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BLOG vom 17.06.2011


Wie das KKW-freie Italien dennoch zum Atomstrom kommt
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„O sole mio“ singen die Neapolitaner, die übrigen Italiener und alle anderen Leute, die von der Sonne Italiens träumen. Bei so viel Sonnenschein und gleichzeitiger Kernkraft-Freiheit seit über 20 Jahren sind alle Voraussetzungen für ein Aufblühen der Solarenergie (Photovoltaik = PV) in geradezu idealer, wunderbarer Weise gegeben. Mit Wundern war Italien schon seit je besonders reich gesegnet.
 
Der unterentwickelte Solarstrom
In Süditalien ist die Strahlungsintensität besonders hoch, bis 80 % höher als an den sonnenreichsten Plätzchen in Deutschland. Doch in der Realität ist das PV-Potenzial trotz staatlicher Förderung („Conto Energia III“) südlich der Alpen nicht annähernd ausgeschöpft. Selbst wenn das Ziel für 2020, jährlich 8 GW (8 Milliarden Watt) Solarstrom zu produzieren, erreicht werden sollte, würden damit gerade einmal 3 (in Worten: drei) Prozent des italienischen Strombedarfs gedeckt, wobei unberücksichtigt bleibt, dass bis in 9 Jahren der Elektrizitätsbedarf zweifellos stark angestiegen sein dürfte – Energiefresser wie Fernseher, Computer und Internet gibt es auch in Italien. Die erwähnten 3 Prozent entsprechen ungefähr einer Jahresverbrauchszunahme ... Die Einspeisetarife für überflüssigen Solarstrom ins Netz wurden in Italien gerade drastisch gesenkt, um die PV-Anlagen-Hersteller, die ihre Geräte doppelt so teuer wie in anderen Ländern verkaufen, zu zwingen, effizientere Produkte zu entwickeln, technische Grenzen hin oder her.
 
Italien hat vor über 20 Jahren, nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl (Ukraine, 1986), vorweg genommen, was sich in anderen Ländern erst jetzt unter dem Eindruck in Fukushima (Japan, 2011) abspielt: den Ausstieg aus der Atomenergie. Durch ein Referendum wurde 1987 die Fortsetzung der Produktion von Atomstrom im Lande abgelehnt. Die bisherige Bilanz ist nicht eben überwältigend: Italien deckt seinen Energiebedarf seitdem überwiegend über Öl- und Gasimporte. Sie und selbst Kohlekraftwerke müssen ausgebaut werden; die Kohle stammt aus den fernen USA, Südafrika und Australien ... wahrscheinlich CO2-neutral importiert. Auch auf Biomasse muss gesetzt werden, was ja auch nicht eben das Kolumbus-Ei ist, falls die Anlagen nicht mit Abfällen aus Forst- und Landwirtschaft betrieben werden. Wälder werden durch schnellwüchsige Neupflanzungen zu Plantagen, zum reinen Nutzwald (Ceduo-Wald) ohne grosse ökologische Bedeutung.
 
Das Sonnenland trägt in einem dramatischen Ausmass zur CO2-Anreicherung bei, abgesehen von den Umweltbelastungen, welche mit den anderen fossilen Energien vergesellschaftet sind. In den Jahren 2003 und 2005 kam es zu massiven Stromausfällen (etwa in Mailand) und Störungen in der Elektrizitätszufuhr (2005 war der Ausstieg abgeschlossen). Und die Strompreise nehmen europäische Spitzenplätze ein – italienische Firmen zahlen etwa 1/3 mehr für die Energie als ihre Konkurrenten ausserhalb des Landes.
 
Aus des Teufels Küche
Einen milden Beitrag zur Energieversorgung der Toscana liefert die Geothermie aus der Gegend um Larderello, worüber ich im Blog vom 23.09.2010 („Italienreise 4: Im Inneren einer dampfenden Hügellandschaft“) aus eigener Anschauung berichtet habe. Schon die alten Römer hatten daran (am heissen Wasser, nicht am Blog) ihre helle Freude, badeten lustvoll in warmen Quellen und kurierten so Gicht und Hautkrankheiten.
 
Den Grundstein für die Stromgewinnung durch Geothermie aber legte erst der tüchtige florentinische Unternehmer Prinz Piero Ginori Conti. Nach mehreren Versuchen mit einem thermisch angetriebenen Kolbenmotor gelang es ihm im Juli 1904, nicht weniger als 5 Glühlampen zum Leuchten zu bringen. 9 Jahre später nahm er in Larderello das erste Erdwärmekraftwerk mit einer 25-Kilowatt-Dampfmaschine in Betrieb, bis sie wenige Jahre später von den Salzen innen zerfressen war und ihren Geist aufgab. Ab 1913 wurde mit korrosionsbeständigen Wärmetauschern weiterproduziert.
 
