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BLOG vom 07.08.2011


Die zentrale Schweiz-Mitte in der Zentralschweiz ob Sachseln
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Wo ICH bin, ist immer die Mitte.“ Dies sagte der Bauer und Senn Werner von Moos (64), der auf dem Bänkli vor seiner Alphütte („Hittä“) auf der Alp Älggi oberhalb von Sachseln (Kanton Obwalden) sass und sich auf eine Mistgabel abstützte. Gleich daneben, hinter dem Stalleingang mit der in der Mitte unterteilten Schwenktür, die oben offen war, beobachtete ein Rind die Szene mit offensichtlichem Interesse. Der Hund, ein Appenzeller Sennenhund mit Rottweiler-Anteil, beschnüffelte mich, hatte aber an meiner unerwarteten Anwesenheit so wenig auszusetzen wie sein wackerer, stämmiger und wetterfester Meister im karierten Hemd und den Hosen aus grün-braunem, strapazierfähigem, festem, angerautem Stoff, die von Hosenträgern in Position gehalten wurden. Die kleine Bauchwölbung, die viele Männer im reiferen Alter als Hinweis auf eine intakte Genussfreude entwickeln, fand daran problemlos Platz. Da war sogar noch eine gewisse Reserve vorhanden, zwingt doch das Älplerleben zur Bildung eines Notvorrats. Es können ja einmal magere Zeiten ankommen.
 
Er sei etwas erkältet, sagte Werner von Moos nach einem schleimlösenden Hustenanfall. In der 1958 erbauten Hittä mit der Aufschrift Abgschütz mit ihren verwitterten Holzbrettern gebe es halt Zugluft, ganz dicht sei sie schon nicht, räusperte er sich. Er schläft eine Etage über dem wärmenden Kuhstall. Die Nächte seien da oben halt kalt, fast 1700 Meter über dem Meeresspiegel. Hier sei es „en Tschope chälter“ als drunten in der Talebene, wo Sachseln ist. Der Ausdruck gefiel mir, bedeutet er doch, dass man hier oben eine zusätzliche Jacke anziehen muss. Doch an jenem 01.08.2011 war es so warm, dass der Senn mit den angegrauten Schläfen und dem sich an den Schläfen etwas zurückziehenden, dunklen Haar, den Geheimratsecken eben, ohne Tschope auskam und sogar die Hemdsärmel zurücklegen konnte, kräftige Unterarme freilegend.
 
Ich war dem freundlichen Mann im oberen Teil der Älggialp begegnet, als ich vom Mittelpunkt der Schweiz hinauf zum Seefeld wanderte, mein Bundesfeierprogramm. An diesem Tag sei er ja hier am richtigen Ort, sagte ich nach einen kurzen Gruss zu ihm. Damit war es mir gelungen, ein halbstündiges Gespräch anzubahnen, das darin gipfelte, dass er mir bei der Verabschiedung sagte: „Ich bi der Werner.“ Eine ehrliche Sympathiekundgebung, die mich freute, etwas ganz anderes als die übliche Rudelduzerei. Er sage „d’Gredi use, was i tänke“ (sage offen heraus, was er denke), hatte Werner noch betont, aber an ihm war dennoch nichts von jenem „groben Pawrenvolck“ (Bauernvolk) zu erkennen, von dem Leopold von Wien in der „Österreichischen Chronik“ sprach.
 
Zuvor hatte ich noch die Sache mit der Formulierung „immer in der Mitte“ zu klären. Zuerst kam es mir so vor, wie wenn einer bei einer Rundtischrunde sagt: „Wo ich bin, ist immer oben“. Und wenn man einmal unten ist, so ist halt unten oben. Aber so war es nicht gemeint. Denn Werners Bauerhof liegt nur wenige hundert Meter von der Mitte des Halbkantons Obwalden entfernt – und so zirkuliert er eben von Mitte zu Mitte.
 
