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BLOG vom 12.04.2010


Bald wissen wir, ob unsere Pappel weiterleben darf
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Als ich Primo kennen lernte, lernte ich gleichzeitig auch die Bäume kennen. Auf unseren Spaziergängen sprachen sie uns an. Es wurde eine gemeinsame Geschichte. Mann und Frau, Bäume, Sträucher und Holz fanden zusammen.
 
Es mag etwa 50 Jahre her sein, als wir am Limmatufer eine Pyramidenpappel entdeckten, die noch im Kindesalter war. Vielleicht 5-jährig. Aus einem Samen entstanden, der aus der umliegenden Pappelreihe angeflogen kam und sich in der Böschung beim Flussufer verwurzelte. Sicher ist, dass die Pappel nicht vom damaligen Gartenbauamt gepflanzt wurde. Dieser Baum hatte seinen Platz selbst gewählt.
 
Wir nannten diese Pappel immer „unsere“ Pappel. Sie gehört auch heute noch zur Familie. Wir gingen nie an ihr vorüber, ohne sie zu grüssen und ihr Wachstum zu bewundern. Sie wurde gross und stark und schlussendlich zu einem Merkpunkt am Fischerweg. Sie tanzte eben aus der Reihe.
 
Ihre Ahnen, auf der gegenüberliegenden Wegseite zu einer langen Wand angesiedelt, wurden in regelmässigen Zeitabständen beschnitten, um sie gesund zu erhalten, wie es aus Fachkreisen hiess. Unsere Pappel bedurfte keiner Operation, keiner Kosmetik, und diese Tatsache imponierte uns. Sie war immer gesund. Sie passte zu uns oder wir zu ihr. Auch wir wollen eigenständig sein und würden uns in einer braven Reihe nicht besonders wohl fühlen.
 
Um diesen Baum sorge ich mich nun. Der gesamte Fischerweg zwischen den Bernoulli-Häusern und der Europabrücke wird saniert. Es ist ein Veloweg geplant. Der Uferweg wird um 1,5 Meter verbreitert. Zusätzliche Umgestaltungs- und Renovationsarbeiten im Uferbereich bedingen nun eine gigantische Fällaktion. 80 Pappeln müssten gefällt werden, las ich im März in unserer Tageszeitung.
 
Als ich heute beim Aufräumen nochmals auf diese Zeitungsnotitz stiess, brachte sie einen Stein ins Rollen. Ich liess alles liegen, zog die Jacke an, holte das Velo und fuhr zur Europabrücke. Hier wollte ich in den Fischerweg einbiegen; doch dieser Zugang war versperrt. Hier sah es nach Frühlingsputz aus. Ausgemusterte „Möbel“ lagen auf einem Haufen. Rote Sitzbänke mit ihren gusseisernen Gestellen, moderne Abfallbehälter und Informationstafeln der Wasserversorgung zum Thema Brunnen. Aus diesem Abfallberg sprang ein Eichhörnchen hervor, überquerte meinen Weg Richtung Wehr. Auf der kleinen Wiese nebenan traf ich dann auf den ersten Haufen Pappelholz.
 
Dann fuhr ich weiter, stadteinwärts zu den Sportplätzen, immer nach unserer Pappel ausschauend, ob sie noch da sei. Endlich entdeckte ich sie jenseits des hohen Maschenzauns, der die Fussbälle schützen muss. Das Tor war offen, angelehnt. Abschrankungsbänder signalisierten auch hier: Zutritt nicht gestattet. Keine Arbeiter in Sicht. Da ich nicht um Erlaubnis fragen konnte, gab ich sie mir selbst. Ein paar Schritte nur, und ich konnte unsere Pappel fotografieren. Selbstbewusst, wie immer, stand sie noch da. Ich sah auch keine Markierungen, die ihren Tod voraussagen würden. Eindrücklich links und rechts die Berge geschlachteten Holzes und eindrücklich auch die ins Erdreich gepressten Profile der wuchtigen Fällmaschinen. Ein wohltuender Kontrast: Die blühenden Büsche, die stehen bleiben dürfen. Die Pappelreihe ist gefällt. Was mit unserem Baum geschieht, steht noch in den Sternen. Sein eigenwilliger Standort rettet ihn vielleicht.
 
Trotz all den wuchtigen Eingriffen fühlte ich mich hier nicht auf einem Friedhof. Hier entsteht Neues. Es wurde auch zugesichert, dass die Pappeln ersetzt werden. Etliche Bäume seien krank gewesen. Man hätte sie ohnehin aus Sicherheitsgründen fällen müssen, stand in der Zeitung.
 
Ist es für mich eine Alterserscheinung, dass ich diese Umwandlung ruhig annehmen kann? Wenn es in früheren Jahren stürmte, sorgte ich mich öfters um unsere Pappel. Wäre sie von einem Blitzschlag getroffen worden, hätte ich es als schlechtes Omen für meine Familie ausgelegt.
 
Mehr als 45 Jahre lebten wir in ihrem Umfeld. Zuerst auf der rechten, dann auf der linken Flussseite. Nun sind wir es, die zuerst fortgegangen sind. Nach unserem Umzug nach Zürich-Altstetten und dem ersten Spaziergang auf Schlierenberg, begrüsste uns dort oben wieder eine Pyramidenpappel. Genau so eigenständig und alleinstehend wie die unsere vom Fischerweg.
 
Sollte unsere Pappel in den nächsten Tagen sterben müssen, sehen wir sie auf Schlierenberg in ihrer Verwandten weiterleben. Das wäre ein Trost. Aber wer weiss, vielleicht darf sie ja stehen bleiben, weil ihr Standort das Limmatufer bereichert.
 
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