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BLOG vom 29.04.2012


Der Panther: Weisse Tiger im Safaripark mit Rilke-Anklang
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit Bangalore/Indien
 
Nur 22 km südlich von Bangalore und damit gut geeignet für einen Tagesausflug, denn der Bus fährt aus der Stadtmitte direkt zum Eingang, liegt der Banerghatta-Nationalpark. In ihm gibt es einen Zoo und einen Safaripark.
 
Indische Zoos haben nicht immer einen guten Ruf; von einigen wird gesagt, dass es an der tiergerechten Haltung mangle, die Tierpflege nicht optimal und die Gehege nicht sauber seien.
 
Das kann ich vom Banerghatta-Zoo nicht sagen; er sieht so gepflegt aus wie die Zoos in Europa, jedenfalls in den Teilen, die ich gesehen habe. Vielleicht liegt es ja daran, dass dieser Zoo das System der Tierpatenschaften übernommen hat. Jeweils einige Einzelpersonen oder Firmen – die Namen sind an den Gehegen von Tafeln ablesbar – sponsern Tiere und sorgen damit auch dafür, dass es den Tieren gut geht. Im Zoo findet man u. a. seltene Krokodile, Leoparden, einen weissen Tiger und Schlangen. Die Schimpansen laufen frei herum und stehlen Essbares von den Besuchern. Der Zoo wird gern auch von Schulklassen als Biologieunterricht besucht.
 
Zoos kenne ich zur Genüge, deshalb war ein Kurzbesuch ausreichend.
 
Direkt nebenan findet man die Haltestelle der kleinen Busse, die in den Safaripark fahren. In den Bus passen etwa 25 Personen. Der Fahrer und der Beifahrer achten sehr darauf, dass Ausländer die vordersten Plätze belegen können (natürlich nicht ohne Hintergedanken, doch davon später).
 
Zuerst geht es durch gesicherte doppelte Tore, die von einem Torwächter per Hand geöffnet und geschlossen werden. Die ersten Tiere, die man zu Gesicht bekommt, sind verschiedene Hirscharten und Büffel. Es sind kleine Herden, die direkt neben der Strasse unter Bäumen grasen. Zwischen den Bäumen sieht man Affen. Ein grosser Braunbär geht um das Auto herum und legt dann die Vorderpfoten direkt an der Eingangstür auf die vergitterte Scheibe und schaut hinein. Er ist auf meiner Seite, und so kann ich ein hübsches Foto von den schwarzen langen Krallen machen. Nachdem sich Meister Petz getrollt hat, fährt der Wagen weiter und verlässt diesen Teil des Geländes wieder. Das Gebiet wird über eine Strasse, die einen Bogen macht, durchfahren, und bald schliesst sich das Tor wieder hinter dem Wagen.
 
Ein paar hundert Meter weiter das gleiche Verfahren, durch gesicherte Tore in ein weiteres Gebiet, bewachsen mit Bäumen und Gras. Ein Löwenpaar liegt gemütlich mitten auf dem Weg, als ob es die Besucher erwartet habe, und bewegt sich nur langsam und scheinbar widerwillig zur Grasseite hin. Wie eingeübt bleibt es stehen; man könnte sagen: um sich fotografieren zu lassen. Da sich die Tiere an der mir gegenüber liegenden Seite aufhalten, nimmt mir der Beifahrer die Kamera aus der Hand und schiesst sehr beeindruckende Fotos vom alten Löwen, der direkt in die Kamera blickt. Der Fahrer hat ein weisses Touristenpaar zu betreuen, das auch vordere Plätze zugewiesen bekommen hat, und bedient auch dessen Kamera.
 
Das Gelände ist übrigens ein wenig hügelig, und die Tiere hätten schon die Möglichkeit, sich im hohen Gras zu verstecken.
 
Das nächste Teilgebiet beherbergt Tiger, und zwar sowohl solche in den Farben, wie wir sie kennen, aber auch einen sogenannten weissen, der aber eher grau mit schwarzer Musterung ist. Er ist eine Züchtung. Ob er so auch in der freien Natur vorkommt, konnte ich nicht herausbekommen. Er sieht anders aus, aber bei Weitem nicht so attraktiv wie der Königstiger, der über die Strasse geht und sich in einem angelegten Teich ins Wasser legt, so dass die Hälfte seines Körpers und sein Kopf herausschauen und zwar wieder einmal genau in die Richtung des Wagens. Auch hier knipsen Fahrer und Beifahrer Bilder von diesem wunderschönen Tier. Der Tiger bleibt so lange in seinem nassen Element, bis der Bus weitergefahren ist.
 
Es soll auch ein Gelände mit Elefanten geben, von denen wir aber keinen sehen.
 
Nach knapp 2 Stunden verlassen wir das Safarigelände wieder. Natürlich ist der Park nicht mit einem der grossen z. B. in Afrika zu vergleichen, sondern mit einem Zoo in einem Wald- und Wiesengebiet, fein säuberlich getrennt nach Tierarten. Es sind nur solche Tiere in einem Gebiet, die sich auch vertragen.
 
Auf jeden Fall haben die Tiere mehr Bewegungsfreiheit als in den Gehegen und Käfigen im Zoo. Die Fütterung macht sie träge und eher gutmütig. Irgendwie ist alles zu glatt, zu planiert: Die Tiere zeigen sich wie auf einem Präsentierteller, verhalten sich also, als ob sie wüssten, was von ihnen erwartet wird. Der Wagen wartet ein wenig, bis die Szene nicht mehr spannend genug ist, die Fotos geschossen sind und fährt dann weiter.
 
Jedenfalls trifft die Beobachtung von Rainer Maria Rilke in dem bekannten Gedicht „Der Panther“ hier nicht zu, das mit den Zeilen beginnt: 
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
 
Na gut, fast nicht. Denn es gibt am Rand auch Käfige, wo Tiere untergebracht sind, die sich nicht mit den anderen verstehen, u. a. noch einen „weisser Tiger“. So nahe, nur durch eine vergitterte Autoscheibe von ihnen getrennt, bekommt man die beeindruckend herrlichen Tiere selten zu Gesicht. Die Wald- und Wiesenlandschaft wirkt mit ein wenig Phantasie auch so, als sei man wirklich in der Wildnis.
 
Fahrer und Beifahrer wollen die Bilder bewundern und freuen sich über die hervorragende Qualität, an der sie ja tatkräftig mitgewirkt haben. Ich gebe einem der beiden einen 100-Rupien-Schein, in Indien nicht wenig Geld (umgerechnet zirka 1,65 Euro, knapp 2 CHF). Der Eintritt hatte 250 Rupien für Zoo und Safaripark gekostet. Ich gebe ihm zu verstehen, er solle den Schein mit seinem Kollegen teilen, was dieser aber nur widerwillig akzeptiert.
 
Und so endet das Rilke Gedicht:
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf
‒ Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille

und hört im Herzen auf, zu sein.
 
Ich würde es anders sehen.
„... Dann geht ein Bild hinein,
und sein Instinkt sagt ihm: es ist wie immer –
und hört gelangweilt auf, zu sein.“
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
 
 
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