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BLOG vom 23.02.2007


Benkerjoch, Wasserflue: Barock geformte Weltverlorenheit
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Wenn wir aus dem Raum Aarau (371 m ü. M.) den Jura überqueren wollen, um ins Fricktal zu gelangen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Meistens fahren wir nach Küttigen; dieses Dorf ist gewissermassen die Verlängerung der Stadt Aarau auf der Aare-Nordseite. Und dann führt die stark frequentierte, ständig ansteigende Strasse über die Staffelegg (621 m ü. M.) und hinunter nach Densbüren (diese Gemeinde gehört noch zum Bezirk Aarau) und weiter über Herznach, Ueken nach Frick (Bezirk Laufenburg). Eine neue Staffeleggstrasse von der Telli in Aarau bis zur bestehenden Strasse oberhalb des Dorfs Küttigen ist im Bau. Die neue, elegant geschwungene Aarebrücke bei Biberstein Wissenbach ist beendet, ein Teil des Aushubs für den anschliessenden Horentunnel im idyllischen Horentäli ist gemacht; doch wegen der hydrologischen Gegebenheiten müssen die Kosten neu berechnet werden. So wird vorerst einmal oberhalb von Küttigen weitergebaut (die neue Strasse soll das Dorf Küttigen vom Verkehr etwas entlasten).
 
Man kann vom Dorfzentrum Küttigen aus auch nach links (Nordwesten) Richtung Benken abzweigen, dem Fischbach folgend und an der ehemaligen Papiermüli (siehe Sauerländer-Blog vom 19. Februar 2007) vorbei in die enge Bänkerchlus eintauchen. Auf der linken Seite hoch oben auf 610 m ü. M. stand auf einem Felskopf die Doppelburg Küngstein (Königstein), von der noch einige Mauerreste, Wälle und Gräben anzutreffen sind. Die adeligen, den Habsburgern unterstellten Herren von Kienberg waren es gewesen, welche die Burg um 1270 erbaut haben. Aber davon sieht man von der Benkerstrasse aus nichts. Diese windet sich durch Felder und Wälder hinauf aufs Benkerjoch, auch „Benken", „Bänken“ genannt (661 m ü. M.). Linkerhand türmt sich unverkennbar die Wasserflue (Wasserfluh) auf, eine felsige Juraanhöhe, die allen Erosionen getrotzt hat. Auf einer gut ausgebauten breiten Strasse erhält man zuerst einen schönen Blick auf das Dörfchen Oberhof (Bezirk Laufenburg); anschliessend durchquert man Wölflinswil und erreicht bald Gipf-Oberfrick, wo die Strasse durch den Ort gerade komfortabler gemacht wird, und daran schliesst sich gleich Frick an; man braucht bloss noch die Bözberg-Bahnlinie zu unterqueren.
 
Die 3. Möglichkeit, von Aarau ins Fricktal zu gelangen, ist die Route via Erlinsbach AG/SO, dann dem Erzbach entlang auf die Salhöhe (779 m ü. M.). Die Wasserflue wird diesmal also links (westlich) umfahren. Über Kienberg SO und Wittnau AG erreicht man in einem etwas grösseren Bogen wieder Gipf-Oberfrick und Frick, Zufluchtsort nicht nur von Dinosauriern.
 
Der Benkenpass
In diesem Tagebuchblatt möchte ich mich der mittleren Lösung, dem wenig bekannten Benkerjoch und als Höhepunkt der Wasserfluh zuwenden. Es ist ein kleiner Pass von 3 km Länge mit einer maximalen Steigung von 16 %. Beim ausgedehnten Parkplatz auf der Passhöhe ist strassenseitig eine bronzene Gedenktafel mit folgender Inschrift zu sehen:
 
„Benkerjoch 674 M. 1426 erstmals als Juraübergang urkundlich erwähnt. Bis 1801 Verbindungsstrasse zwischen Österreich und der Eidgenossenschaft. 1977 neue Passtrasse bringt das Fricktal und das Aaretal einander näher.“ Hier oben sind ausgedehnte Weiden und Wälder sowie Landwirtschaftssiedlungen, die mit geschwungenen, dem Gelände angepassten und einspurig befahrbaren Wegen verbunden sind und zum Wandern geradezu einladen. Hier führt auch der Jurahöhenweg (www.wandersite.ch) vorbei, welcher auf der vorderen Jurakette verläuft, zwischen Zürich und Genf (von der Lägern bis zur Dôle) rund 300 km lang ist und in bloss 90 Stunden Wanderzeit zu bewältigen ist ... Ein 2. Jura-Weitwanderweg von Basel nach Genf wechselt im Gebiet Weissenstein/Hasenmatt (oberhalb von Solothurn) auf die 2. Jurakette und mündet dann bei Soliat wieder in den Hauptweg ein.
 
