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BLOG vom 16.05.2011


Ökologie-Ketzertum beim aufgeweiteten Escher-Gewässer
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Mit unserem landläufigen, standardisierten Denken hat er sich noch nie so richtig anfreunden können. Heiner Kellers Gehirn funktioniert anders, hinterfragender. Es gleicht das etablierte Wissen ständig mit Plausibilitätskontrollen ab, was übrigens auch Journalisten oder Redaktoren, die ihren Beruf nicht verfehlt haben, tun sollten.
 
Aus Anlass der Einweihung des aufgeweiteten Escherkanals in der Linthebene (im Chli Gäsitschachen, wenige 100 Meter vom Linth-Einlauf in den Walensee entfernt), hatte ich am Vormittag, 14.05.2011, das Vergnügen, an seiner Führung über „Vegetation und Lebensräume“ teilzunehmen; über die Festivitäten aus Freude am Zurück zu mehr Natur werde ich in einem speziellen Blog noch berichten. Hier beschränke ich mich auf einige wahllos herausgerissene Keller-Ketzereien, die ihm wahrscheinlich alle Tore ins Ökologen-Paradies verrammeln werden.
 
Wechselwirkungen und Auslese
Heiner Keller, der die Renaturierung ökologisch begleitete und weiterhin begleiten wird, durchschaut die Ökologie der Individuen, das heisst die Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen untereinander und ihren Lebensräumen (örtliches Klima, Bodenbeschaffenheit, Pflanzendecke, Tierwelt, menschliche direkte und indirekte Einflüsse und Eingriffe). Jedes Lebewesen bewegt sich innerhalb einer gewissen oberen und unteren Toleranzgrenze – sonst geht es ein oder muss auswandern. Es gibt also auch ein Flüchtlingswesen in der Welt der Faunen (der Tiere). Pflanzen ihrerseits haben keine Bewegungsmöglichkeit, und weil sie nicht fliehen können, müssen sie manchmal das Zeitliche segnen. So sind rechtsufrig neben dem aufgeweiteten Linthkanal einige Eiben verdorrt, weil im Zuge der Umgestaltung der Landschaft der dortige Bereich mit mehr Wasser (Nässe) versorgt wurde. Das hat also nichts damit zu tun, dass man ihr hartes und elastisches Holz nicht mehr für die Produktion von Armbrüsten braucht ... Die Eibe liebt es eher trocken, und sonst quittiert sie ihren Dienst vorzeitig, das heisst, bevor sie 1000 Jahre alt ist.
 
Im gleichen Atemzug räumte Keller auch mit dem Begriff von den „trockenheitsliebenden“ Pflanzen auf. In Tat und Wahrheit sei es eben so, dass sie es schon gern etwas nasser hätten, aber die Trockenheit relativ gut ertragen können. Es sei schon bemerkenswert, zu welchen Schlussfolgerungen die Menschen kommen würden, warf Keller noch ein. Andere Pflanzen ertragen nicht viel Nässe und gehen im Feuchtbereich von Gewässern ein; der Spülsaum differenziert die Pflanzen. Wem es nicht passt, hat keine Chance. Der Margerite geht es im Feuchten gut.
 
Das Igel-Syndrom
Über der gut gelaunten Exkursionsgemeinschaft kreiste gerade ein Gänsesäger (Mergus merganser) und hielt nach frischen Fisch-Delikatessen Ausschau; die Menschenansammlung empfand er als eher deplatziert. Er litt unter den Flussverbauungen, die seinen Wirkungsbereich einengten, und dementsprechend freute er sich nun über den wesentlich verbreiteten Flusslauf. Heiner Keller würdige den fliegenden Säger somit mit besten Gründen als gutes Omen, an dem man sich freuen sollte. Man sollte ihm nicht die Fische missgönnen, die er frisch und roh geniesst (jeder Gourmet weiss, dass sie so den besten Geschmack haben), sondern man müsste seine Anwesenheit vielmehr als Indiz dafür deuten, dass es Fische gibt.
 
