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BLOG vom 11.02.2009


Fiktion und Autobiographie: Das Ich in der Mehrzahl
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Bin ich autobiographisch beeinflusst, wenn ich schreibe? Dumme Frage: Das ist doch jedermann schnuppe, es sei denn, ich wäre ein Celeb. Ich suche keinen Statuswechsel, beileibe nicht. Aber dennoch verfolge ich die Frage: Wie weit spurt man beim Schreiben in sich selbst ein?
 
In einem Gespräch bekannte der Autor Melvyn Bragg (englischer Novellist und Rundfunksprecher) unter der Überschrift „Warum mein Leben ein offenes Buch ist“ etwa dies, auf den kürzesten Nenner gebracht: „In meiner letzten Novelle (,Remember Me …’), wollte ich meine eigene Dunkelheit (seine Frau hatte Selbstmord begangen), die noch immer in mir steckt, ergründen. Fiktion war der einzige Weg, dorthin zu gelangen; Autobiographie war die einzige Strasse.“ Fiktiv und effektiv spielt er sein Ich doppelt aus. Daraus könnte gefolgert werden, dass es keine Trennwand zwischen Fiktion und Autobiographie gibt – oder anders ausgedrückt: zwischen Dichtung und Wahrheit. Das finde ich einengend. Es gibt viele befahrbare Strassen zum Ziel. Sackgassen sind zu vermeiden. Gern verstecke ich mich im Ich anderer Leute und gewinne dabei das Ich in der Mehrzahl.
 
Unter dem Titel „Ein Mann gibt Auskunft“ bekannte sich Erich Kästner lyrisch, und er sprach aus, was er dachte und empfand, doch mit einer gewissen Selbstdistanz, wie sie dem Betrachter eigen ist. Hermann Hesse, ebenfalls ein Bekenner, konnte sein Ich unzählige Male abwandeln und nach Lust und Laune drechseln. Er konnte meisterlich auf vielen Tasten seiner Vorstellung spielen und fand sich gern immer wieder in seine Leitmotive ein. Zum Glück hatte er viele Leitmotive, die er aufgreifen und verfolgen konnte – Leitmotive, mit denen sich seine Leser identifizieren können. Er war ein Könner im grossen Dichterbund der Könner.
 
Jedermann schreibt heute Blogs und steigt dabei in die Ich-Form über, auch im „Facebook“ und neuerdings im „Twitter“ (vorderhand kaum bekannt, aber wohl brauchbar mit „Gezwitscher“ eingedeutscht). Die Ich-Form ist gerechtfertigt, wer etwas zu sagen hat (wofür das Textatelier.com ein Musterbeispiel ist). Der Rest ist Gefasel von Hohlköpfen, für Hohlköpfe bestimmt. Zur letzteren Modeerscheinung verweise ich auf das Twitter des Fernsehansagers Stephen Frey. Dort habe er ein Blog geschrieben, entnahm ich der Presse, wie er im 26. Stockwerk mit anderen Leuten im Lift stecken geblieben ist. Ich wollte sein Blog nachlesen, zumal ich am 1. Januar 2009 meine Schauermär über einen ähnlichen Vorfall geschrieben habe (Fast eine Neujahrsgeschichte: Zu Fünft im Lift gefangen). Leider konnte ich seine Geschichte nicht auffinden, sondern nur Scherben davon. Das liegt wohl an mir. Schwamm drüber.
 
Meine obige Liftgeschichte, wie so viele andere Feuilletons, hat keinen autobiographischen Bezug, stelle ich erleichtert fest. Andere Arbeiten hingegen haben einen autobiographischen Einschlag. Aber das braucht niemand zu merken und geht eigentlich niemand etwas an. „Guter Mann, du widersprichst dir nachweisbar“, wende ich gegen mich ein. „Du bist und bleibst ein Produkt deines Selbsts, und kannst dich winden und drehen, wie du willst.“ Ich beschliesse hier meinen Monolog und muss klein beigeben. Meine Umwelt und wie ich mich ihr gegenüber verhalte, färbt sich ab. Ich nehme zu meinem Aphorismus Zuflucht: „Wer sich selbst entdeckt, verdecke das am besten.“ Ich bestimme, wie weit ich mich enthülle, autobiographisch oder anderweitig. „That is my prerogative (Das ist mein Vorrecht)“. Mein Leben ist kein offenes Buch.
 
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