Folgt der Wanderer, der mit kleineren Distanzen zufrieden ist, vom Benkerjoch, wo das Gemeindegebiet von Oberhof AG (rund 500 Einwohner) beginnt, dem mässig ansteigenden Weg westwärts, erreicht er bald die Krete im Gebiet Schwäfelschür, und er geniesst einen typischen innerjurassischen Blick ins bewaldete Gebiet Egghalde und zu den Pilgerhöf im Landwirtschaftsgebiet, einer Gruppe von einzelnen landwirtschaftlichen Anwesen. Etwas unter uns genossen gerade einige schottische Hochlandrinder (Highland Cattles), die ich an ihren ausladenden geschwungenen Hörnern und dem üppigen braunen Haarkleid hoffentlich richtig identifizierte, den Auslauf. Sie wurden aus keltischen Schlägen gezüchtet und scheinen sich im Faltenjura wohlzufühlen.
 
Oben auf der Krete, zwischen dem Benkerjoch und der Schwäfelschür, kurz vor der Pfisterer-Linde. ist ein schattiger Rastplatz mit Feuerstelle anzutreffen, ebenso ein verwitterter Grenzstein (der so genannte Bernerstein) mit dem kaum noch zu erkennenden Berner Bären. Er erinnert an die Grenzgeschichte: Ab 1499 lag Oberhof an der Grenze zum Berner Aargau, nachdem Bern das Gebiet südlich des Benkerjochs in Besitz genommen hatte. Daran schliesst sich das Fricktal (vorerst mit dem Bezirk Laufenburg) an.
 
In den Wiesen stehen mobile Unterstände für Tiere herum, darunter eine Art Materialwagen, wie sie früher die Strassenbauer benützten. Hier oben gedeiht die „Pfisterer-Linde“ mit der Inschrift bei einem Jurakalkbrocken: „Geschenk für Dr. Thomas Pfisterer, (Aargauer) Regierungsrat 1991–2000, Ständerat, als Dank für seine Leistungen zur Erhaltung und Aufwertung der Aargauer Landschaft, überreicht durch die Abteilung Landschaft und Gewässer des Baudepartements“ – eine sympathische und durchaus berechtigte Geste und eine weitere Aufwertung der Landschaft. Das Gebiet war einst im Besitze der Grafen von Homberg-Tierstein und ging zu Beginn des 13. Jahrhunderts an die Habsburger über – mit einem kleinen Unterbruch zwischen 1468 und 1477, als das ganze Fricktal vorübergehend den Burgundern war.
 
Die Landschaft mit ihren weiblich-rundlichen, ja geradezu üppig barocken Formen in den verschiedenen Grünnuancen ist ansprechend, beruhigend. Man begegnet hier nur wenig Menschen, geniesst die Ruhe der Weltabgeschiedenheit und die gute, oft angenehm bewegte Luft. Nur die Kalkfelsen der Wasserflue machen einen abweisenden Eindruck.
 
Die Wasserflue
Die Wasserflue erreicht man am einfachsten von Erlinsbach AG (Richtung Salhöhe) aus. Kurz nach Beginn der Passfahrt sieht man unten, im Talhintergrund des Zwilbachs hinter der Egg, das Laurenzenbad, das 1840 neu gebaut wurde und sich zum „Fressbädli“ entwickelte, wie Charles Tschopp im Buch „Der Aargau. Eine Landeskunde“ (1961) schreibt. Und weiter: „Die Kurgäste, die an dieses kaum merkbar erwärmte Wildwasser glaubten, pflegten sich beim eingegangenen Gasthof zum Ochsen in Aarau zu sammeln, von wo sie in einer Diligence, im Volksmund ‚Gsüchtiwagen’ genannt, zum Laurenzenbad geführt wurden. Doch der Glaube an die Heilkraft verlor sich. 1908 wurde das Bad in eine Heimstätte für ältere, gebrechliche Leute umgewandelt, die das Leben in jenen weltverlorenen Winkel gleichsam hineinspült.“
 
