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BLOG vom 26.05.2012


Deutsche Sprache, schwere Sprache. Deutsch für Inder
Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Die indischen Studentinnen und Studenten im Anfängerkurs Deutsch als Fremdsprache fragten mich öfters nach Regeln, z. B. bei den Artikeln (der, die, das). Ein Komödiant mit türkischer Herkunft, Kaya Yanar, hat das Thema deutsche Grammatik und speziell das Problem der Artikel aufgegriffen und darüber einen Auftritt gemacht, der auch auf Youtube abrufbar ist: http://www.youtube.com/watch?v=gSV4q03kj2E.
 
Er beklagt darin die Unlogik der deutschen Sprache: „Ausländer macht das wahnsinnig!“. Er weist in diesem Zusammenhang auf die englische Sprache mit „the“ hin und hat eine Lösung parat: Diejenigen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist, könnten im Gespräch den Artikel einfach kürzen und immer nur „de“ benutzen, also beispielsweise beim Lernen von Körperteilen: „De Hand, de Finger, de Ohr, usw.“
 
Interessant ist die Zuschrift einer Engländerin als Kommentar zu dem Filmchen auf Youtube:
 
„haaaaa  ihr seid alle falsch, Deutsch hat 16 Artikel:
Nom: der / die / das / die (pluralisch)
Akk: den / die / das / die (pluralisch)
Gen: des / der / des / der
Dat : dem / der / dem / den“
Ich bin Engländerin und finde ,Fallsetzung’ richtig ekelhaft!!!!! Englisch hat nur ,the’, wenn nur alle Fremdsprachen dieselben wären!“ loradora454.
 
(Schreibfehler wurden korrigiert.) Die Zuschrift zeigt schon einige Kenntnisse der deutschen Grammatik!
 
Ein Zitat, das immer wieder gern benutzt wird, stammt von Mark Twain: „Wer niemals Deutsch gelernt hat, kann sich keine Vorstellung machen, wie verzwickt diese Sprache ist. Es gibt sicher keine andere Sprache, die so unordentlich und unsystematisch daherkommt und sich daher jedem Zugriff entzieht.“
 
Der hier veröffentlichte Text stammt aus dem Band „Unterwegs und daheim“, eine Sammlung humoristischer Schriften und Reiseberichte, die 1905 im Verlag von Robert Lutz erschienen ist. Das vollständige Manuskript finden Sie im Internet beim Projekt Gutenberg.
 
Dabei konnte Mark Twain hervorragend Deutsch, was er durch seine deutschsprachigen Arbeiten bewiesen hat. Deshalb war der letzte Nebensatz dieses Zitates sicher nicht so gemeint, gleich ganz auf das Lernen des Deutschen zu verzichten, beginnt das Zitat doch damit, dass man bereits Deutsch gelernt haben muss, um zu diesem Schluss zu kommen!
 
Im Buch von Mark Twain „Bummel durch Europa“, eine interessante Reisebeschreibung, lässt er sich über die deutsche Sprache aus, wie u. a. auch am 21.11.1897 vor dem Presse-Club-Wien in seiner Rede „Die Schrecken der deutschen Sprache“, die er auf Deutsch gehalten hat.
 
Es gibt natürlich Regeln nicht nur für die Artikel in der deutschen Sprache. Sie lassen sich im Internet vielfältig abrufen, http://www.wer-weiss-was.de/theme143/article2093092.html. Da hat sich jemand die Mühe gemacht, sie zusammenzustellen.
 
Eine weitere interessante Website, die sich mit Regeln beschäftigt, hat Norbert Tholen veröffentlicht: http://norberto42.kulando.de/post/2006/04/12/regeln_der_deutschen_sprache.
 
Immer wieder wird diskutiert, ob die deutsche Sprache schwieriger zu erlernen sei als andere Sprachen. Wie so oft, es kommt darauf an, welche Muttersprache man spricht, ob man bereits Erfahrung mit dem Erlernen einer Fremdsprache hat, wie viel Energie und Zeit darin investiert wird, ob man die Sprache anwenden kann, usw.
 
Die Studenten in Indien, die sich für Deutschkurse interessieren, sprechen fast ausnahmslos alle neben ihrer Muttersprache und Englisch weitere Sprachen. Indien ist ein Land mit über 100 Sprachfamilien, die hauptsächlich den indoarischen und dravidischen Sprachen zugeordnet werden können. Da die Studentinnen und Studenten meistens nicht aus Karnataka kommen, dem Bundesland mit der Hauptstadt Bangalore, in dem die Landessprache Kannada heisst, sondern aus vielen anderen Ländern und Städten Indiens, ist es für sie zwingend, mehrere Sprachen zu lernen.
 
