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BLOG vom 07.04.2008


Stein am Rhein (1): Ständchen 63 mit dem Stadtpräsidenten
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Als ich seinerzeit, am 5. August 2007, Stein am Rhein SH besuchte, war der Rathausplatz mit einer grossen Theaterbestuhlung, Bühne, Werbetafeln usf. für das Freilichtspiel „No e Wili“ (noch ein Weilchen) vollgestopft, und das mittelalterliche, räumliche Altstadt-Erlebnis war von dieser Infrastruktur beeinträchtigt. Am 1. April 2008 fuhr ich noch einmal in jenes ehemalige Fischer-, Markt- und Handwerkerstädtchen, dessen wunderschön bemalte Hausfassaden ein richtiges Bilderbuch im Riesenposterformat sind, auch wenn die wenigsten der 13 bemalten Fassaden vor 1900 verschönert worden sind: 3. Die Mehrheit stammt von Christian Schmidt, der seine Pinsel zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollüstig schwang. Viele ältere Malereien sind nicht mehr sichtbar; sie wurden übermalt. Die Schaufenster im Parterre der Häuserreihen sind jüngeren Datums, doch aber verhältnismässig klein und recht gut ins Bild eingepasst, noch immer Wakkerpreis-tauglich.
 
Ich hatte einige Fotos im Hinblick auf einen Zeitschriftenartikel zu machen, diesmal ohne Zuschauertribünen. So fuhr ich also am 1. April 2008 nochmals dorthin, weil die Lichtverhältnisse gerade günstig waren – und wieder war ich, von der Rheinbrücke und dem Hotel Rheinfels herkommend, überwältigt, als ich die innerstädtische Fassadenkulisse sah. Der Platz ist mit Alpnacher Steinen neu gepflästert.
 
Vorerst betrat ich das 1898 umgebaute und mit Historienbildern üppig bemalte Rathaus mit dem imposanten Mansarddach, das den Markt- oder Rathausplatz prägt und gabelt. Im Erdgeschoss mit den Säulen, der Treppe und Büros der Gemeindeverwaltung, das früher als Korn- und Markthalle diente, fragte ich nach der Gemeindekanzlei und wurde ins 1. Obergeschoss gewiesen, dem man nicht mehr ansah, dass es einst als Tuchlager diente. Dort sind weitere Verwaltungsbüros. Der schön mit einer Truhe, einem Tisch mit Stabellen und Schrank aus dunklem Holz möblierte und mit einem uralten Stadtplan, Wappenscheiben sowie Jagdtrophäen ausgestattete Mittelraum mit seinem Hochglanz-Parkettboden ist mehr als ein Korridor – er lässt auf eine stolze Geschichte schliessen. Der freundliche Stadtschreiber Fritz Jost war gerade am Telefon, und so nutzte ich die Gelegenheit, von dieser erhöhten Lage aus, die kleinen knarrenden Fenster des kleinen, gotisierenden Erkers über dem Eingang öffnend, den Marktplatz in der Totale und detailliert digital einzufangen.
 
Stadtschreiber Jost wies mir, als der Hörer abgelegt war, den Weg zum Tourist-Service an der Oberstadt 3, das sich im ehemaligen Spital zum Heiligen Geist befindet. Im umgebenden Komplex aus 5 Gebäuden ist die historische Entwicklung vom mittelalterlichen Klosterspital über das städtische Spital bis zum Armen- und Waisenhaus dargestellt. Dieses ehemalige Bürgerasyl und auch der mittelalterliche Durchgang und Hof von der Oberstadt zur Obergass wurden zwischen 1999 und 2002 geschmackvoll restauriert und in ein Begegnungszentrum umgewandelt. Lebensgrosse Puppen von armen, heruntergekommenen Menschen hinter Glas erinnern ans ehemalige Elend.
 
Im Touristenbüro begegnete ich Yvonne Bähler, die mir den Schweizerischen Kunstführer „Stein am Rhein“ von Michel Guisolan (2003 erschienen, 12 CHF) und den neuen Wälzer „Stein am Rhein. Geschichte einer Kleinstadt“, das von der Stadt 2007 herausgegeben wurde (78 CHF) verkaufte; Autoren waren Erwin Eugster, Michel Guisolan, Katja Hürlimann, Adrian Knoepfli und Dieter Füllemann. Beide Werke haben mich bei der Niederschrift dieses Tagebuchblatts bestens unterstützt. Mit diesem und weiterem Informationsmaterial schwer beladen, begab ich mich um die Mittagsstunde zum Marktplatz zurück.
 
Von der 3-stufigen Treppe des angenehmen, bescheiden wirkenden Wohn- und Kaufmannshauses „Vordere Krone“, das es schon 1398 gegeben hat und in dem sich jetzt eine Boutique („Manufacture“) befindet – von hier aus also bannte ich die gegenüberliegende Fassade des Weissen Adlers aufs Bild. Im Kunstführer steht dazu: „Wegen seiner Fresken, die als früheste Fassadenmalerei der Renaissance in der Schweiz gelten, nimmt das Haus eine Sonderstellung ein.“ Selbstverständlich habe ich nicht alles verstanden, was es mit dieser „Art humanistischer Laienpredigt“ (so der Kunstführer) genau auf sich hat – dargestellt sind die bocksbeinige Wollust, ein an einen Schandpfahl gebundenes Liebespaar, was voyeuristische Neigungen befriedigt haben mag, eine Parabel auf die Macht der Einigkeit und der pfeilschiessende Amor. Weniger Interpretationsprobleme hatte ich mit den etwa 80 Käsesorten, die im Parterre von „Chäs Graf“ angeboten werden.
 
