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BLOG vom 21.04.2012


Versuch eines Rückblicks: „The Seventies“ in London
 
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Rückblicke aus der jüngeren Vergangenheit werden vorzugsweise in Jahrzehnte gebündelt. Ich war damals zwischen 30 bis 40 Jahre alt und lebte schon etliche Jahre in London. Was ist mir aus den 1970er-Jahren als typisch haften geblieben? Meine Antwort auf den 1. Anhieb: Eigentlich herzlich wenig! Ich war damals beruflich stark eingebunden. Aber langsam schleichen sich gewisse Erinnerungen stichwortartig ein:
 
Ich sprang immer wieder aufs Trittbrett der roten Doppeldeckerbusse – in Eile, unterwegs zum Arbeitsort.
 
Jedes Zugabteil des Pendelzugs zwischen Wimbledon und Croydon hatte Türen, die sich nur mit tief geschobenem Fenster öffnen liessen und die man zum Schliessen „schletzen“ (kräftig zuschlagen) musste.
 
Flüge waren noch mit einem gewissen Komfort verbunden, ohne Rauchverbot.
 
Nach der letzten Tagesvorstellung im Kino standen die Leute auf, während die Nationalhymne „God save the Queen“ gespielt wurde. Ich folgte diesem Brauch eher widerwillig.
 
Ich trug breitkrempige Hosen, Rollkragenpullover. Das Haar wuchs zipfelförmig bis weit unter die Ohrmuscheln und recht weit über den Kragen hinweg.
 
Die Leute waren höflicher als heute.
 
Die Kaufhäuser und Läden waren noch altmodisch eingerichtet und die Werbung weniger aufdringlich. Die Einzelhandelsketten waren erst am Entstehen.
 
Längere Perioden von Elektrizitätspannen mitten im Winter, Streiks der öffentlichen Verkehrsmittel und deswegen arg verspätete Heimkehr von der Arbeit.
 
Tee war noch das Nationalgetränk; heute ist es vorwiegend der Kaffee.
 
Convenience Food war weitgehend unbekannt, ausser in Konserven wie „baked beans“ und „Heinz 57 varieties“. Die Hausfrau wusch und schälte die Kartoffeln und Rüben noch selber.
 
Das Telefon war einzig zum Telefonieren da. Ich hatte damals keinen PC, geschweige denn einen Internet-Anschluss.
 
Grösstenteils habe ich die Popmusik der Beatles, Rolling Stones mitsamt ABBA verpasst. Meine Vorliebe, ausserhalb meiner bevorzugten klassischen Musik, galt den Chansonniers, worunter Edith Piaf (Chansons aus den 50er-Jahren), Charles Aznavour und Jacques Brel.
 
Pubs, unterteilt in „Public“- und „Saloon“-Abteile, suchte ich nach meiner Heirat selten auf; aber noch immer verlockt mich der „Chelsea Potter“ zu einem Glas „Stout“ (statt „Lager“).
 
Ich konnte der eher faden englischen Kost dank der indischen oder chinesischen Küche entrinnen. In den 70er-Jahren begann der Siegeszug der exotischen Spezialitäten in England.
 
Über Discos und Partys könnte ich mich allenfalls nur als Junggeselle äussern.
Als Leseratte schätzte ich George Orwell, F. Scott Fitzgerald, D. H. Lawrence, um nur einige damaligen meiner Favoriten zu nennen. 
*
Zugegeben, das sind magere Erinnerungsfragmente meinerseits. Welche Erinnerungen fallen der Textatelier.com-Leserschaft als typisch für die 70er-Jahre ein?
 
Am Montag, 16.04.2012, begann im BBC Two eine Fernsehserie über „The decade that we loathe to hate“, wie sich der englische Historiker Dominic Sandbrook über das allgemein verpönte Jahrzehnt äusserte. Seiner Meinung nach verdient es heute eine Neueinschätzung. Das mag mir helfen, Erinnerungslücken zu stopfen.
 
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