Er beschrieb mir, wo man von Sachseln aus jene Halbkantonsmitte findet: beim Wegweiser Flüeli-Ranft rechts statt links und dann die Gloterstrasse hinauffahren, immer weiter, bis zum Eingang in den Wald. Ich beschloss, diesen Abstecher zu unternehmen, wenn ich schon an einem Tag 2 Mittelpunkte anlaufen könne, sollte man die Gelegenheit nutzen, dachte ich. Der Zufall hatte mir wieder einmal ein reichhaltiges Programm diktiert.
 
Die Mitte der Schweiz
Die Mitte Nummer 1, das zentrale Landesereignis: Auf der Älggi-Alp, der grössten Sachsler Alp, ist die Mitte der Schweiz. Dabei handelt es sich, genau genommen, um den „Flächenschwerpunkt“ des Landes (Koordinaten: 660 158 / 183 641), der 1988 vom Bundesamt für Landestopografie bestimmt wurde. Niemand könnte es besser. Die Aufgabe war knifflig: Wie findet man bei einem unregelmässigen Vieleck (Polygon) das Zentrum?
 
So: Man klebe die Schweiz als Landkartenansicht auf einen ebenmässigen Karton und schneide sie exakt den Grenzen entlang aus. Nach getanem Scherenschnitt stelle man diese Kartonschweiz auf eine stehende Nadel, so dass sie nach allen Seiten in der Balance ist. Dann zeigt die Nadel sozusagen die gewogene Mitte an, wobei das Gewicht der Berge allerdings unberücksichtigt bleibt. Genau genommen, liegt dieser Punkt oberhalb der Felswand von Chli-Älggi. Und da die Topografen aus Gründen der Unfallverhütung verhindern wollten, dass alle Mittelpunkt-Touristen vor lauter zentrierter patriotischer Euphorie in Lebensgefahr geraten und absturzgefährdet werden, verlegten die Swisstopo-Geografen die Mitte kurzerhand 500 m weiter südöstlich, echt kreativ. Als Tourismusland weiss die Schweiz haargenau, was sie ihren Kunden schuldig ist: Wir bauen ja auch keinen Souvenirladen in die Eiger-Nordwand.
 
Auf die verschobene und damit leicht verschrobene (absonderlich anmutende) Schweiz-Mitte wurde ein Stein gesetzt, und eine Triangulationspyramide, von der man die Himmelsrichtungen ablesen kann, dient dem Stein als Dach und Markierung, als Landmark sozusagen. Rund um Stein und Pyramide baute der aus lebenden, wohltätigen Menschen bestehende Steinmandli-Klub Sachseln, der sich auch der Wanderwege annimmt, eine 60 cm hohe Natursteinmauer in der leicht abstrahierten Form der Schweiz. Als ich andachtsvoll bei diesem Nationalheiligtum war, kam eine Gruppe Schweizer Soldaten im Kampfanzug daher, um einige Fotos zu schiessen. Sie seien die Letzten ihrer Gattung, spasste einer der Uniformierten, als einige Nebelwolken die Bocki-Wand und den Heitlistock umgarnten. Im Übrigen war der Himmel so blau wie die Alpweiden grün waren. Wir werden das Land mit seinen Alpen weiterhin verteidigen, nötigenfalls mit der Mistgabel.
 
In der Nähe ist ein Restaurant Älggialp, das Ghackets (gehacktes Fleisch und schmackhafter Sauce), Hörnli und Apfelmus aus originalen Gamellen anbot – schweizerischer geht’s nimmer. Auf einem Bergsträsschen wanderte ich, das Wohl der Beine über dasjenige des Bauchs stellend, hinauf zum Sachsler Seefeld, das 200 Höhenmeter weiter oben ist. Hier ist die Baumgrenze, und die Landschaft erinnert etwas an den nahen Bödmerenwald mit den durch Verwitterung wunderschön geformten Kalksteinen, denen Rinnen, die man auch Karren oder Schratten nennt, eine Formenfülle verleihen, die von Menschen geschaffene Skulpturen vergleichsweise banal aussehen lassen.
 
