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BLOG vom 21.08.2011


Golf, Weisswürste, Auto-Raritäten und eine Melker-Mahlzeit
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Die „Hongkong Swiss Golfmafia“ veranstaltet einmal im Jahr ein Golfturnier. Die Teilnehmer sind ehemalige Handelsvertreter der Schweiz, die ihr Domizil in Hongkong hatten und in Asien ihre Firmengeschäfte tätigten. In diesem Jahr wurde im „Golf-Hotel Hebelhof“ in Hertingen (Ortsteil von Bad Bellingen, Markgräflerland) vom 08.08. bis 12.08.2011 logiert. Auf 4 Plätzen wurde dann das Golfturnier ausgetragen, so in Hombourg (Elsass), Quellenhof des „Drei Thermen Golfs“ in Hertingen und auf dem Golfplatz „Kapellenberg“, Bad Bellingen. Die Golfwoche wurde von Alex Hirt exzellent organisiert.
 
Als ich hörte, dass Rolf P. Hess mit von der Partie ist und Hertingen nur ca. 30 km von Schopfheim entfernt liegt, meldete ich mich für eine Reise ins Automobilmuseum und zur „Ferme-Auberge du Molkenrain“ an. Die Busreise wurde am „Ruhetag“ der Golfer durchgeführt. Rolf, den ich nur von E-Mails her kenne und immer wieder als Korrektor unserer Blogs in Erscheinung tritt, wollte ich unbedingt einmal persönlich kennenlernen. Er schlug vor, ich solle doch schon am Vormittag anreisen. Das tat ich dann auch.
 
Im Hotel traf ich dann Rolf im Computer- bzw. Internetraum an. Dort hantierte er mit Elan auf seinem Laptop, später mit dem iPad. Es war eine herzliche Begrüssung. Rolf ist ein weltoffener, freundlicher Mensch, mit dem man sich ausgezeichnet unterhalten kann. Er ist ein technisch versierter Computerfreak, wie man so schön sagt. Als noch weitere Golfer dazu kamen, zeigte er die Möglichkeiten auf, die heute mit den technischen Computergeräten möglich sind. Das Erstaunen, auch bei mir, war sehr gross. So mancher trug sich danach mit dem Gedanken, ein iPad anzuschaffen.
 
Dann fotografierte Rolf mit Hilfe des iPad-Apps „Photo Booth“ unsere Gesichter, verzerrte diese und zeigte sie uns. Da war die Verblüffung gross, und manch einer konnte sein Gesicht mit der dicken Nase oder verzerrten Mund bzw. Kinnpartie nicht mehr erkennen. Es waren zum Teil fürchterlich komische Bilder.
 
Wie zieht man die Haut ab?
Danach wurde ich den Golfern auf der Hotelterrasse durch Rolf vorgestellt. Da bemerkte ich gleich, dass sich hier eine lustige und nette Gesellschaft versammelt hatte. Die 22 Golfer warteten geduldig auf das Weisswurstessen mit Bretzel und Bier. Um 11.45 Uhr wurden diese bayerischen Köstlichkeiten serviert. Da langten alle kräftig zu.
 
Nun, ich machte mich etwas nützlich und zeigte einigen Teilnehmern, wie man eine Weisswurst isst. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich bevorzuge diese Methode: Ich schneide immer eine Wurst in der Mitte durch, dann wird die Haut längs aufgeschnitten und mit Messer und Gabel sanft abgezogen. Das klappte bei den Nichtgeübten vorzüglich. Genussvoll wurden dann die Würste verzehrt. Da noch einige Weisswürste übrig waren, wurden diese von einer Kellnerin den noch Hungrigen angeboten. Sie betonte, man könne eine Weisswurst nicht wieder aufwärmen, da sie sonst platzt. „Die kann man sie niemandem mehr anbieten“, bemerkte sie. Wir erbarmten uns und futterten drauflos. Viele Bretzeln wurden dann auch noch zusätzlich konsumiert oder mit auf die Reise genommen.
 
Grossartige und seltene Autos
Um 13 Uhr fuhren wir mit dem Bus der Firma Will von Hertingen zum Automobilmuseum (Cité de l`Automobile – Musée national Collection Schlumpf) nach Mulhouse (Elsass). Das Museum wurde nach einer Modernisierung und Neugestaltung am 07.07.2006 wieder eröffnet. Es gelang den Machern, die Sammlung wirkungsvoll zu präsentieren.
 
Die grosse Halle mit den Automobilen hat eine Fläche mit 17 000 m2. In dieser Halle war 1880 eine Spinnerei untergebracht. Die Gebrüder Hans und Fritz Schlumpf gründeten 1935 eine Aktiengesellschaft für Wollverarbeitung. 5 Jahre später wurde der damals 34-jährige Fritz Chef der Spinnerei in Malmerspach. Fritz entwickelte eine grosse Autoleidenschaft. Er sammelte Autos, die er in der Mulhouser Spinnerei unterstellte. In seiner Zeit kaufte er fast 400 Einzelstücke auf. Heute beherbergt das Museum 500 legendäre Automobile, darunter 30 Exemplare, die nur einmal auf der Welt existieren und 60 äusserst seltene.
 
