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BLOG vom 13.06.2011


Vom traurigen Hühnerleben und meinem Frühstücks-Ei
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Einmal musste ich in Norddeutschland, unweit von Münster, einen Geflügelverarbeiter aufsuchen. Die Einladung zur Betriebsbesichtigung schlug ich aus. Ich wusste, dass die Hennen am Fliessband geköpft werden. Ihre Federn werden gerupft. Die Lebenspanne der Legehenne ist kurz. Jeden Tag legt sie ein Ei, bis sie erschöpft ist und zu Tierfutter verarbeitet wird. (Suppenhühner sind heute verpönt.) Was auf den Tisch kommt, sind die Mast-Hennen und Mast-Hähnchen aus der Massenzucht. Der ausgeweidete Rumpf wird als Poulet verkauft oder kommt, in Schenkel und Flügel zerteilt und vorverpackt, in den Lebensmittelhandel. Zerschnetzelte Hühnerreste werden den Fertiggerichten beigegeben. Die wertlosen Eintagsküken überleben keinen einzigen Tag. 40 Millionen der niedlichen Küken werden jährlich in Deutschland „entsorgt“.
*
Ich weiss nie im Voraus, wer oder was mir nächtlich im Traum erscheint oder, wie diesmal, zuflog: eine weisse und weise Gluckhenne! Soll niemand behaupten, dass Hühner dumm sind!
 
Wollte sie einem Raubvogel entkommen, als sie mir, Schutz heischend, auf die Schulter flatterte, mitten am helllichten Tag im Garten? Sie plusterte ihre Federn und gluckste ihr Kauderwelsch. Ich wies auf meinen ausgestreckten Arm, und die Henne verstand, was ich meinte. Ich wurde zu ihrer Sitzstange, trug sie durch den Garten und zeigte ihr mein Salatbeet. Ich beugte mich tief. Mein Huhn verstand wiederum, was ich meinte, und tat sich an meinen Salatblättern gütlich. Die Pfade zwischen den Beeten waren trocken.
 
Dort begann das Huhn bald zu scharren und pickte die roten Beeren des wilden Kirschbaums. Sein roter Kamm wippte munter hin und her.
 
Man kann nie vorsichtig genug sein. Wer weiss, vielleicht lauerte ihm bereits ein hungriger Fuchs im Gebüsch beim Zaun auf. In diesem Augenblick erschien Lily durch die Tür und war baff erstaunt. Es brauchte eine gute Minute, ehe sie sich stammelnd äussern konnte: „Du … das ist verrückt …“ Ich nickte und sagte: „Ja, ich weiss das auch. Hat es noch Vogelfutter in der Papierhülse in der Vorratskammer?“ Ich musste meine Frau beruhigen und ihr hoch und heilig versprechen, unser Haus nicht in ein Vogelhaus zu verwandeln. „Der Schuppen tut es auch!“ Damit gab sie sich zufrieden und zog sich mit der Schlussbemerkung „bei dir weiss man nie, was dir einfallen könnte …“ ins Haus zurück. „Ja, ich weiss das auch“, schickte ich ihr nach.
 
Was braucht ein Huhn, um glücklich zu sein, fragte ich mich und kam zum Schluss: eine sichere Unterkunft im Schuppen, eine Schale Wasser, eine nestähnliche Unterlage – und etwas Vogelfutter.
 
Nach dem heissen Tag braute sich ein Gewitter zusammen und prasselte los. „Komm!“ sprach ich ihm zu und fühlte mich zum Schutzheiligen meines Huhns berufen. Ohne Weiteres liess sich mein Huhn in die Arme nehmen. Es gefiel ihm im Schuppen, und es richtete sich im Nest behaglich ein. „Morgen kriegst du deine Sitzstange“, versprach ich, ehe ich die Türe schloss und aus meinem Traum erwachte.
*
Gestern hatte ich aus meinem Büchergestell „The Gift of the Magi and Five Other Stories“ vom amerikanischen Schriftsteller O. Henry (1862–1910) geklaubt und in einem Zug gelesen. Der wusste, wie man Kurzgeschichten mit überraschendem Ende schreibt. Kann ich es ihm nachtun? Leider nicht. Nicht diesmal. Immerhin war ich dem Vorreiter meines Traums auf die Spur gekommen, der mit O. Henrys Geschichte „Springtime à la carte“ begann.
 
Die Tippmamsell Sarah tippte tagtäglich 12 neue Menükarten für Herrn Schulenberg, Besitzer des benachbarten Restaurants. Als Entgelt wurde ihr das Menü ins Haus gebracht. Während der stereotypen Abschriften dachte sie an ihren Bräutigam – auch als sie versehentlich bei der Dessertzeile tippte:
 
„Dearest Walter, with hard-boiled egg“
(Lieber Walter, mit hartgesottenem Ei).
 
Jetzt weiss ich, dass mich, dank dieser Geschichte, ein frisch gelegtes Trinkei – ein Frühstücksei von meinem Huhn – erwartet.
 
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