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BLOG vom 03.03.2007


Tourismus-Gefühle: Mitten in Europa reist sichs am besten
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Rankings (Rangierungen) sind immer eine Glücks- und Geschmackssache, und ich halte dementsprechend wenig davon. Seitdem man mit dem Computer auf denkbar einfache Art Tabellen erstellen und Daten sortieren kann, haben sie epidemische Ausmasse angenommen. Medienfutter. Excel-Auswirkungen.
 
Aber manchmal gibt es Bewertungen und Ranglisten, die einem gefallen, weil sie eigene Eindrücke bestätigen. So ist laut einer SDA-Meldung vom 1. März 2007 die Schweiz das attraktivste von 124 untersuchten Reiseländern. Das jedenfalls hat eine Studie des World Economic Forums (WEF) und der internationalen Strategie- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton ergeben. Auf den nachfolgenden Podestplätzen sind Österreich und Deutschland. Die Schweiz sei hervorragend an internationale Touristikströme angebunden, hiess es zur Begründung unter anderem. Sie habe eine der weltweit fortschrittlichsten Strassen- und Schieneninfrastrukturen. Als weitere Pluspunkte nennt die Studie nachhaltige Umweltregelungen und hohe Sicherheitsstandards.
 
Der Fremdenverkehr trägt gemäss dem Bericht mit rund 6,2 Prozent zum Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz bei; das ist bedeutend mehr als etwa in Deutschland (2,6 Prozent). Dem Reise- und Touristiksektor in der Schweiz werde weitaus höhere Bedeutung zugemessen als in Österreich (2. Rang), hiess es zu meinem Erstaunen weiter. „Neben traditionellen Faktoren des typischen Ski- und Wandertourismus hat die Schweiz eine breitere Strategie für das langfristige Wachstum“, begründete Jürgen Ringbeck von Booz Allen Hamilton die Bewertung. Dem möchte ich die Hoffnung beifügen, dass man sich in Zukunft etwas weniger einseitig auf den Skisport in all seinen Varianten und mit all seinen Unfällen kapriziert und sich sanftere Tourismusarten ausdenkt. Die Klimaerwärmung wird dem nachhelfen.
 
Auch laut der Feststellungen der UNO-Welttourismusorganisation (UNWTO) zählt die Schweiz trotz ihrer geringen Fläche zu den 20 beliebtesten Reisezielen der Welt; hier ist eben eine Vielfalt an Attraktionen auf engem Raum vorhanden. Doch der Wermutstropfen ist das relativ hohe Preisniveau, das wir Schweizer weniger wahrnehmen, weil wir daran gewohnt sind; für viele Gäste aus dem Ausland aber mag das schon ein empfindlicher Zugriff ins Portemonnaie sein. Selbst die Flughafengebühren werden als zu hoch empfunden, auch wenn diese Anlagen noch so perfekt funktionieren und komfortabel sind.
 
Wichtig ist immer, dass für den hohen Preis eine sehr gute Qualität (Gegenleistung) geboten wird, was bei uns in der Regel der Fall ist. Wenn ich mich in einer Seilbahnkabine über Hügel und Täler tragen lasse, denke ich nie daran, ob mein Testament auf dem aktuellen Stand sei, sondern ich geniesse unbeschwert den Ausblick. Ich weiss, dass die touristischen Einrichtungen gut und sicher funktionieren. Auch mit den Fremdenverkehrs-Informationsbüros, die mit einem markanten i gekennzeichnet sind, habe ich nur die allerbesten Erfahrungen gemacht. Die dort tätigen Damen und Herren geben sich alle erdenkliche Mühe, die Fragen den Reisenden zu beantworten und sie mit gutem Informationsmaterial einzudecken. Und zu unserem guten Ruf als Tourismusland tragen selbstverständlich auch die vielen netten Angestellten in Gaststätten bei, die aus Österreich, Deutschland, Italien usw. stammen.
 
Für mich sind Deutschland (3. Rang) und Österreich ebenbürtige Reiseländer; denn auch dort habe ich immer das Gefühl, ausserordentlich gut und sehr preisgünstig aufgehoben zu sein. Jedenfalls freue ich mich als Schweizer, von solch attraktiven Ländern umgeben zu sein; sie gehören zu meinem erweiterten Naherholungsraum. Deutschland mit seinen unendlichen Weiten und seiner liebenswerten Bevölkerung liegt gewissermassen vor unserer Haustür. Nach 20 Minuten sind wir mit dem Auto z. B. in Bad Säckingen und damit in einer ganz anderen Welt. Und von den Österreichern können wir mit Bezug auf eine herzliche Betreuung der Gäste noch einiges lernen. Auch jenes Land ist mir ans Herz gewachsen.
 
Dass Italien erst auf dem 33. Rang figuriert, ist ebenso betrüblich wie erklärbar: Ein wunderschönes, vor Kultur geradezu triefendes Land, in dem eben manchmal einiges nicht zur Perfektion gebracht ist. Diese saloppe Art zu leben hat allerdings auch ihren besonderen Reiz, dürfte aber bei Rankings eher belastend als begünstigend wirken. Das trifft ebenfalls auf Frankreich (Platz 12) zu. Bemerkenswerterweise liebe ich die französische und die italienische Lebensweise und Gelassenheit gleichermassen sehr. Dort herrscht für mich immer Ferienstimmung.
 
