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BLOG vom 10.08.2011


Sachseln OW: Bruder Klaus, flankiert von den 2 Mittelpunkten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
In Sachseln (Kanton Obwalden), am Südostufer des Sarnersees, begegnet einem die hagere Gestalt, die man Bruder Klaus (Niklaus von Flüe, 1417‒1487) nennt, auf Schritt und Tritt. Man muss dafür nicht einmal in den Gemeindeteil Flüeli-Ranft fahren, wo sein Geburts- und Wohnhaus steht, gut 2 km vom Dorf entfernt, sondern auch Sachseln ist im Banne des Schweizer Schutzpatrons. Im Dorfzentrum, an der Dorfstrasse 4, befindet sich das Museum Bruderklaus (www.museumbruderklaus.ch), in dem gerade (bis zum 01.11.2011) eine Rückschau auf die grosse Klaus-Ausstellung mit Werken von bedeutenden Künstlern von 1981 zelebriert wird.
 
Gute Ratschläge von Bruder Klaus
Der Rat des ehemaligen Eremiten Klaus führte nach den Burgunderkriegen zur Einigung zwischen den zerstrittenen Stadt- und Landkantonen der Eidgenossenschaft. Der sprachgewaltige Aargauer Historiker Primin Meier hat in seinem 558 Seiten starken Wälzer („Ich Bruder Klaus von Flüe“, Ammann Verlag 1997) die damalige Lage, immer auf harte Fakten und Detailtreue bedacht, unter anderem so beschrieben: „Einen Vogt erschlagen, je nach Gelegenheit innerhalb oder ausserhalb des Badezubers, einen Bischof mit dem Tod bedrohen, Inquisitoren in Schach halten, den glänzendsten Herzog Europas aufsuchen und ihn in einen kalten Graben schmeisse – wem macht das schon Bauchweh? Aber wenn man auf Luzern nicht mehr bedingungslos zählen kann, dann sind die alten Bünde vergeblich geschworen.“ Meiers urwüchsige Sprache und die Schilderung der ungehobelten Bergler, die sich unter keinen Umständen in die Knie zwingen liessen, sind hier zu einer Einheit voller Kraft und Saft verschmolzen. Die Schieflage des eidgenössischen Hausfriedens ist mit Händen zu greifen, wobei sich Meier offensichtlich zurückhalten musste, um daraus keinen Kriminalroman werden zu lassen.
 
Bruder Klaus war ein weiser Mann und wurde um seinen Rat angegangen. Er kam der Aufforderung nach und schrieb am 30.01.1482: „Ihr sollt diese Sache gütlich beilegen, denn eine gute Tat folgt aus der anderen; wenn es sich aber nicht in Freundschaft bereinigen lässt, so lausent das recht das böst sin, so beschreitet im schlimmsten Fall den Rechtsweg.“ In einem weiteren Brief (04.12.1482) doppelte er nach, ein religiös untermauerter Friedensaufruf: „... Gott ist der Fried, und Fried mag nicht zerstört werden, Unfried aber wird zerstört“.
 
Zweifellos hatten seine Worte bei der Suche nach einem Kompromiss einen politischen Einfluss. Das sogenannte Stanser Verkommnis, eine vertragliche Übereinkunft des 8 Orte umfassenden Bunds der Eidgenossen, wurde möglich, der innere Konflikt zwischen Stadt und Land aus dem Wege geräumt.
 
Dem Mystiker, der 1947 heilig gesprochen wurde, begegnet man auch bei der katholischen Pfarrkirche St. Theodul, die 1672‒84 im Stil der Spätrenaissance erbaut wurde. Neben dem prunkvollen Barockportal visualisiert eine Malerei, wie Bruder Klaus den Politikern Ratschläge erteilt und so einen Bürgerkrieg verhindert. Das Grab des Bruder Klaus befindet sich seit 1672 im Hauptaltar der erwähnten Kirche. Im Zelebrationsaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche befinden sich die Gebeine von Bruder Klaus. Beim alten Kirchturm findet sich in der Grabkapelle seine erste Grabstätte.
 