So weit der poetisch veranlagte Historiker Tschopp. Mit „Gsüchti“ umschreibt man im Schweizer Dialekt schmerzhafte, wandernde rheumatische Erscheinungen. Das Krankenheim in CH-5018 Erlinsbach (www.laurenzenbad.ch) ist seiner Bestimmung bis heute treu geblieben. Wir konnten meine intensiv pflegebedürftige Mutter einige Male dorthin in die Ferien bringen, wenn sich meine Frau für ein paar Wochen entlasten wollte. Sie fand dort eine liebevolle, auf ihre speziellen Bedürfnisse abgestimmte Pflege; sie hätte sich gewiss rundum zufrieden geäussert, wenn sie sich noch hätte ausdrücken können. Das Heim hat einen ausgesprochen familiären Charakter, eines der schönsten Komplimente, die man solch einer Institution machen kann.
 
Die Salhöhestrasse führt weiter oben vorbei und stört den Frieden im Laurenzenbad nicht. Man wandert oder fährt bis zur scharfen Linkskurve unter der Passhöhe, wo ein geräumiger Parkplatz ist und ein Wegweiser zum Weiler Hard weist. Hier ist auch eine Bushaltestelle (Stichlinie Erlinsbach–Barmelweid). Spätestens dort beginnt die Wanderung. Man ist sogleich im Weiler Hard, in dem mich einige Hunde begeistert begrüssten; auch ein Bienenhaus gehört zu dieser Anlage. Dort macht ein Plakat mit einer behornten Kuh auf die Biobauernfamilie Roth aufmerksam. Es gibt dort die Betriebsgemeinschaft Hard.
 
In mir tauchten einige Erinnerungen an den ehemaligen Nationalrat Hans Roth, „Harder Hans“ genannt, auf, ein Bauernführer alter Schule, der 1967 den Aargauer Grossen Rat präsidierte, im Frühjahr 2003 im Alter von 90 Jahren verstorben ist; ich schrieb zur Zeit seines kantonalen Wirkens das Protokoll und Kommentare fürs selige „Aargauer Tagblatt“ AT (heute: „Aargauer Zeitung“ AZ). Hans Roth gehörte der SVP-Vorläuferin BGB (Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei) an und politisierte hemdsärmelig, schlau, mutig in Aarau und Bern sowie auf Parteiebenen und verteidigte die Schweizer Werte und Traditionen. Spasseshalber haben wir jeweils gesagt, es gelinge ihm, die Subventionsgrenze für Landwirtschaftsbetriebe in der voralpinen Hügelzone (eine subventionsberechtigte Erschwerniszone mit Hangbeiträgen) beziehungsweise Übergangszonen immer so weit unten zu ziehen, dass die Wiesen um den Weiler Hard (676 m ü.M.) immer noch in den Subventionsbereich zu gelangen vermochten. Ob das stimmt oder in den Bereich der bäuerlichen Sagen gehört, habe ich nie nachgeprüft; jedenfalls wollte man damit einfach auf seinen Einfluss hinweisen, der – und das ist in der Politik üblich – nicht immer ganz uneigennützig war.
 
Der kompakte Weiler schwankt zwischen althergebrachtem Bauerntum und Moderne. Es gibt grosse Traktoren, Silos, einen fabrikähnlichen Maststall. Vom Dörfchen im Grünen aus gibt es jede Menge Wege auf die Wasserflue – wer sich nicht mit Kartenlesen abplagen will, kann den Sendemast ansteuern oder den Wanderwegweisern folgen. Ich spazierte auf dem mittleren, sanft ansteigenden Strässchen und durchs Hinterfeld, wo einige Hochstammobstbäume wie etwa die Birne namens „Gute Luise von Avenches“ gepflanzt und mit viel Stallmist auf dem Wurzelteller zur Frohwüchsigkeit angeregt werden. Offenbar ist das auch ein beliebtes Jagdgebiet, worauf die Hochsitze hindeuten – jener, der mir am besten gefiel, war gefällt worden und lag auf einer Wiese in der Nähe des Waldrands. Man kennt ja meine Einstellung zur Jagd aus dem Hinterhalt. Im Südwesten begrenzt die Ramsflue die Sicht.
 
