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BLOG vom 10.03.2011


Grenchen SO 2: Berge, Tal, Brücken, die fast alle beglücken
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ein ausgedehntes Flachland, das sich als Flugplatz und für die industrielle landwirtschaftliche Bewirtschaftung eignet, liegt vor der Haustür von Grenchen SO. Es erstreckt sich bis zum Bucheggberg auf der gegenüberliegenden, südlichen Talseite und ist wohl 3 km breit. In dieser weiten, topfebenen Grenchnerwiti, ein ehemaliger See, der sich allmählich auffüllte, gibt es noch uralte Bäume, die angeblich zur Zeit der Juragewässerkorrektion gepflanzt wurden. Sie waren damit beauftragt, den Abtrag von Erde durch den Westwind und die Bise zu bremsen. Man hat das Gefühl, es könnten Restbestände der ehemaligen Auenlandschaft sein. Mit Bäumen und Sträuchern gut bestückt ist auch der hier erfreulicherweise nicht begradigte Aarelauf zwischen Altreu und Arch, so dass daraus ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung wurde, das neben Feldhasen in wechselnden Mengen, Wasser- und Zugvögeln auch den Grenchnern als Erholungsraum dient. Wasserflächen sind von Röhrichten und Spierstaudenfluren gesäumt. Für das Wohl der Weissstörche sorgte der Storchenvater Max Bloesch (1908‒1997), der 1948 die Storchensiedlung im nahen Altreu gegründet hat, etwa 4 km westlich von Grenchen (Luftlinie); sie ist noch immer in Betrieb. Insgesamt ist die Aareebene zwischen Grenchen und Solothurn auch nach der 2. Juragewässerkorrektion noch verhältnismässig naturnah geblieben. Schutzmassnahmen verhindern weitere Entwässerungen.
 
Teilweise umgewandelt
Die Aare führte früher oft zu Überschwemmungen, was aber auch sie selber teuer zu stehen kam – sie musste zur Strafe einiges erdulden. Ihr wurde ein neuer Lauf aufgezwungen – hin zum Bielersee. Einst kam sie bei Büren an der Aare in die weite Landschaft und floss dann hinunter nach Solothurn–Aarau und via Brugg dem Rhein entgegen. Weil Überschwemmungen der Natur gut tun, ist es ihr nicht selber in den Sinn gekommen, die Jurarandseen (Bieler-, Neuenburger- und Murtensee) als Ausgleichsbecken zu nutzen, sondern kürzte ab. Aber die Menschen waren da ganz anderer Ansicht. Sie wollten eine Landschaft für ihren persönlichen Nutzen und korrigierten die Juragewässer im 19. Jahrhundert in 2 Etappen.
 
Als die Aare noch nicht gebändigt war, führte sie Sand und Gesteinsmaterial mit sich, das sich dann bei einer Verlangsamung des Flusslaufs wegen des nur leichten Gefälles (zirka 1 m auf 13 km) ablagerte und für ständige Landschaftsveränderungen sorgte. Der Fluss musste sich immer neue Wege bahnen und schuf die schönen Mäander (Flussschleifen), deren eine bei der Einmündung des Giglerbachs aus Bettlach (Nachbargemeinde von Grenchen) ist. Prallhänge wurden und werden abgetragen; in der Schleife bildet sich eine Sandbank. Unter www.infowiti.ch kann man sich für geführte Exkursionen in dieser Gegend anmelden.
 
Die Schrägseilbrücke Grenchen‒Arch
Das Schutzgebiet wurde im Rahmen des A5-Baus zwischen Solothurn und Grenchen 1994 durch den Regierungsrat des Kantons Solothurn ausgeschieden. Zu diesem Bauwerk gehört die insgesamt 365 m lange Aarebrücke Grenchen-Arch BE (Seeland), eine 1998 erbaute Schrägseilbrücke in Harfenform mit einer Hauptspannweite von 130 m. Sie besteht aus 2 Brückenteilen und wirkt aus jedem Blickwinkel gefällig. Die Fahrbahntafeln sind jeweils in 2 Seilebenen von 4 hohen Mastpylonen abgespannt, die Widerlager beidseitig von den Aareufern zurückversetzt.
 