Nachdem die Textilindustrie in den 1970er-Jahren in Turbulenzen geriet, verkauften die Gebrüder Schlumpf Fabriken. Die Arbeiter in Malmerspach wurden entlassen. Es kam zu einem Arbeitskampf. Hans und Fritz Schlumpf flüchteten in die Schweiz. Als die Gewerkschaftler in die Halle in Mulhouse eindrangen, entdeckten sie die Autos. 2 Jahre blieb die Halle besetzt. Danach kam es zu einer Einigung. Das „Arbeitermuseum“, wie es genannt wurde, kam dann in den Besitz eines Trägervereins. 1982 wurde die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
 
Bevor wir in die grosse Halle eintraten, konnten wir noch in einer Ausstellung die Kühlerfiguren betrachten. In den 20er-Jahren waren Tausende von solchen Figuren in Gebrauch. Die von Künstlern entworfenen Figuren wurden in Bronze (für Luxuskarossen) oder Metall (für gängige Autos) gegossen. Die hier gezeigten Kühlerfiguren eines französischen Sammlers hatten nur Tiere zum Gegenstand. Eine Figur einer bissig und finster dreinblickenden Bulldogge vom Typ Bullenbeisser fiel mir besonders auf.
 
Meisterwerke des Automobils
Dann traten wir in die grosse Halle der ehemaligen Wollspinnerei mit den Hunderten von Oldtimern und den extravaganten Strassenlaternen ein. Hier konnten die Besucher die Automobilgeschichte von 1878 bis heute studieren. Beeindruckend waren jedoch die Luxuskarossen im abgetrennten Raum „Meisterwerke des Automobils“. Autos von Bugatti (das Museum hat die grösste Bugattisammlung der Welt), Panhard & Levassor, Peugeot, Mercedes, Hispano Suiza, Rolls Royce verblüfften die Besucher. Die Autos waren in einem exzellenten Zustand. Viele der Autos wurden in der eigenen Werkstatt renoviert.
 
Die Bugatti-Limousine Type 41 „Royale“ von 1933 war mit einem Seil und einer besonderen Einrichtung gesichert. Der Wagen mit 8 Zylindern und einem Hubraum von 12 763 cm3 konnte auf 180 km/h beschleunigen. Der 2900 kg schwere Bugatti für Könige hatte jedoch nicht den erhofften Erfolg, es wurden nur 6 Exemplare gefertigt. Das im Museum ausgestellte Fahrzeug war früher der Privatwagen von Ettore Bugatti. Dieser Wagen und andere Raritäten gehörten zu den teuersten Autos der Welt. Zahlreiche Fürsten, Staatsführer und Schauspieler fuhren diese Wagen. Ich war besonders überrascht von der Grösse dieser Autos und der damit zu erzielenden Höchstgeschwindigkeit.
 
Weitere Besonderheiten: Das Mercedes Benz Cabriolet 540 K von 1938 (170 km/h, 8 Zylinder, 5401 cm3) war mit einem Kompressor ausgestattet. Der Fahrer musste dieses System mit Vorsicht handhaben, da durch eine unsachgemässe Bedienung der Wagen mit einem Ruck nach vorne geschleudert wurde.
 
Die ältesten Fahrzeuge, die hier zu sehen sind, waren der Benz Viktoria von 1893 und der Jacquot von 1878.
 
Kanonenfahrzeug und der Trabant
In der grossen Halle sah ich ein merkwürdiges dreirädriges Auto. Es war der „Scott Type Tricar“ von 1923; er wurde als Kanonenfahrzeug bezeichnet. Von diesem Zweisitzer Kabriolett wurden nur 5 Stück gefertigt. Der Engländer Scott hatte dieses Fahrzeug für den Transport von Kanonen gebaut, es konnte jedoch auch für private Zwecke genutzt werden.
 
Der eigens für Frauen konzipierte Kleinwagen, der „Tricycle“ von 1898, der es auf eine Spitzengeschwindigkeit von 35 km/h brachte (er hatte einen ungefederten Rahmen), sah aus wie ein dreirädriges Fahrrad), dann den „Trabant“ mit 2 Zylinder und 595 cm3. Die Karosserie wurde mit Duroplast hergestellt. Es bestand aus einem Baumwollvlies, das zwischen 2 Schichten aus Phenolharz eingebettet war. In so einem Vehikel fuhr ich während einer Wanderwoche im Erzgebirge nach der Wende mit. Wir sassen zu Dritt im Auto (damals kutschierte uns die Wirtin, bei der wir übernachteten, zum Bus-Treffpunkt). Die Enge im Auto und die Schaukelei waren gewöhnungsbedürftig.
 