Und als ich vom Parkplatz neben der Dorfplatz über eine Treppe zur Bäckerei „Stein“ mit Café herunterstieg, stand Bruder Klaus in Lebensgrösse am unteren Treppenende, wie immer mit einem Anflug von Bulimie. Ich erlaubte mir, ihm mein Kompliment für seine Weitsicht auszusprechen, das er ungerührt entgegennahm. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Sachseln als das geistige und spirituelle Zentrum der Schweiz genannt wird.
 
Viel Steine gab’s
Der Name Sachseln stammt von der Verkleinerungsform des spätromanischen Worts „saxum“ (= Fels, Stein, Felsgestein), weshalb der obere Dorfteil Steinen heisst. Sachseln wurde auf dem Geschiebe des ehemals ungebändigten Dorfbachs erbaut.
 
Nach dem Besuch der Mitte der Schweiz auf der Alp Älggi, die auch in der Gemeinde Sachseln liegt, war ich dabei, die in der gleichen Gemeinde gelegene Mitte von Obwalden aufzusuchen, von der mir der Älpler Werner von Moos, ein Sachsler Urgestein, erzählt hatte. Im Oberdorf (Steinen) findet man die Strassentafel Gloterstrasse. Die asphaltierte, gut ausgebaute Strasse führt in mehreren Serpentinen hinauf zum Schwandenwald und endet bei Punkt 857. Die Auffahrt kam mir etwas lange vor, und so fragte ich unterwegs eine jüngere, mollige Bäuerin wie aus Milch und Honig und zum Anbeissen schön, die an jenem 01.08.2011 mit einem grossen Heurechen die dürren Halme zu Walmen zusammenzog, während ihr Mann an steilen Stellen das dürre Gras mit einem Heubläser das Fliegen lehrte, ob ich denn da noch auf dem rechten Weg zur Kantonsmitte sei. „Ja, ja“, antwortete sie, „Sie müssen einfach bis an den Waldrand fahren – ich war zwar selber noch nie dort oben.“
 
Die Kantonsmitte Obwalden
Das zeigte, wie unbekannt die Obwaldner Kantonsmitte selbst bei Einheimischen ist; nach meinen Feststellungen gibt es im Dorf nicht einmal einen Wegweiser dorthin. Ich war also gewissermassen einer Rarität auf der Spur. Oben, im Gebiet Gloters, verläuft die Strasse dem Waldrand entlang und holt dann zu einer Linkskurve aus. Ende des Wegs. Dort ist viel Platz, und ein quadratisches Plastikzelt stand gleich neben dem dekorativ angerosteten Eisenständer mit der ausgestanzten Inschrift „Mittelpunkt Obwalden“.
 
Aus einer Schrifttafel erfährt man, dass dieser Punkt im Rahmen der amtlichen Vermessung (AV93) des Kantons Obwalden bestimmt worden ist (Koordinaten: 661 442/189 581). Neben den 16 423 Parzellen auf den rund 490 Quadratkilometern Fläche des Kantons Obwalden wurden auch alle Gebäude, Strassen, Gewässer, Wälder, Weiden, Felsgebiete und Gletscher digital erfasst und aufbereitet (www.gis-ow.ch). Am 16.10.2009 brachte man das Vermessungswerk durch das Setzen eines Meilensteins in Form der beschrifteten Eisenwand zum Abschluss.
 
Der Ausblick von der Obwaldner Kantonsmitte ist gewaltig – es ist schon fast verdächtig, dass die Mitte ausgerechnet an einem so herrlichen Aussichtspunkt liegen kann, wobei ich diese schöne Landschaft allerdings schon bei der Fahrt Richtung Arnigrat, hinter dem sich das Melchtal anschliesst, gebührend bewundern konnte. Vielleicht hat der Halbkanton Obwalden ja nichts anderes als Aussichtspunkte.
 