Die schrägen Seile haben aber auch ihre Tücken, weil fliegende Schwäne vor allem nachts damit kollidieren und häufig zu Tode stürzen. Deshalb wurden etwa 300 Spiralen an den Drahtseilen montiert, die aber ihre Wirkung als Mahner zur Vorsicht nur bei Tage entfalten.
 
Ich spazierte neben einer wahrscheinlich im Rahmen des Brückenbaus ausgebaggerten und mit Schilf fast zugewachsenen Altarm-Imitation auf die Brücke zu, unterquerte das eindrückliche Bauwerk und begegnete dann einer freundlichen, sportlichen Grenchnerin mittleren Alters, die hier mit Altbrot eine 8-köpfige Schwanenfamilie fütterte; die 6 etwa einjährigen Jungen mit dem noch bräunlich durchsetzten Federkleid genossen das Mahl ebenso wie einige Stockenten, die eilig herbei schwammen.
 
Die tierliebende Frau, mit der ich ins Gespräch kam, lebt seit 40 Jahren in Grenchen und lobte die Umgebungsqualitäten der Stadt mit dem Flachland auf der einen und den buckligen Hügeln wie dem Vorberg, den steilen, bewaldeten Halden und den schroffen Felswänden der Wandflue auf der anderen Seite. Dort oben lagen noch Schneebänder, und es sei fraglich, ob man zu dieser Zeit hinauf bis Obergrenchenberg fahren könne, antwortete sie auf meine Frage. Das wollte ich wenigstens versuchen.
 
Auffahrt zum Grenchnerberg
Nachdem ich mein Auto in der weiten Ebene wieder erreicht hatte, fuhr ich ins Zentrum von Grenchen zurück und bog in die Grenchenbergstrasse ein, die zuerst nach Westen führt, sich bald im „Bann“-Wald verliert, dann eine Spitzkehre vollzieht, sodann aufstrebend durch den Vorberg führt und unter der Ebnismatt wieder auf die andere Seite dreht. Verschiedene Tafeln wiesen auf Holzschlag, Steinschlag und nur zeitlich befristete Zufahrtsmöglichkeiten hin. Aber an jenem Freitagnachmittag des 04.02.2011 nach 14 Uhr schien die Auffahrt möglich zu sein, wenn ich den Tafelsalat richtig interpretierte.
 
Vor allem der Steinschlag-Gefahrentafel wurde alle Ehre erwiesen. Auf der etwa 1 bis 1 ½-spurigen, asphaltierten Strasse lagen viele spitze Kalksteinbrocken, denen ich auswich, damit sie nicht die Pneus aufschlitzen konnten. Ich hatte leichte Bedenken, ein vom ausgesprochen brüchigen Jurakalkfelsen gelöster Brocken könnte das Solardach meines Autos beschädigen; doch es blieb intakt.
 
Im Restaurant „Stierenberg“ von R. und V. Kuhn-Leu auf 1075 m Höhenmetern kehrte ich zu einem Kaffee ein. In der einfachen, mit stabilen Holzmöbeln ausstaffierten Gaststube schlugen einige Pensionisten jassend die Zeit tot. Die nette Wirtin sagte, ich könne problemlos bis hinauf auf den Untergrenchenberg weiterfahren; die Steinschlaggefahr sei ab jetzt eher kleiner. Also fuhr ich. Auf dem Strassenbelag lagen an einer schattigen Stelle noch allerletzte Schneeresten, die sich wie die kleinen Schneewälme neben der Strasse, zu jämmerlichen Häufchen zusammengeschoben, vor der wärmenden Frühlingssonne zurückzogen.
 
Skisportlicher Ausklang
Auf dem Untergrenchenberg (1295 m) steht ein grosses Gasthaus mit Landwirtschaftsbetrieb; das langgezogene Gebäude wurde 1934 erbaut und 1979 restauriert, wie auf der Fassade deutlich zu lesen steht. Ich folgte dem Wanderwegweiser „Obergrenchenberg“. Die Strecke dorthin sei in 30 Minuten zu bewältigen, verheisst der Wegweiser.
 
