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BLOG vom 27.02.2010


Bergfinken-Invasion: Vogelschwärme blockierten den Verkehr
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Bis Mitte Februar 2010 war bei uns ein ungewöhnliches Naturschauspiel zu sehen. 4 Millionen Bergfinken machten sich von ihrem Nachtquartier im Lindauer Tal zwischen Görwihl und Ibach (Hotzenwald D) auf den Weg, um ihre Lieblingsspeise zu finden und sich sattzufressen. Die Leibspeise der 15 cm grossen und 30 g schweren Vögel sind Bucheckern (Buchnüssen). Und die fanden sich in den Buchenwäldern im südlichen Schwarzwald, in der Nähe von Lörrach D, in grosser Menge.
 
Pro Tag verzehrt ein Bergfink oder Nordfink (Fringilla montifringilla) ein Drittel seines Körpergewichts an den ölreichen und kalorienreichen Bucheckern, das sind 30 bis 50 Stück. Ein Schwarm von 100 000 Vögeln verspeist pro Tag also etwa 1 Tonne; 4 Millionen verzehren also jeden Tag 40 Tonnen, beeindruckende Zahlen. Die Vögel besorgen sich übrigens ihre Nahrung in einem Umkreis bis zu 50 km vom Schlafplatz entfernt.
 
Lukas Jenni von der Schweizer Vogelwarte Sempach bemerkte im Schweizer Fernsehen („Schweiz aktuell") am 10.01.2002, dass die Bergfinken von einem Tag zum anderen wissen, wo sie hinfliegen. Wenn in höheren Lagen viel Schnee die Nahrungssuche erschwert, fliegen sie in tiefere Regionen. Eine unglaubliche Leistung der Vögel. Auch das Schwarmverhalten ist ein faszinierendes Phänomen. Darüber werde ich später berichten.
 
Wie zählt man die Vogelanzahl im Schwarm?
In der Schweizer Fernsehsendung „Einstein“ wurde am 18.02.2010 auch über die neueste Invasion berichtet. Matthias Kestenholz, Biologe der Vogelwarte Sempach (www.vogelwarte.ch), erklärte, wie die Anzahl Vögel ermittelt wird. Anhand eines Standbilds werden die Vögel gezählt. Dann werden die Fluggeschwindigkeit der Bergfinken (etwa 50 km/h) und die zeitliche Distanz des Vorbeiflugs des ganzen Schwarms in die Berechnung einbezogen, und schon kommt man auf die ungefähre Gesamtzahl (Infos und Filmausschnitte der Sendung sind in der am Schluss angegebenen Internet-Adresse zu finden). Es wird sogar eine historische Aufnahme von einem Vogelschwarm aus dem Jahre 1954 gezeigt.
 
Wie mir Herr Kestenholz in einer E-Mail am 22.02.2010 mitteilte, gab es in der Schweiz auch solche Massenschlafplätze mehrfach, zuletzt 1977/78 in Liestal BL, 1987/88 in Gipf-Oberfrick AG, 1990 in Magden AG, 1992/93 in Frick AG, 1999/2000 in Vaulruz FR, 2001/02 bei Porrentruy JU und 2004 im Kanton Zürich.
 
Vorflug für Vögel
Da sich die Vögel zwischen Haagen und Wittlingen und Degerfelden und Niedereichsel auf den Strassen ausruhten oder diese in geringer Höhe überflogen, mussten diese für den Verkehr gesperrt werden. So mancher Autofahrer wurde anfangs auch von tief fliegenden Greifvögeln überrascht. Die Vögel sind eine Leibspeise für Eulen, Falken, Bussarde, Habichte und Sperber. Sie bevorzugen geschwächte Vögel. Aktiv Jagd auf den Bergfink machen auch Fuchs oder Marder. Sie suchen aber auch nach toten Vögeln.
 
Georg Lutz, Leiter des Fachbereichs Umwelt im Landratsamt Lörrach, erklärte gegenüber der „Badischen Zeitung“ vom 17.02.2010, dass solche Invasionen nichts Ungewöhnliches seien, und man solle doch die Sperrungen gelassen hinnehmen. Nun die Autofahrer waren gelassen, zumal die Sperrung vom Montag (15.02.) am Dienstagvormittag (16.02.2010) wieder aufgehoben wurde.
 
Die Bergfinkeninvasion und die Schwärme beobachteten zahlreiche Vogelkundler aus Frankreich, der Schweiz und aus Deutschland. Sie harrten mit Ferngläsern bewaffnet bei klirrender Kälte in der Nähe des Schlafplatzes aus. Dann, so um 17.00 Uhr, tauchte der Schwarm mit lautstarkem Gezwitscher auf. Beeindruckend waren die imposanten Flugmanöver über dem Schlafplatz.
 
Der Naturfotograf Dietmar Nill bezeichnete das Schauspiel gegenüber dem „Südkurier“ als faszinierend.
 