Das dominante Landschaftsereignis ist auf 469 Höhenmetern, also 358 Meter tiefer unten, der Sarnersee, welcher am Nordostufer sein Ende bei Kirchhofen und Sarnen findet. Näher liegt, wie es sich gehört, Sachseln, ein ehemaliges Bauerndorf (das kann man eigentlich überall schreiben), das sich dann massvoll industrialisierte. Der bekannte Schweizer Dichter Heinrich Federer verbrachte seine Jugendjahre von 1870‒1888 in Sachseln. Und alles ist von einer angenehmen Hügel- und Berglandschaft unter dem flaumigen Blau des Innerschweizer Himmels eingerahmt, wo die Erfolgsgeschichte Schweiz ihren Anfang nahm.
 
Die Schweiz ist noch immer eine Baustelle. Die heutigen Politiker mögen bitte in Klaus von Flües Gedankenwelt Einblick nehmen, bevor sie darüber entscheiden, ob sie sich noch intensiver mit „fremden Herrschaften“ verbünden sollen, neue Ungewitter heraufbeschwörend. Die Globalisierung hat bereits genügend Unheil angerichtet. Es sind viele Kläuse am Ruder, leider nicht mehr aber der Bruder Klaus.
 
Anhang
Grundsätze für die Eidgenossen
Nach verschiedenen Überlieferungen gab Niklaus von der Flüe den „Eydgnossen“ schon 1481 beherzigenswerte Ratschläge, die 530 Jahre später noch nicht überholt sind – eine Art von Bundesverfassung:
 
1. Liebe Eidgenossen, lasset es nicht zu, das Uneinigkeit, Neid, Hass, Missgunst und Parteilichkeit unter euch aufkommen und wachsen. Sonst ist euer Ding und Regiment aus.

2. Macht den Hag oder Zaun der Eidgenossenschaft nicht zu weit, damit ihr um so besser in Ruhe und Frieden eure sauer erworbene Freiheit besitzen und geniessen könnt.

3. Belastet euch nicht mit fremden Angelegenheiten und verbündet euch nicht mit fremden Herrschaften.

4. Verkauft nicht euer Vaterland um Miete (Sold) und Gaben und hütet euch vor eignem, unredlichem Nutzen.

5. Beschirmt euer Vaterland und bleibet dabei. Nehmt auch fremde Schwärmer und Banditen nicht als Bürger und Landsleute an.

6. Ohne hochwichtige Ursachen sollt ihr niemand feindlich und mit Gewalt überfallen. Wenn man euch aber unterdrücken will, dann streitet tapfer für eure Freiheit und euer Vaterland.

7. Vor allen Dingen aber, habt Gott vor Augen und haltet mit Fleiss seine Gebote.

8. Den Priestern erweist die gebürliche Ehre und befolgt ihre Lehren, auch wenn sie nicht unsträfflich oder vorbildlich leben. Denn so wie ein frisches Brunnenwasser seinen natürlichen Geschmack nicht verändert, gleichgültig ob es durch goldene, kupferne oder bleierne Rören fliesst; so empfangt ihr durch böse und gute Priester einerlei, die gleiche Gnad Gottes, sofern ihr euch würdig dazu bereit macht.

9. Schliesslich, seid beständig im Glauben und in der Religion der Alten: Denn es wird sich nach meinem Tod ein grosser Auffruhr und Zwiespalt erheben in der heiligen Christenheit. Hütet euch dann, liebe Kinder, dass ihr durch Neuerungen und Listigkeiten nicht betrogen werdet. Haltet euch zusammen. Bleibet auf dem Weg und in den Fussstapfen unserer frommen Vorfahren. Behaltet und bestätigt es, was sie uns gelehrt haben. Alsdann mag euch weder Anstoss noch Sturmwind und Ungewitter schaden, die doch gar stark noch gehen werden.
 
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