Auch die Pflanzenwelt, die gerade in Hochblüte stand und damit den aktuellen Zustand der Schweiz repräsentierte, ist beeindruckend. Habichtskraut und Glockenblumen waren in Hochform. Die Silberdisteln standen mit voll geöffneten, kreisrunden Blütenköpfen da. Den Blick nach oben gerichtet. Der Gelbe Enzian hatte sein Blütenfest bereits hinter sich und stand in brauner Verfärbung ermattet in den Steilhängen. Ein Steifhaariges Enziankraut gab sich mit einem kleinen runden Loch in einem Trittstein zufrieden. Einige Gemsfarbige Gebirgsziegen mit prallen Eutern hätte ich gern um etwas Frischmilch gebeten – bei direktem Strahl in den Mund, in der Direttissima, also ohne Umwege. Doch bin ich kein Milchdieb. Ich erlabte mich stattdessen am Rundblick: Brünighaupt, Hochstollen und Seefeldstock gehören zur eindrücklichen Kulisse, hinter der sich Melchsee-Frutt verbirgt.
 
Am Ende des Strässchens, das an der Alp Matt vorbeiführt, steht, von unten betrachtet, ganz oben das Hintere Hüttli, das würzigen Alpkäse aus der Eigenproduktion 2010 anbot, von dem ich 3 kg in den Rucksack stopfte, zusätzlich zum guten Kilo von jungem Alpkäse, den ich auf der Älggialp erworben hatte und mit mir herumschleppte. Die Alpkäsereien sind immer blitzblank, so dass der unverhofft auftauchende Lebensmittelkontrolleur niemals eine Bedrohung ist.
 
Von der Hüttli-Käserei blickt man auf einen kleinen See in einem moorigen Umfeld, den sie dort „Gumpen“ nennen und der einst als Waschbecken diente. Darin ertrank einmal ein Stier, der ein Bad nehmen wollte, weil er im weichen Untergrund keinen Halt fand. Seine sterblichen Überreste wurden dann mit Hilfe von Seilen zum festen Boden gezerrt. Aufgefressen habe man das Tier auch, sagte mir ein betagter Bauer; man sei damals noch nicht so wählerisch gewesen. Hinter dem Gumpel liegt der grössere Seefeldsee, der bis 40 m tief sein und mit allerhand fangfähigen Fischarten bestückt sein soll, worunter ein paar Trüschen, nachtaktive Grundfische, deren Hobby nicht darin besteht, sich fangen zu lassen.
 
Nachdem ich diese Seen- und Berg-Landschaft mit den Augen aufgesogen hatte, machte ich mich auf den Abstieg, zurück zur Älggi. Vom mir bekannten Bergsträsschen aus gibt es eine Abkürzung zu dieser Alp, die als Bergwanderweg (rot-weiss) markiert ist. Der Weg führt über Stock und Stein durch einen herrlichen Alpengarten. Doch muss man immer darauf achten, wo man seine Füsse aufsetzt, um nicht zu stolpern oder auszurutschen; im letzten Moment konnte ich einen Sturz noch auffangen. Der letzte Teil zur Alp ist besonders steil, aber mit Halteseilen gesichert. Eine Eisentreppe überbrückt das schwierigste Stück, damit man ohne Bergsteigerausrüstung auskommt.
 
Wie man die Mitte findet
Volle Konzentration erfordert auch die 11 km lange Auf- und Abfahrt im Auto von Sachseln zum Älggi. Die Bergstrasse ist vom Oberdorf aus gut signalisiert. Sie ist teileweise sehr eng, jedenfalls nur einspurig befahrbar, hat aber immer wieder Ausweichstellen; ich klappte vorsichtshalber die Seitenspiegel von meinen Prius ein. Bei Kurven, die gelegentlich an besonders steilen Stellen angelegt sind, sieht man kaum voraus, welche Kapriolen den unmittelbaren Strassenverlauf begleiten; manchmal informierte ich mich mit Hilfe des Navigationssystems über die unmittelbare Zukunft der Strassenführung.
 