Es heisst, Mehrsprachigkeit ist eine gute Grundlage, um eine weitere Sprache zu lernen:
Vorteile der Mehrsprachigkeit aus entwicklungspsychologischer Sicht
- Kinder bis 4 Jahre haben optimale Voraussetzungen für das Erlernen von zwei oder mehr Sprachen.
- Kinder, die vor dem 11. Lebensjahr zwei Sprachen lernen, bauen ein neuronales Netzwerk auf, in welches sie eine 3. Sprache integrieren können. Wird die 2. Sprache erst nach dem 11. Lebensjahr erlernt, muss ein eigenes Netzwerk gebaut werden – dies ist schwieriger.
- Positiv wirkt sich ein früher Beginn der Mehrsprachigkeit auch auf die Fähigkeit aus, die Grammatik zu erlernen.
- Mehrsprachigen gelingt es besser, die Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge gleichzeitig zu richten und bestimmte Hirnaktivitäten zu unterdrücken (vgl. de Bleser 2006 zit. nach Gombos, Georg 2008). Mehrsprachigkeit zwischen Bildungschance und Bildungsrisiko.
(Quelle: Erziehung und Unterricht. Österreichische Pädagogische Zeitschrift, 158, 10–19).
 
Für mich war es natürlich interessant zu hören, warum die Inder auch noch Deutsch lernen wollten. Die meisten hatten ganz pragmatische Gründe, die etwas mit ihrem Beruf bzw. ihrem Berufswunsch zu tun hatten, bei dem Deutschkenntnisse die Chancen erhöhen würden. Die jüngste Teilnehmerin hatte sogar das Ziel, Schriftstellerin zu werden. Einige hatten Deutschland bereist oder hier gewohnt, bzw. wollten in Deutschland studieren oder arbeiten. Deutsch lernen, nur weil man Sprachen mag und die Herausforderung, sie zu lernen? Auch das kam vor!
 
Gute Voraussetzungen! Wenn man sich nämlich die Forschungsergebnisse zur Gehirnforschung in Zusammenhang mit dem Sprachenlernen ansieht, so spielt das „Limbische System“ im Grosshirn die Rolle der Motivationsmotors. Wenn ihm „vermittelt“ wird, das habe alles keinen Sinn, kann es das Gelernte auch nicht ins Ultrakurzzeitgedächtnis weiterbefördern (siehe Arbeiten von Prof. Dr. Marion Grein, Gutenberg-Universität Mainz).
 
Eine Sprache zu lernen, umfasst 4 Bereiche: das Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen. Viele Lerner der deutschen Sprache werden nach Jahren des Lernens nicht alle Bereiche gleichermassen beherrschen, was natürlich auch damit zusammenhängt, wann, wie und wie oft die Sprache eingesetzt wird.
 
Dennoch war ich immer wieder überrascht, zu welch sprachlichen Leistungen die Lernenden in Indien fähig sind, oft ohne jeweils in einem deutschsprachigen Land gewesen zu sein.
 
Mit den Studentinnen und Studenten des fortgeschrittenen Bereichs „C 2“ (Ich werde noch ein Blog über den Europäischen Referenzrahmen schreiben, aus dem diese Bezeichnung kommt) habe ich zur Prüfungsvorbereitung unter anderem einen Roman lesen müssen.
 
Wenn Sie einen Roman in einer Sprache lesen, die nicht ihre Muttersprache ist und die sie auch nicht regelmässig sprechen, wissen Sie, wie schwierig es ist, nicht nur die Zusammenhänge, sondern auch die Feinheiten im Buch zu verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um die Aufarbeitung einer Vater-Tochter-Beziehung, wobei der Vater aus einer deutschsprachigen Enklave in Polen kam und sich nach der Besetzung durch die Nazis eine Karriere versprochen hatte, also ein Roman, bei dem es zum Verständnis erforderlich war, historische Hintergründe der Kriegs- und Nachkriegszeit ebenso zu behandeln wie psychologische, u. a. (Dagmar Leupold: Nach den Kriegen – Roman eines Lebens; München, dtv., 2006). Umso erstaunter war ich, als einige der Studentinnen sogar eine fundierte Kritik am Aufbau und Inhalt des Romans äusserten.
 
Übrigens: „de“ statt des richtigen Artikels benutzt niemand von ihnen!
 
Keine Fremdsprache lernt man leicht, es sei denn in ganz jungen Jahren. Jeder sollte mindestens eine lernen!
 
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