Der Weg, der an jenem Tag noch vollständig mit Schnee bedeckt war, führt neben dem Ski-Bügellift Grenchenberg am Waldrand vorbei. Ein Raupenfahrzeug hatte den Schnee etwas festgedrückt, aber doch nicht so fest, dass er nicht unter meinen Schuhen eingebrochen wäre. Ein 3 Käse hoher Knabe fuhr mit seinen kurzen Skiern direkt auf mich zu, und als ich Anstalten machte, zur Seite zu gehen, rief der herannahende Knabe: „Ich kann schon ränken“ und drehte kurz vor mir ab; der in einiger Distanz fahrende Vater schaute dieser Show mit Wohlgefallen und mit Vaterstolz zu. Dann kam ich an 6 Mädchen vorbei, die etwa am Ende der Schulzeit angelangt sein dürften und freundlich grüssten. Sie sassen auf den bekannten Davoser Schlitten bzw. eine auf einem breitkufigen, blauen Plastikschlitten. Welche Konstruktion die schneetauglichere ist, konnten sie mir nicht sagen; es ging ihnen mehr um Geselligkeit als um Warentests.
 
Ich stapfte dann noch mühselig bis zum oberen Ende des Bügellifts, wo ein Häuschen und ein junger Bursche die infrastrukturellen Voraussetzungen für einen unfallfreien Betrieb waren. Der junge Mann sagte mir, es komme in seltenen Fällen eben vor, dass sich ein Skifahrer nicht rechtzeitig aus dem Bügel befreien könne oder sich dieser Bügel in der Skijacke verhasple (und zum Kleidebügel wird). Dann müsse er den Lift sofort manuell abstellen. Und wenn alle Stricke reissen, ist weiter oben, wo das grosse Rad das Seil umlenkt, noch ein Seil zur Sicherheit gespannt, das den Lift nötigenfalls ebenfalls ausschaltet. Normalerweise wird der Schwung des Bügels von einem elastischen, roten Stangenwald vor einem kleinen Schneehügel abgefangen und dann in die Höhe gezogen, damit er nicht wie ein Rechen allfällige Passanten mitschleppt. Die Sicherheitstechnik löst alles.
 
Etwas weiter oben (Punkt 1375) ist ein hoher Telekommunikationsmast mit seinen rundum angeordneten Schüsseln – gewissermassen ein modernes Höhenkreuz – jede Zeit hat ihre eigenen Kreuze.
 
Das Panorama
Die Sonne schien hier oben wunderbar, und ich wollte sie noch etwas geniessen und trottete zum Restaurant Untergrenchenberg zurück, das eine ausladende Aussichtsterrasse hat. Auf dem Holzboden lagen noch ein paar Zentimeter Schnee, aber Tische und Stühle standen bereit. Im Aaretal lag eine graubraune Nebelsuppe mit einer Obergrenze von etwa 1000 Metern. Das Südufer dieses Meers, vom gewässerschützerischen Standpunkt aus nicht ganz überzeugend, bildete der Alpenkranz mit Eiger, Mönch und Jungfrau und all deren Familienangehörigen im Osten und im Westen, ein richtiges, klares Panorama. Darüber waren Dunstbänder gelegt, die das Himmelblau weitgehend abdeckten.
 
Die jurassische Höhensonne tat gut. Ich bestellte einen Hagebuttentee, der dann unter dem Fachausdruck „Rosehip“ mit dem Zusatz „églantier“ (= Heckenrosenstrauch) daher kam und sogar noch mit etwas Hibiskus aufgemotzt war. Das Wort „Infusion“, das ebenfalls auf der Lipton-Packung stand, wies nicht auf eine intravenöse Darreichungsform hin, sondern stand für das lateinische infusio = Aufguss. Ohne gewisse minimale Sprachkenntnisse wäre man vor solch einem Teebeuteltee glatt verloren.
 
So liess ich im Rosehip-Dunst den schmalen Alpenkranz vom Schwarzhorn bis zum Gspaltenhorn mit dem vorgeschobenen Schilthorn in Musse Horn um Horn auf mich wirken, glücklich darüber, nicht in der deutlich erkennbaren Eigernordwand herumhängen zu müssen.
 