Ich habe meine eigenen Kriterien, die Länder zu werten; jene 13, welche die WEF-Forscher auswählten, waren anders geartet und wurden anders gewichtet. Sie reichten von den natürlichen Ressourcen über die preisliche Wettbewerbsfähigkeit, die Infrastruktur und das Gesundheitswesen bis zum politischen Umfeld und der Umweltgesetzgebung und klammerten die Gastronomie aus, was ich niemals tun würde. Denn die Art zu essen und zu trinken ist eine wichtige, bezeichnende Kulturäusserung und hat besonders auf Reisen und während Urlaubstagen eine erhöhte Bedeutung. Für mich ist vor allen Dingen wichtig, dass ein Land seine besonderen Eigenarten und regionstypischen Erscheinungen (und Rezepte) hat, diese auch pflegt und nicht der Massenkultur anheim fällt. Diesbezüglich würde für mich Burma (Myanmar) an die 1. Stelle gehören.
 
Selbstverständlich spielen beim Reisen auch das Gefühl der Sicherheit, die Trinkwasserhygiene und die Krankenbetreuung (Notfalldienste) eine wesentliche Rolle, ebenso der Zustand der Infrastruktur. Diesbezüglich lässt die Schweiz kaum Wünsche offen, ebenso wie auch in Bezug auf die sprichwörtliche Sauberkeit. Aber all dies hat eben seinen Preis, und so hat denn der Einzelaspekt der preislichen Wettbewerbsfähigkeit die Schweiz auf den Platz 115 oder an die neuntletzte Stelle der 124 untersuchten Länder verwiesen, was allerdings durch die anderen überwältigenden Vorzüge locker wettgemacht worden ist. Die schlechte Benotung in diesem Einzelaspekt erachte ich als eher ungerecht; denn zur Preisbeurteilung gehört immer auch die Beachtung der Qualitätsaspekte; ein Bioprodukt, das teurer ist, sollte man nicht einfach wegen seines höheren Preises als minderwertig einstufen. Und dass gerade die inneren Werte der Schweiz nicht allein Touristen anzieht, ist bekannt: In einer Studie der Beratungsfirma Ernst & Young wurde die Schweiz als attraktivster europäischer Standort für ausländische Unternehmen eingestuft. Und zum Ärger der Abkassierer im luxuriösen EU-Palast in Brüssel wählen auch viele reiche Leute die Schweiz als ihren Wohn- und Steuersitz.
 
Für viele touristische Attraktionen kann ein Land nichts – es sind die natürlichen Ressourcen, die ihm die Natur geschenkt hat, dies im Gegensatz zu den kulturellen Werten, die ein Volk selber hervorgebracht hat und hervorbringt. Doch solche Schätze müssen sorgfältig erhalten und gepflegt werden. Es ist einfach, beispielsweise ein Moor zu zerstören (man muss bloss an der tiefsten Stelle das Wasser ablassen). Aber ein Feuchtgebiet kann nur die Natur schaffen, wenn wir ihr die entsprechenden Voraussetzungen belassen oder gar bereitstellen. Das Tourismus-Ranking sollte vor allem eine Bewertung des Verhältnisses der Menschen eines Landes zu Natur und Kultur sein. Dieses lässt tief blicken.
 
Wer viel in aller Welt herumreiste und verglichen hat, wird hier in Europa das gute Naheliegende zu schätzen wissen, selbst wenn gerade keine tropischen Urwälder oder Wüsten mit ihren besonderen Faszinationen zur Hand sind.
*
Anhang: Die WEF-Rangierung der wichtigsten Tourismusländer

1. Schweiz 5,66
2. Österreich 5,54
3. Deutschland 5,48
4. Island 5,45
5. USA 5,43
6. Hongkong 5,33
7. Kanada 5,31
8. Singapur  5,31
9. Luxemburg 5,31
10. Grossbrinannien 5,28
11. Dänemark 5,27
12. Frankreich 5,23
13. Australien 5,21
14. Neuseeland 5,20
15. Spanien  5,18
16. Finnland 5,16
17. Schweden 5,13
18. Vereinige Arabische Emirate 5,09
19. Niederlande 5,08
20. Zypern 5,07
21. Belgien 5,07
22. Portugal 5,05
23. Norwegen  5,04
24. Griechenland  4,99
25. Japan  4,99
26. Malta  4,96
27. Irland 4,93
28. Estland 4,90
29. Barbados 4,86
30. Taiwan, China 4,82
31. Malaysia 4,80
32. Israel 4,80
33. Italien 4,78
34. Tunesien 4,75
35. Tschechien 4,75
36. Katar 4,71
37. Slowakien 4,68
38. Kroatien  4,66
39. Mauritius  4,63
40. Ungarn 4,61
41. Costa Rica 4,60
42. Korea, Rep. 4,58
43. Thailand  4,58
44. Slowenien 4,58
45. Chile 4,58
46. Jordanien 4,52
47. Bahrain 4,45
48. Jamaica 4,41
49. Mexiko 4,38
50. Dominikanische Republik 4,35

Am schlechtesten schnitten die afrikanischen Staaten Tschad, Burundi, Angola und Lesotho ab, wohl wegen der instabilen Lage.
 
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