Beobachtungen des NABU-Vorsitzenden
Rudi Apel, Vorsitzender des NABU Görwihl (www.nabu-goerwihl.de) hat, wie er mir telefonisch mitteilte, an über 70 Tagen den Schwarmflug der Bergfinken beobachtet. Einige Male passierte es, dass die Bergfinken knapp über seinem Kopf anflogen. Er war also allein mit den Vögeln im Schwarm. Das war für ihn das schönste Naturerlebnis auf dieser Welt. Er führte auch NABU-Mitglieder mit 40 bis 50 Leuten in der Nähe des Nachtquartiers der Bergfinken.
 
Der Abflug der Bergfinken vom Nachtquartier war Anfang Februar etwa um 7.15 Uhr und dauerte manchmal 50 Minuten. Die Vögel kehrten dann so um 16.15 Uhr zurück.
 
In einer E-Mail vom 25.02.2010 teilte er mit noch Beobachtungen aus seinen Aufzeichnungen mit (Auszug):
„Mittwoch, den 06.01.2010: Der Kolkrabe ruft und die Bergfinken werden lauter und fangen an, sich zu bewegen. Ende: 8.07 Uhr. Sperber machen Jagd auf Bergfinken. Ein Sperber kommt mit einem Vogel in den Fängen an und fliegt über die Strasse (…) Gegen 17.35 Uhr wird es ruhig im Schlafplatz. Der Waldkauz ruft (…).
Samstag, 30.01.2010: Heute wurden in Therwil (Baselland) einige zehntausend Bergfinken gesehen (…).
Sonntag, 21.02.2010: -1 °C, blauer Himmel, Morgenrot. Heute war ich an einem neuen Platz am Waldrand beim Kreuz. Um 7.12 Uhr war es noch ruhig; dann um 7.15 Uhr ging ein Schauspiel los, wie ich es an einem Morgen noch nie erlebt habe. Die Bergfinken flogen über und vor mir in einem Schwarm vorbei in Richtung S S/O ins Albtal bis 7.49 Uhr. Der Schwarm wurde schwächer, und ich bin an den Schlafplatz gefahren, wo es immer noch weiter ging. Ich hatte das Gefühl, dass der Schwarm am Morgen von den Lauten her immer lauter ist als am Abend. Es kommt ein Fuchs mit einem Bergfink in der Schnauze vorbei. 8.04 Uhr: Ein Schwarm kehrt um, und schon kommt der Wanderfalke hinterher. Um 8.06 Uhr ist das Schauspiel fast vorbei, doch 2 Wanderfalken balzen über dem Schlafplatz. Heute Morgen haben 2 Kolkraben und 5 Mäusebussarde den Abflug begleitet. Seit Wochen sehe ich mir das Schauspiel an. Der Abflug heute Morgen war so traumhaft, dass es mir eiskalt den Rücken herunter gelaufen ist. Einfach wunderschön!“
 
Eigene Beobachtungen
Die Zugvögel kommen übrigens aus der nördlichen Waldzone (Nadel- und Birkenwälder) von Norwegen bis zum Ural ab Mitte September zu uns und überwintern hier.
 
Ich kann mich noch gut an die zahlreichen Bergfinken erinnern, die wir anlässlich einer Wanderung auf dem Tüllinger Berg bei Lörrach vor 2 Jahren sahen. Aber damals waren keine solch grossen Schwärme unterwegs wie in diesem Jahr. Im Januar 2010 sahen wir bei der Rückkehr von einer Wanderung im Markgräflerland einen Schwarm, der uns mit seinen akrobatischen Flugvorführungen sehr beeindruckte.
 
Als wir am 18.02.2010 eine Wanderung von Tüllingen nach Ötlingen und zurück unternahmen, erblickten wir keinen einzigen Bergfinken mehr. Die Vögel hatten sicherlich andere Nahrungsplätze aufgesucht.
 
Mir fiel im letzten Herbst (2009) die ungewöhnlich grosse Anzahl Bucheckern auf, die auf dem Boden lagen. Da dachte ich: Es wird ein schneereicher und strenger Winter kommen. Die Vermutung hat sich dann ja auch bewahrheitet. Solche Beobachtungen wurden schon früher von Wetterpropheten gemacht (so entstanden dann auch die Bauernregeln und Wettersprüche).
 
Auch Walter Hess hatte schon einmal eine Begegnung mit den Bergfinken gehabt. Er beobachtete bei der Abzweigung nach Gallenkirch hunderte Bergfinken auf Bäumen und auf dem Asphalt der Strasse. Er schrieb: „Die Strasse sah aus, als ob sie von eingerollten Laubblättern übersät sei. Ich hielt an, doch stoben die Tiere auseinander, gaben ein `ÄÄK` von sich, flogen wieder heran und verschwanden dann aus meinem Gesichtsfeld.“
 
Phänomenales Schwarmverhalten
Für mich war bisher das Schwarmverhalten von Vögeln mit der exakten räumlichen und zeitlichen Koordinierung ein Phänomen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dem einzelnen Vogel es gelingt, nicht mit Artgenossen zu kollidieren. Nun habe ich mich näher kundig gemacht.
 
