammen mit anderen Eingeborenen für ein „wohnliches Biberstein“ eingesetzt, neben einer belebten dörflichen Kultur insbesondere für die Beibehaltung der alten schmalen Strassen. Ich betrachtete die dreifache Begegnung  als Schicksalsfügung und unterhielt mich mit Thomas Germann tags darauf über die Geschichte des Säli-Schlösslis. Dabei wurde so viel bemerkenswertes Material zutage gefördert, dass darüber ein spezielles Blog geschrieben werden muss.
 
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