In einer weiteren abgetrennten Halle waren die Oldtimer der Rennfahrzeuge ausgestellt. Und es gab noch viel mehr zu sehen, wie etwa Autos für Kinder, die den grossen Modellen perfekt nachgebaut waren. Es gibt einen Saal „Automobilherstellung“, einen „Espace Course“ (man hört und sieht hier einen Rennfahrer beim Start) und Animationen für Schulkinder. Es ist sogar an einem Modell erlaubt, einen Motor mit einer Kurbel anzulassen. An einem weiteren Auto, das an einer Vorrichtung hing, konnten Unerschrockene Platz nehmen und an einigen Überschlägen teilnehmen. Etwas bleich stieg dann ein Pärchen, das ich genauer in Augenschein nahm, nach der Vorführung aus dem Auto.
 
Übrigens gibt es einen Audio-Führer mit 180 interessanten Kommentaren, der am Eingang kostenlos ausgehändigt wird.
 
Wegen der Kürze der Zeit – wir hatte nur ca. 2 Stunden zur Verfügung – war eine intensive Betrachtung der Oldtimer nicht immer möglich. Aber wir sahen genug. Es war ein unglaublich interessanter Einblick in die Geschichte des Automobils.
 
Ferme Auberge du Molkenrain
Nach dem eindrücklichen Besuch im Automobilmuseum fuhren wir in die Vogesen zur „Ferme Auberge du Molkenrain“ (www.ferme-molkenrain.com). Auf 1040 m Höhe bot sich uns eine traumhafte Kulisse. In der Ferne sahen wir die Schwarzwaldberge und die Stadt Freiburg i. Br., dann davor die weite Elsässische Ebene, das Atomkraftwerk Fessenheim und das weisse Kreuz auf dem Hartmannswillerkopf. Der strategisch wichtige Berg wurde zwischen Deutschen und Franzosen im Ersten Weltkrieg erbittert umkämpft. An manchen Tagen sollen 2000 Soldaten gefallen sein. Insgesamt verloren hier in dem brutalen Krieg 30 000 Soldaten ihr Leben. Zwischen Molkenrain (Bergkuppe 1125 m  ü. M.) und dem Hartmannswillerkopf befindet sich eine Gedenkstätte, bestehend aus einem französischen Nationalfriedhof und einer Krypta mit katholischem, evangelischem und jüdischem Altar. Auf dem Molkenrain wurden einige Szenen aus dem Film „Jules und Jim“ von Francois Truffaut gedreht (1962). (http://de.wikipedia/wiki/Hartmannswillerkopf).
 
Der Hartmannswillerkopf (Hartmannsweilerkopf) wird als der „Berg des Todes“ oder als „Männerfresser“ bezeichnet (Vieil Armand). Zum 100. Gedenktag (2015) werden eine deutsch-französische Erinnerungsstätte und ein Museum entstehen. Jährlich kommen 250 000 Besucher, davon 60 % Deutsche, an diesen ehemaligen Kampfplatz. Ich finde es gut, wenn solche Mahnmale die wahnsinnigen und unsinnigen Weltkriegskämpfe in Erinnerung rufen.
 
Die Gedanken um die Gefallenen verflogen dann, als wir in der Ferme Auberge du Mokenrain, die ich schon von einer früheren Wanderung her kannte, eintraten. Sehr rustikal ist die Einrichtung, von der Decke in einer Ecke des Gastraumes hing eine grosse Kuhglocke herab (ein Golfer liess es sich nicht nehmen, mit dem Klöppel zu bimmeln. Das hätte in einem anderen Lokal eine Lokalrunde bedeutet). An den holzgetäfelten Wänden waren Lampen, ein Holzherz, Bilder und eine Speisekarte aus Schiefer angebracht.
 
Dann wurden die Speisen und Getränke serviert. Die Melkermahlzeit bestand aus einer vorzüglich schmeckenden Fleischpastete mit Salatgarnierung, dann folgte geräuchertes Schweinefleisch mit Beilagen. Wer da noch nicht genug hatte, konnte sich an Münsterkäse laben. Die Nachspeise bestand wahlweise aus Heidelbeerkuchen mit Sahne und Vanille-Heidelbeer-Eis.
 
Und was tranken die Golfer? Entweder „Hirsch-Bier“ oder einen „Pinot Noir“.
 
Die Ferme Auberge du Molkenrain wird übrigens von Muriel und Claude Pfanwadel betrieben. Der freundliche und gut Deutsch sprechende Wirt gab mir dann bereitwillig einige Auskünfte über die Gegend und seiner Wirtschaft. Bald werden auch auf seiner Homepage die Infos in Deutsch zu lesen sein.
 
Im 2. Teil erfahren Sie Geschichten, die Mitglieder der „Hongkong Swiss Golfmafia“ erlebten. Da gab es einiges zum Schmunzeln.
 
Internet
 
Literatur
Monnier, Bruno (Culturespaces): „Die grossartigsten Autos des Jahrhunderts“, Editions BELLES TERRES, 2007.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über ein Automuseum
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