Das Geradeausfliegen ist wohl nicht so phänomenal, aber die abrupte Positionsänderung bzw. das Kurvenfliegen in einem höheren Tempo kann man sich als Laie nicht unbedingt erklären. Da staunt der Laie, und der Fachmann weiss wohl, wie das funktioniert.
 
Man könnte dies auch so erklären: Ein Leitvogel fliegt voraus, dann folgen ihm alle anderen. Aber im Schwarm ist es nicht so einfach. Die Spitzenposition wird laufend geändert. Fast jeder Vogel im vorderen Bereich des Schwarms kann blitzartig die Position wechseln.
 
Messungen ergaben, dass ein Vogelschwarm innerhalb einer siebzigstel Sekunde seine Richtung wechseln kann. Haben Vögel ein Verständigungssystem, fragte ich mich bisher.
 
Der Programmierer Craig Reynolds von der kalifornischen Firma Symbolics fand dies heraus: Die Vögel organisieren sich wie in einem Netzwerk. Jeder Vogel im Schwarm beobachtet seinen Nachbarn und versucht, sich dessen Geschwindigkeit anzupassen und Zusammenstösse zu vermeiden. Der erwähnte Programmierer nutzte diesen Effekt für den Film „Batman kehrt zurück“. In diesem Film wurden Fledermausschwärme und Pinguinkolonien eingebaut, die täuschend echt aussahen (www.birdnet-cms.de).
 
Schwärme haben folgende Vorteile: Schutz vor Fressfeinden (ein Greifvogel würde es nicht wagen, in einen Schwarm zu fliegen, da er sich verletzte könnte), Abschreckung von Feinden, gegenseitige Warnung, effektive Nahrungssuche.
 
Eigenschaften eines Schwarms: Gemeinsames Ziel (bei den Bergfinken die Suche nach Nahrung, das Auffinden von Schlafplätzen), kräfteschonendes Fliegen im Windschatten, keine feste räumliche Position, keine Rangordnung, Organisation wie in einem Netzwerk, zielgerichtete Bewegung.
 
Gründe für die Schwarmbildung: Vorteile durch soziale Zusammenschlüsse. Im Schwarm sind die einzelnen Tiere besser geschützt, besseres Auffinden von Nahrungsquellen und ein geringerer Kräfteverbrauch (http://digitale-schule-bayern.de).
 
Bedeutung von Schwärmen für uns Menschen
Walter Hess schrieb mir in einer E-Mail vom 20.02.2010, man könnte von den Bergfinken doch Einiges lernen: Sie stossen sogar im Schwarm nicht zusammen, während wir Menschen mit den Autos auf breiten Strassen manchmal kollidieren. Auch manch ein Fahrradfahrer konnte in bestimmten Situationen nicht mehr ausweichen und kollidierte mit dem entgegenkommenden Fahrer.
 
Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler wollen das Schwarmverhalten auf Betriebe übertragen. Wie in der „Digitalen Schule Bayern“ nachzulesen ist, erproben die Fachleute „die Simulation von Schwärmen für die Selbstorganisation wirtschaftlicher Prozesse.“ Hier ein Teil des Textes: „So könnten Unternehmen sich kollisionsfrei und sehr rasch äusseren Veränderungen anpassen und existentielle Bedrohungen abwenden. Die individuellen Bewegungen (Aktivitäten) sollen zu einer Gesamtbewertung (wirtschaftlichen Ausrichtung) umgeformt werden; diese kann gelingen, wenn die Mechanismen der Bewegungsanpassung, Schwarmkonzentrierung und Mittelpunktsbewahrung beachtet werden. – Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen wären wohl der Abbau der starren Hierarchien und das Zugeständnis von Entscheidungskompetenzen (Mittelpunktsfunktion) an alle Mitarbeiter.“
 
Und so können wir Menschen von den Bergfinken einiges lernen. Wir können nur staunen und hoffen, dass uns diese Naturschauspiele weiterhin erhalten bleiben. Zum Glück ist der Bergfink noch nicht vom Aussterben bedroht.
 
Internet
http://videoportal.sf.tv/ (Sendung „Einstein“ und dann „Vogelinvasion“ anklicken)
http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/218/23.pdf (sehr gute Infos über das Schwarmverhalten)
www.birdnet-cms.de (Kapitel „Wie fliegt man geradeaus in einem Schwarm?“)
 
Literatur
Schweizerische Vogelwarte: „Die Vögel der Schweiz“, das grosse Nachschlagewerk: Alles über Vorkommen, Bestand, Wanderungen, Lebensraum, Verhalten, Nahrung, Fortpflanzung, Gefährdung, Schutz. Vorgestellt werden alle 419 wildlebenden Brutvögel, Durchzügler, Wintergäste und Seltenheiten der Schweiz und des grenznahen Auslands; das 5 kg schwere Werk hat 848 Seiten; CHF 188,- (zzgl. Versandkosten).
Bestelladresse: Schweizerische Vogelwarte, CH 6204 Sempach, info@vogelwarte.ch
Tel. 041 462 97 00, Fax: 041 462 97 10
 
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