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BLOG vom 03.02.2009


Wimbledon: schneeweiss, friedlich – ein Wunschtraum
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Über die Nacht auf den Dienstag, 02.02.2009, mögen im südöstlichen Teil von England gut 30 cm Schnee gefallen sein, auch auf dem Hügel in Wimbledon, wo wir wohnen. Ich habe nichts dagegen, eingeschneit zu sein, ganz im Gegenteil. Alles ist so still und friedlich.
 
Nun musste ich die Milch bei der Gartentüre holen; denn bei uns kommt der Milchmann mit seinem Elektromobil täglich. Nur befinden sich meine Gummistiefel beim Schuppen hinten. So zog ich 2 leere Abfallsäcke über mein Schuhwerk und bewegte mich durch diese mir ungewohnte Gartenlandschaft. Ich sah viele Spuren, von unserem Hausfuchs und auch von Kaninchen hinterlassen. Die Tatzenabdrücke unserer Hauskatze fehlten heute. Rechtmässig gehört diese Katze, die wir „Catty“ getauft haben, unserem Nachbar. Auch die Milch fehlte diesmal. So blieb die Katze aus. Ich braute mir eine Tasse Tee, weil ich schwarzen Kaffee nicht mag.
 
Erfreut Euch der Gegenwart: Die Gartentöpfe tragen beneidenswerte Schneemützen, und die Bäume und Sträucher sind weiss eingekleidet wie Bräute. Im Geäst hat der Herrgott weisse Bärte hinterlassen. Sein Bart allein hätte nicht genügt. So musste Petrus allen Heiligen, soweit sie weisse Bärte tragen, ihnen diese abnehmen. Die Englein fielen mit den Schneeflocken vom Himmel hoch, tief zum Himmel auf Erden, und schmückten, nach dem Gebot der himmlischen Demokratie, alle Zweige mit Heiligenbärten gleichmässig weiss.
 
Heute hätte ich die Landschaft draussen, hinter den Scheiben geborgen, gerne gemalt. Doch fehlt in meinem Malkasten die weisse Deckfarbe. Sonst in der Welt herrscht ein Überfluss von weisser Tempera, mit der Politiker, Kriegshetzer und Bankmogule den Dreck mitsamt dem Leid, den sie überall anrichten und hinterlassen, überdecken. Wenn es taut, kommt der Dreck wieder zum Vorschein. Nichts hat sich geändert. Die Versager und Dunkelmänner kriegen weiterhin ihre Millionenboni.
 
In Davos verschanzten sich die Piratenkapitäne hinterm draussen aufgehäuften Schnee in gut gewärmten Sitzungszimmern und Konferenzsälen und verschreiben der Welt Rezepte gegen die Krise, auch in England, wo die Krise bereits zur Depression ausgeartet ist, die das Gedärm und den gesunden Menschenverstand in Aufruhr bringt. Davon verspürte man in Davos wenig. Dort wird der Magen luxuriös versorgt. Viel Wein floss aus alten Schläuchen.
 
Erfreut Euch der Vergangenheit, sofern ihr den Status quo mögt, denn sie schleppt sich auf Krücken vorwärts in die Zukunft. „Plus ça change …“ Der Hundehalter muss heute den Kot, den sein Vierbeiner abwirft, säuberlich entsorgen. Was die Stinkviecher in der Politik und sonstwo in der profitsüchtigen, globalisierten Welt fallen lassen, das schafft kein Karren weg. Und der Dreck düngt nichts, ausser ihre eigenen Taschen.
 
Wie finde ich mich wieder in die Schneelandschaft zurück? Im Fenster meines PC ist dieses kreideweisse Blog-Blatt hier blank und wartet hungrig auf die letzten 15 Zeilen. Der Cursor macht Verschnaufpause, wie ich nach der Antwort ringe. Ich gehe ein 2. Mal Vogelfutter streuen. Vom Küchenfenster sehe ich, wie die kleinen Vögel, bis zur Grösse einer Amsel, die Körner mühelos picken. Dann fliegt eine, nein zwei Waldtauben hinzu, und sie wollen dem kleinen Vogel, wie immer, alles wegfressen. Wenn diese kommen, pfusche ich der Natur ins Handwerk und verscheuche sie, mitsamt den Schlingeln, die grauen Eichhörnchen und Allesfresser, die sich mehr und mehr breit machen. Die Tauben landen und versinken im Schnee; sie sind zu schwer und ihre Beine zu kurz. Da ich ja auch ein kleiner Vogel bin, freut mich das. Die Tauben kämpfen sich vergeblich zum Futter vor. Selbst ihr Flügelschlagen hilft ihnen nicht voran.
 
Mit wem ich die Tauben gleichstelle, die weissen Friedenstauben ausgenommen, ist aus dem vorhergehenden Text herauszulesen. Macht Schneemänner aus ihnen auf dem Strela bei Davos und steckt ihnen Rüben als Nasen ein! Es wäre drollig zuzuschauen, wie sie umsonst versuchen, ihre Nasen zu fressen. Und kommt der grosse Tau, verschwinden sie allesamt. Wie still und friedlich dann die Welt wieder wäre. Erfreut Euch der Zukunft!
 
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