Es sei wie bei den Igeln. Das Schlimmste sei nicht, sinnierte der Ökologe aus dem aargauischen Oberzeihen, wenn hin und wieder ein Igel überfahren werde, da dies ein Zeichen dafür sei, dass es noch den einen oder anderen Igel gebe. Viel schlimmer sei es, wenn kein einziger Igel mehr unter die Räder komme, weil es keine Igel mehr gebe.
 
Schlagzeile „Eschentriebsterben“
Geht es auch den Eschen an den Kragen? Keller zeigte auf einige gelbrötliche Triebe von Eschen, und für eine solche Verfärbung ist der Frühling sicher nicht die richtige Zeit. Es handle sich um das erst kürzlich aufgetauchte Eschentriebsterben, berichtete der Fachmann. Es wird durch einen Gefässpilz (Chalara fraxinea) verursacht, der die Gemeinen und Schmalblättrigen Eschen befallen kann. Eine ausgelichtete Krone und früher Blattabfall gehören zu den weiteren Auswirkungen des Pilzes. „Ein Fall für Schlagzeilen“, kommentierte Keller, der gerade über eine Beinwellpflanze (Wallwurz) stolperte. Er pries deren Heilwirkungen zum Beispiel bei offenen Beinen, Verstauchungen, Prellungen und Zerrungen (sozusagen ein besser wirksamer und besser verträglicher Voltaren-bzw. Diclophenac-Ersatz; es sind dies Entzündungshemmer). So muss befürchtet werden, dass Beinwellsalben verboten werden ... Keller: „Wo käme die Pharma hin, wenn jeder seine Salben selber anrühren würde ...?“
 
Unterwegs riss Keller eine Sommerflieder-Jungpflanze aus und sagte, er benehme sich wie ein Biologe, der daran zu erkennen sei, dass er Pflanzen ausreisse und mit lateinischen Begriffen um sich werfe. Den Sommerflieder (Buddleja), diese Bedrohung für die einheimische Natur, könne man noch heute in Gartencenters als „Schmetterlingspflanzen“ zu einem hohen Preis (bis 15 CHF) kaufen. Eine Pflanze mit ähnlichen Blättern aber liess der Exkursionsleiter stehen: die Lavendelweide (Salix eleagnos), eine Rarität. Ihre Blätter sehen jenen des Sommerflieders zum Verwechseln ähnlich. Im Chli Gäsitschachen wurden neben dem Escherkanal nur ganz wenige Pflanzen (aus der umgebenden Natur) wie Silberweiden („Mangroven des Nordens“) gesetzt, den Rest überlässt man der Naturverjüngung. Das spart Geld und bringt weit befriedigendere Resultate – Pflanzengesellschaften werden gratis und franko angeliefert. Die Sukzession (die Abfolge von Pflanzen- und Tiergesellschaften) kann man im neu gestalteten, der Natur weitgehend überlassenen Lebensraum auf besonders eindrückliche Weise beobachten.
 
Nur die Natur hat Zeit
Schon heute erhält man eine Ahnung davon, wie es herauskommen wird. Die neu gestaltete Landschaft mit dem doppeltrapezförmigen Wasserbett besiedelt sich jetzt. Nur wir Menschen seien ungeduldig, sagte Keller noch, doch die Natur habe Zeit à discrétion.
 
Und er musste seine Exkursion leider beenden ... denn es war Zeit für den offiziellen Festakt beim Infanterie-Schiessplatz Walenberg, der nach 1976 (Landerwerb) erstellt wurde. Das Programm war einzuhalten. Die Naturnähe und die Zeit wurden schon wieder überlistet.
*
Ein Trost waren die herrlichen Naturtöne, welche die faszinierende Vokalkünstlerin, Sängerin und Komponistin Agnes Hunger, auf dem Akkordeon von Jimmy Gmür begleitet, zur Einleitung der Feierstunde ins weite Tal mit dem zart rauschenden Escher-Gewässer, das hier ein Stück weit kein trostloser Kanal mehr ist, hinausschweben liess.
 
Hinweis
Fortsetzung folgt.
 
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