Mächtige isolierte Stahlrohre überziehen jetzt die hier und dort brodelnde Landschaft. Sie wird in der christlichen Gegend als Tal des Teufels (Valle del diavolo) bezeichnet. Rund um Castelnuovo de Cecina in den Colline Metallifere mit dem hohen Salzgehalt in der Luft als postvulkanische, unter anderem borhaltige Ausatmung, der für den Rost ein gefundenes Fressen ist, betreibt die „Ente nazionale per l'energia elettrica“ ENEL als grösster italienischer Stromversorger gut 30 geothermische Anlagen, um Strom zu erzeugen oder Erdwärme als Dampf zu Heizzwecken zu den Verbrauchern zu bringen. Dem Unternehmen ENEL gehören heute ganze Dörfer wie Castelnuovo und Larderello, die wegen Abwanderungen günstig zu haben waren.
 
Das grösste Geothermiekraftwerk Europas speist etwa 700 MW ins ausgehungerte italienische Stromnetz ein. Nach verschiedenen Angaben werden hier etwa 0,6 bis 2 % des Stroms erzeugt, entsprechend der Verbrauchszunahme von 2 bis 6 Monaten. Italien nutzt die Erdwärme damit etwa in der gleichen Grössenordnung, wie das weltweit üblich ist.
 
Abfuhr für Berlusconi und KKWs
Das Debakel, durch den hohen Ölpreis noch gefördert, ist im Lande so gross, dass Regierungschef Silvio Berlusconi in den nächsten Jahren mehrere neue Kernkraftwerke bauen lassen wollte. Der Zeitpunkt für eine Abstimmung darüber, der 12./13.06.2011, 3 Monate nach Fukushima, war nicht besonders ideal. Berlusconi hat sein Ansehen verloren und fuhr Schlappen gleich serienweise ein. In der Grössenordnung von 95 % der Stimmen sagten die Italiener zu allen Vorlagen klar Nein: keine neuen Atomkraftwerke, keine Privatisierung der Wasserversorgung (der Energiemarkt seinerseits ist seit 1999 liberalisiert) und kein „Immunitätsgesetz“ zugunsten des Ministerpräsidenten und seines Kabinetts, insgesamt ein politischer GAU.
 
„Nur Atomkraftwerke erlauben die Produktion von Energie auf sichere, wettbewerbsfähige Weise und mit Rücksicht auf die Umwelt“, hatte der Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Claudio Scajola, kurz vor der Abstimmung noch verlauten lassen, ohne Gehör zu finden. Es sei an der Zeit, dass Italien zur Atomkraft zurückkehre, da das Land in seiner Energieversorgung zu sehr vom Ausland abhängig sei, doppelte die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes, Emma Marcegaglia, nach. Zwar macht auch die Uranbeschaffung auslandsabhängig, doch die Abhängigkeit ist potenziert, wenn man sich durch den Zukauf von Atomstrom nicht nur indirekt vom Rohstoff, sondern zudem noch von der Produktion in einem fremden Land und der Energieübertragung über weite Strecken abhängig macht.
 
Der Ausstieg vom Ausstieg hat nicht sollen sein, und die Schweiz und vor allen Dingen Frankreich, das unbeirrt an seinen KKWs festhält und deren Atomstrom zum Exportschlager wird, können weiter von ihrer Energie an Italien verkaufen. Die Electricité de France hat die Signale aus Deutschland und der Schweiz verstanden und setzt auf eine höhere Nachfrage aus der Nachbarschaft. Sie plant, die Atomstrom-Produktionskapazitäten bis 2020 von 132 auf 200 Gigawatt zu steigern. Im Moment bezieht Italien seine Elektrizität zu 70 % aus dem Ausland, Atomstrom inbegriffen. Die energiepolitisch verwirrte, um nicht zu sagen verhühnerte Schweiz steuert auf diesen Zustand zu.
 
Dimensionen
Bei den Energiediskussionen werden meist bewusst oder unbewusst die Grössenordnungen ausgeblendet, um die es dabei geht. Der Ausbau von Alternativenergien verursacht meistens hohe Kosten, birgt die Gefahr von Umweltbeeinträchtigungen in sich und kann nicht einmal mit der Stromverbrauchszunahme mithalten.
 
Das Entscheidende spielt sich an den Schaltern und Steckdosen ab. Und bei der heutigen Lust am Streiken und Boykottieren sowie bei der Verteufelung des Stromproduktion im grossen Stil frage ich mich manchmal, wieso die Menschen überhaupt noch Steckdosen anzapfen und Schalter auf EIN stellen. Ich würde erwarten, dass sie konsequenterweise den unverbesserlichen Energiebaronen eine Abfuhr erteilen, ihnen keine einzige Kilowattstunde mehr abkaufen, ihre Botschaften über Rauchsignale austauschen und zur Handarbeit zurückkehren. Und das „O sole mio“ kann man auch selber singen statt ab DVD abspielen. So etwas hätte Stil und würde jene Glaubwürdigkeit zurückbringen, die man in der Tagespolitik im Übrigen so schmerzlich vermisst.
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Energiepolitik nach Fukushima
 
Hinweis auf die Blogs über die Italienreise 2010 von Walter Hess
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