Ein geknickter Wanderwegweiser zeigte in ein Wäldchen, wie es für den Aargauer Jura typisch ist: ein Laubmischwald, der von Buchen dominiert ist. Triste, von verständnislosen Förstern gepflanze Fichtenplantage mit Borkenkäferbefall, worin das Licht kaum Platz hat, trifft man auf dem Jura immer seltener an.
 
Der Waldweg steigt mässig an, und nach wenigen Minuten erreichte ich den befahrbaren Weg, der an den Fuss des 1989 errichteten Sendemasts und dann zum Aussichtspunkt Wasserflue führt. Plötzlich schien ich über dem Aaretal zu schweben – eine riesige Mittellandschaft tat sich vor mir auf, im Hintergrund abgegrenzt durch den Alpenkranz in Blauweiss. Der Wasserflue-Aussichtspunkt ist mit einer Kanzel zu vergleichen, dem Känzeli („Chänzeli“) bei Rigi Kaltbad ähnlich. Aber vor der Wasserflue breitet sich keine Seenlandschaft, sondern das Aaretal mit den Voralpen und den Alpen im Süden, dem Jura-Hügelzug Richtung Acheberg und Homberg im Osten und das Fricktal-Oberland bis zum Schwarzwald im Norden aus.
 
Ich habe mich im Weissenstein-Blog begeistert über die dortige Aussicht geäussert; doch diese Wasserflue steht jenem Panorama in keiner Weise nach. Man kann diesen Blick auch auf dem Computer-Bildschirm haben: http://www.wasserflue-aarau.ch – in etwas verkleinerter Form zwar ... Die Webcamera ist auf dem Sendemast (900 m ü. M.) eingerichtet worden. Und auf der dazugehörenden Webseite sind die 180 Gipfel, die sich vor dem Beschauer ausbreiten, mit Namen benannt (Link: Alpenpanorama): Üetliberg, Lütispitz, Schloss Lenzburg, Chäserrugg, Albis, Churfirsten, Vilan, Silvrettahorn, Staufberg, Flumserberg, Mürtschenstock, Magerrain, Spitzmeilen, Riefenberg, Rautispitz, Gross Aubrig, Sattelegg usf. Auch eine Kompasstabelle mit rund 40 Gipfeln und Ortschaften wird offeriert. Der Rotary Club Aarau hat sich damit sehr verdient gemacht.
 
Von der umwaldeten Ostspitze der Wasserflue aus erreicht man über den Wanderweg auf der Krete, vorbei an der steil abfallenden, schroffen Felswand, und über schräg schuppenartig gefaltete Kalksteinplatten, an eine versteinerte Jurabrandung erinnernd, nach ein paar Minuten den Sendemast für Mobiltelefonie, Radio und Fernsehen am höchsten Punkt der Wasserfluh (866 m ü. M.). Der Weg über schräg stehende Kalksteinplatten ist mit gutem Schuhwerk gut zu bewältigen – in der Fortsetzung kommt man zur Salhöhe.
 
Als ich beim Mast ankam, flogen im Hintergrund Verkehrsflugzeuge vorbei, die Kondensstreifen hinterliessen, so dass der Eindruck entstand, man sehe die Strahlen, die sich beim Sendemast (und ja nicht nur dort) tummeln. Ich hätte auch gern gewusst, wie viele der hier umgesetzten Mitteilungen wirklich von Belang waren. Hätte die Höhe des Masts einen Bezug dazu, wäre er wahrscheinlich etwa so gross wie ein Zaunpfahl.
 
Ich wanderte dann auf Wald- und Landwirtschaftsstrassen mit Mergelbelag wieder zum Hard zurück. Das Gebiet ist übermässig dicht, ja geradezu exzessiv verstrasst, was seiner Ausstrahlung nicht eben zuträglich ist. Ich trank weiter unten, kurz vor dem Parkplatz, aus einem Brunnenrohr viel Wasser. Wasserflue-Wasser bester Güte. Einen Hinweis auf UV-Bestrahlung („WV Erlinsbach AG, UV-Anlage ‚Hard’“) über dem nahen Brunnenschacht konnte ich nicht verstehen. Denn ich hatte das Gefühl, dort oben, in der Hügelzone, sei die Welt noch einigermassen in Ordnung.
 
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