Zum „Aarebrüggli“
Als sich die Sonne hinter der ausgewachsenen Fichte neben dem Restaurant in Deckung brachte, erinnerte ich mich – hipphipphurra! – an einen Tip, den mir die erwähnten Dame neben der Seilbrücke an der Aare gegeben hatte: Im Restaurant „Aarebrüggli“ könne man gute Fische preiswert essen. Also tauchte ich in den Nebel hinunter. Im Wald mit den Bruchkalksteinen war er nur als unbedeutender Dunst zu erleben und in Grenchen war es ziemlich hell, einige Sonnenstrahlen tauchten durch. Somit wirkt also ein Nebelmeer von oben viel bedrohlicher als aus der Sicht der Meeresbewohner. Eine Sache der Wahrnehmung.
 
Unmittelbar neben dem Restaurant an der Reiherstrasse 108 ist die alte Aarebrücke, neben der noch ein Pfeiler ihrer Vorgängerin, eine einfache Eisenkonstruktion von 1874, überlebt hat. Die bestehende Archbrücke (1994/97) ist eine Bogenbrücke, die also von den Aaremäandern inspiriert zu sein scheint. Sie besteht aus 2 nach oben und nicht etwa zur Seite zeigende Stahlbögen von 106,2 m Spannweite. Die Pfeiler stehen im Fluss, und 4 Treppen führen zu diesem. Die Fahrbahn ist mittels Zuggliedern am Bogen aufgehängt, ähnlich wie das das über der Abbaustelle der Sondermülldeponie Kölliken AG (SMDK) in ausgedehnterem Ausmass der Fall ist. Ob sich die Schwäne damit auch schwer tun, ist mir unbekannt. Für jeden Fall ist im gleichen Haus wie das Restaurant „Aarebrüggli“ auch das Tierheim von Yvan Schmid mit Igelstation untergebracht.
 
Das Restaurant ist klein, gemütlich; ein älterer Mann, der sich selber mit „Ernst“ ansprach, erzählte gelangweilten Zuhörern von seinen Vorlieben und wie der die Nächte verbringt. Schlafend. In dieser beruhigenden Atmosphäre bestellte ich bei der stämmigen Wirtin mit langem, grau meliertem Haar Fischknusperli vom Hecht (18.50 CHF) und einen Zweier gespritzten Wein (4 CHF), der in einem Römerglas mit flaschengrünem Sockel angeliefert wurde. Mit dem Spritzen meint man das Verdünnen mit Sprudelwasser.
 
Aus der Küche war das Fritteusen-Blubbern zu hören, und die Wirtin brachte nach wenigen Minuten ein geflochtenes Körbchen, in dem eine blaue, oben durch eine Wäscheklammer en miniature zusammengehaltene Serviette die unförmigen Fischstücklein verbarg. Hatte der Fischereiverein Grenchen-Bettlach seine Angeln im Spiel? In der Schweiz werden viel mehr Süsswasserfische gegessen als unsere Gewässer hergeben. Dazu wurde eine etwas Umami-betonte Kräutersauce, eine Scheibe Zitrone und 3 Stücke herrlich frischen Weissbrots, normal gesalzen, gereicht. Das schmeckte ganz gut.
 
Ich versuchte verzweifelt, aus dem verdünnten, wässrigen Getränk die Weinsorte herauszuspüren, scheiterte aber kläglich. Ich fragte die Wirtin: „Südafrika“ rief sie mir zu und verschwand zu einem anderen Tisch, der reserviert war und aufgedeckt werden musste.
 
Damit neigte sich meine Weltreise ihrem Ende zu. Das Gute liegt so nah.
 
Quellen
Fringeli, Albin, und Loertscher Gottlieb: „Die Bezirke des Kantons Solothurn“, Buchdruckerei „Volksfreund“, Laufen 1973.
Landeskarten 1:25 000 „Moutier“ (Blatt 1106) und „Büren a. A.“ (Blatt 1126).
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Aare im Raum Solothurn-Biel
13.04.2007: Aarefahrt Solothurn–Biel: Vom Sumpf nur noch eine Spur
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