Als ich intensiv studierte und fotografierte, kamen 2 Damen aus der Boutiquetür hinter mir; ich machte Platz; doch sagte die Inhaberin, ich störe überhaupt nicht. Die Kundin mit kurz geschnittenem, schwarzem Haar, rotem Halstuch und einer Perle im Ohrläppchen, die gerade ihr Velo mit dem grünen Plastikharass auf dem Gepäckträger in Startposition brachte, sprach mich in einem schönen Ostschweizer Dialekt an und interessierte sich für mein fotografisches Tun. Wir kamen ins Gespräch, und es erwies sich, dass es sich um eine der Stadtführerinnen, Ilse Böhni, handelte. Sie sprudelte gleich, und als sie dabei war, mir die Bilder an der Aussenwand des nahen Rathauses zu erklären, so die Rückkehr des Steiner Fähnleins von der Schlacht bei Murten (1476) und die Steiner Mordnacht (1478, gemäss „No e Wili“-Sage), öffnete sich das Rathausportal, und der Stadtpräsident, Franz Hostettmann, erschien mit einer Gruppe von wohlgelaunten Besuchern, die eben verabschiedet wurde. Das war echt, live.
 
„Franz, cumm emol do ane!“ (komm bitte zu uns!), rief Frau Böhni. Und nachdem er seine staatsmännische Pflicht der Gästebetreuung beendet hatte, kam er tatsächlich mit jugendlichem Elan zu uns, festlich gekleidet, ein freundliches Lächeln auf dem breiten Gesicht, weisses, rechtsgescheiteltes, im Stirnbereich leicht zurückweichendes  Haar, unauffällige Brille, zusammen mit ersten Stirn- und Lachfalten als Ausdruck von Reife – ein sympathischer Stadtammann, der seinen Bürgern gehorcht ... Inzwischen hatte mir Frau Böhni erklärt, dass das Gemeindeoberhaupt genau an diesem 1. April 2008 seinen 63. Geburtstag feiere.
 
Ich stellte mich vor, begrüsste und beglückwünschte ihn zum Geburtstag und gerade auch zu diesem einzigartigen Städtchen – „eines der schönsten der Welt“ fügte er überzeugt bei. Wir waren einer Meinung. Was man hier sehe, sei Ausdruck eines ganz ausserordentlichen Geschichts- und Kulturbewusstseins, stellte ich fest, um dem Gespräch die Krone aufzusetzen. Das sei aber auch eine kostspielige Angelegenheit, antwortete der SVP-Politiker, zum Glück habe man die Jakob-und-Emma-Windler-Stiftung, die Beiträge an die Ortsbildverschönerung, aber auch an bedürftige Bürger und Einwohner schweizerischer Nationalität von Stein am Rhein leistet. Sonst wäre der Steuerfuss wohl zu hoch.
 
Das war eine nette anregende Begegnung, die mir mitten in dieser historischen dekorativen Atmosphäre zufällig in den Schoss fiel, ein weiterer Bestandteil meiner andauernden Glückssträhne.
 
Es war Zeit zum Mittagessen. Den Ort meiner Einkehr wählte ich diesmal eher nach geschichtlichen denn kulinarischen Grundsätzen aus. Ich begab mich in den „Adler“, das Nachbarhaus des „Weissen Adlers“. Der „Adler“ ist eine seit Jahrhunderten bestehende Taverne, die 1831 zu einer Brauerei umgebaut wurde und seit 1904 im Besitz der Schaffhauser Falken-Brauerei ist. Das Haus hat einen Gutteil des historischen Charakters verloren – aussen und innen. Eine barocke Täfelung war ins Büro des Stadtpräsidenten versetzt worden, allerdings vor der Zeit von Franz Hostettmann; ihn trifft keine Schuld.
 
Der Bündner Maler Alois Carigiet (1902‒1985) erhielt den Auftrag zur Bemalung des „Adlers“ 1956, und er tat dies von Juni bis September desselben Jahres in opulenterer Weise als dies vorher der Fall gewesen war. Die Fassade, die sich über dem Gebäudesockel in 6 waagrechten Reihen mit total 31 Kassetten gliedert, erzählt „vom Schönen und Guten“, die schönen Künste und Naturwerte eingeschlossen. Die Malerei ist eigenständig und doch kein Fremdkörper im Ortsbild, sicher eine gelungene Angelegenheit. Besonders mutig ist die Figur, die sich in der Diagonalen über 3 Bildtafeln erstreckt: ein Genius als Träger des guten Geists, von dessen linker Hand sich eine Taube zum Höhenflug aufschwingt.
 
Das Restaurant „Adler“ ist von heimeliger Sachlichkeit, fast ohne Erinnerung an die früheren Zeiten, ohne innenarchitektonische Höhenflüge. Es war schön aufgedeckt. Ich bestellte eine Rösti und eine in Butter gebratene Kalbsleber mit Salat (27.50 CHF), dazu eine Bügelverschluss-Flasche mit klarem Möhl-Saft aus Arbon. Die Rösti hätte in ihrem Inneren etwa 3 bis 4 Minuten mehr Brathitze durchaus ertragen; die Leber war wunderbar frisch und delikat.
 
Anschliessend startete ich zum Verdauungsmarsch zur Burg Hohenklingen hinauf, worüber ich in einem folgenden Blog berichten werde. Denn noch immer war mein Bemühen, den Überblick über diesen einmalig schönen Ort mit Rheinanschluss zu gewinnen, nicht abgeschlossen.
 
Hinweis auf ein früheres Blog über Stein am Rhein
09.08.2007: Unterseebootfahrt nach Stein a. Rhein mit Kapitän Schnitzer
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