Als ich am Vormittag hinauffuhr, kämpfte ich mit dem schnell wechselnden Licht, mit den Schatten, dem abrupten Wechsel der Helligkeit. Zudem bestehen die steilen Abhänge aus ausserordentlich brüchigem Kalk, so dass eine gewisse Steinschlaggefahr gegeben ist und man gelegentlich einem spitzen Stein auf dem Asphalt ausweichen muss, damit die Pneus nicht zerschnitten werden.
 
Ungefähr ab der der Hälfte, zwischen Blatten und der Alp Älggi, kann die Strasse an Sonn- und Feiertagen nur wechselweise befahren werden. Bergfahrten sind nur zu geraden Stunden (z. B. 08.00 Uhr, 10.00 Uhr, 12.00 Uhr, 14.00 Uhr, 16.00 Uhr, Talfahrten zur ungeraden Stunde (09.00 Uhr, 11.00 Uhr, 13.00 Uhr, 15.00 Uhr, 17.00 Uhr) möglich, das heisst während 40 Minuten, also etwa zwischen 10.00 und 10.40 Uhr aufwärts. Ich verpasste die richtige Zeit um ein paar Minuten – es war 10.48 Uhr. Und weil im Gebiet Blatten kein Parkplatz vorhanden ist (sonst hätte ich den Rest zu Fuss erledigt), erklärte ich den Bundesfeiertag-Montag zum Werktag – die Schweizer Freiheit lebe hoch! – und fuhr auf die Alp. Es gab keinen Gegenverkehr, nur einige platzsparende Mountainbikers waren unterwegs. Das Schicksal war mir gnädig. Und ich bitte die Polizeistation Sachseln, das zu überlesen.
 
Von Sachseln zur Älggi-Alp verkünden die gelben Wanderwegweiser für Fussgänger einen Zeitbedarf von 3 Std. 50 Min. Nur wenige Leute tun sich das an. Bequemer ist es, vorerst die Hilfsmittel der modernen Technik zu nutzen und die Kräfte für eine weit oben beginnende Bergwanderung aufzusparen und dort seine Mitte zu finden, von der in der Psychologie oft die Rede ist. Doch weiss ich inzwischen, wie schwierig es ist, die Mitte zu bestimmen und dann auch noch zu finden. Man liest dazu, man finde sie, wenn man Gefühlswelt und Kopf gleichermassen einsetze, wobei das Gleichgewicht auch hier seine Hauptrolle spielt. Man müsse eben ausgeglichen sein.
 
Auf der Webseite www.meditierenlernen.com wird als Fahndungsmethode nach der Mitte empfohlen, sich seinen inneren, grünen Garten wie folgt vorzustellen (Auszug): Der Himmel ist klar, und die Sonne scheint auf dich herab. Du fühlst dich wohl und bist ganz entspannt. Sieh dich um, kannst du den Weg entdecken? Du schreitest ihn nun entlang und kommst an einem klaren, stillen See vorbei. Du siehst einen Wasserfall, der an einem Felsen plätschert. Betrachte den See. Neben deinem Spiegelbild spürst du eine Reinheit und eine Kraft.“
 
Ich konnte mir diese Vorstellung ersparen, denn ich habe genau das in der Älggi-Umgebung 1:1 erlebt: blauer Himmel, Bergweg, stille Seelein, Wasserfall, Reinheit. Und bei meiner Stolperaktion habe ich mich noch rechtzeitig aufgefangen. Die äussere und innere Mitte waren und blieben intakt.
 
Nach diesem Mitte-Training gab ich mit dem Besuch der Obwaldner-Kantonsmitte noch einen drauf, um es salopp zu sagen. Ich habe auch jene Mitte sofort gefunden. Darüber werde ich in einem separaten Tagebuchblatt berichten, um der Gefahr des Ausuferns zu entgehen beziehungsweise um die Ufer der Mitte nicht zu übertreten.
 
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