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BLOG vom 14.01.2007


Sonnige Impressionen an einem Januar-Regensonntag
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Es gibt regnerische, trübe Tage, wie eben am letzten Sonntag. Doch diesmal war mein Gemüt heiter und sonnig, vom Wetter unbeeinträchtigt. Die Regentropfen glitzerten an den Zweigen. Das Zierlicht in der Küche widerspiegelte sich draussen, genau mir gegenüber, rostrot frohlockend an einen Zweig gehängt. Es blies ein starker Wind, doch der glühende Farbenklecks schwang nicht mit dem Zweig hin und her. Ich sass allein am langen Holztisch. Im Familienraum nebenan hatte ich die Lautenkonzerte von Vivaldi aufgelegt. Ich konnte getrost meinen Gedanken nachhängen.
*
Einladend lag ein leeres Blatt Papier vor mir und darauf einsatzbereit mein spitzer Bleistift. Ich nippte an einem Glas Wein. Den Teller mit den Resten einer „Steak and Kidney Pie“ hatte ich beiseite geschoben. Ich kostete etwas Käse vom kleinen Teller. Nichts drängte oder bedrängte mich. Das Vorspiel zu dieser kleinen Plauderei mit mir war schon aufs Papier gebracht.
*
Am Vormittag hatte ich die Sonntagszeitung mit dem üblichen betrüblichen Inhalt gelesen, den ich diesmal nicht heraufbeschwöre. Mit einigen Handbewegungen zum Takt der Musik verscheuchte ich jeden Gedanken ans Arbeitspensum für die nächste Woche, ehe sie sich festhaken konnten.
 
Die Vögel schätzen meinen etwas verwilderten Garten, aber gaben jetzt nach und nach ihre Futtersuche auf und flitzten eher spielerisch durchs Geäst der krummen Zwetschgenbäume. Es dunkelte schon. Der Luftverkehr der Vögel legte sich. Die Platte war abgespielt.
*
Ich erhob mich, denn ich wollte den kurzen Wintertag verlängern und mir alle 5 Mozart-Violinkonzerte anhören. Früher bewogen sie mich, meine Geige aus dem Kasten zu holen und ein bisschen Hausmusik für mich allein zu betreiben. Seit langem lasse ich davon ab und erspare mir damit allerlei Ärger, von meinen Missklängen ausgelöst. Statt zu spielen, begann ich dann zu üben, entgegen meiner Absicht, und geriet ins Schwitzen.
*
Wer mir jetzt in der Küche gegenüber sass, das bleibe zwischen mir und meinem Gefährten – ein Tausendsassa der Wortkunst und erst noch ein Philosoph. Er wollte sich diesmal nicht über den Stil der Wörter oder der Kunstepochen mit mir unterhalten, sondern über den Lebensstil. Über den Tisch hinweg füllte er mein Weinglas und meinte: „Das gehört mit zur Lebenskunst – solange man das Glas nicht überfüllt.“ Ich nickte, und wir stiessen miteinander an. „Wie gut, dass du dir heute keine tiefschürfenden Fragen stellst und stattdessen dich einfach von deinem Glücksgefühl treiben lässt. Du hast an diesem Sonntag ein bisschen stillen Frieden, ganz für dich allein, verdient.“ Ich nickte wiederum und wandte mich lachend an ihn: „Heute zur Feier des Tages genehmigen wir jetzt beide noch ein zusätzliches halbes Gläschen“, und schenkte ihm und mir nach, was wir uns beide gefallen liessen. Kurz darauf gähnte ich wohlig. Mein Gast hatte sich verabschiedet, und ich beschloss, mich zu einem späten Nachmittagsschläfchen zu verziehen.
 
Die Musik spielte unterdessen weiter und lullte mich bald in den Schlaf.
 
Hinweis auf weitere feuilletonistische Blogs von Emil Baschnonga
31.08.2006: Wirrwarr aus ineinander verschlungenen Büroklammern
06.07.2006: Auf Abwegen: Lumpazi Vagabundus und die Wehmut
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