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BLOG vom 22.08.2012


Breivik und der Atomausstieg: Die verlorenen Proportionen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die Medien sind immer auf Themen aus, die sich zur Skandalisierung eignen; doch müssen diese ganz einfach strukturiert und sogar für Fernsehschaffende verständlich sein. Seit dem 21.08.2012 stehen gerade die Schweizer Nationalwurst Cervelat und ihre Keime in der Schusslinie. Tenor: Wenn in der Cervelat Fäkalbakterien stecken ...
 
Das Musterbeispiel an Aufbauschung ist der Fall Anders Breivik aus Norwegen, der am 22.07.2011 auf der Insel Utøya ein Massaker und in Oslo einen Bombenanschlag verübte, wobei 77 Menschen starben. Das zweifellos tragische, schwere Verbrechen wurde in den vergangenen Tagen rund um die Uhr von allen Medien nach Strich und Faden ausgeschlachtet, zumal es auch betroffenheitsjournalistisch ergiebig ist.
 
Nachdem ein Kommissionsbericht der norwegischen Polizei schwere Versäumnisse vorgeworfen hatte, bestand Anlass genug, es wieder aufzuwärmen und am Kochen zu halten. Nach alledem muss das friedliebende Norwegen jetzt wohl in einen Polizeistaat umgebaut werden. Unter der gigantischen internationalen, mainstreammedialen Skandalentfesselung, die weit über die grundsätzliche Bedeutung der kriminellen Tat eines einzelnen Irren hinaus geht, wurde auch noch der Polizeichef zu einem (Bauern-)Opfer, nachdem die Empörung der Massen ununterbrochen weiter aufgeheizt woren war; er musste zurücktreten. Dabei ging unter bzw. es wurde ausgeblendet, dass Norwegen ausserordentlich tiefe Kriminalitätsraten aufweist und es im Normalfall kaum Gewaltkriminalität gibt. Dass sich die Polizei unter derart erstrebenswerten Zuständen nicht nach amerikanischem Muster zu einer schwer bewaffneten, kriegsbereiten Eingreiftruppe hochentwickeln musste, spricht für das Land und seine anständigen Bürger. Selbstredend sind Amokläufe und Gewaltverbrechen nirgends auszuschliessen – im Rahmen der über alle Kanäle und virtuellen Instrumente verbreiteten Mord- und Totschlagskultur immer weniger.
 
Selbst die Polizei konnte es nicht fassen, dass in Norwegen so etwas passieren konnte. Nach dem Massaker verhielten sich das Land und seine Behörden korrekt, und es hat in meinen Augen noch an Ansehen gewonnen.
 
Energiepolitische Komplexitäten
Komplexere Themen eignen sich für eine mediale Aufbereitung und Pflege als Evergreen weniger: etwa die Folgen des Ausstiegs aus der Kernenergie, wie er über Bundesrätin Doris Leuthard zur Absicherung ihrer Wiederwahl in den Bundesrat im Anschluss an Fukushima im März 2011 als unüberlegter Schnellschuss verordnet wurde. Die Begeisterung, medial praktisch einhellig aufgewiegelt und zum Dauerbrenner erklärt, war ungeheuer, selbst an Regentagen, wenn die alternative Sonne nicht schien und kein Lüftchen Windräder zum Rotieren veranlasste. Inzwischen sind einige wenige haarsträubende Folgen des Ausstiegsszenarios ans Licht gekommen, soweit es nicht gelang, sie totzuschweigen. Mit gewissen Lecks muss immer wieder gerechnet werden.
 
Nur für eine ganz kurze, wenn möglich nicht zu wiederholende Meldung taugte die am 09.08.2012 verbreitete Stellungnahme der Vertreter der Akademien der Wissenschaften Schweiz, die auf die Folgen der „riesigen Herausforderung“ aufmerksam machten, welche beim Abschied von der Kernenergie auf die Schweiz zukommen werden. In ihrem Bericht (ebenfalls eine Art Untersuchungsbericht) zur „Zukunft Stromversorgung Schweiz“ forderten die Wissenschaftler die Erarbeitung eines „Gesellschaftsvertrags“ – ähnlich wie dies beim Aufbau der Altersvorsorge, beim nationalen Finanzausgleich oder bei der Realisierung grosser Bahnprojekte der Fall gewesen ist. (Wenn alle Folgen auf den Tisch kämen, würde der Alternativenergietraum in sich zusammenbrechen, sich als alter-naiv erweisen.)
 
Die Experten warnten davor, nur auf eine einzige Lösung zu setzen. Alle Optionen sollten ihrer Ansicht nach aufrechterhalten und die Nuklearforschung auf jeden Fall weitergeführt werden. Zudem sei ein klar vorgegebener Weg nicht vorhanden, stellten sie fest. Dies betreffe nicht nur die technologische Seite des Umbaus, sondern auch die gesellschaftliche. Damit der Umbau der Stromversorgung in Richtung der erneuerbaren Energien gelingen könne, brauche es eine „experimentelle Gesellschaft, die sich auf die Suche machen müsse“. So zitierte die „NZZ“ Heinz Gutscher, den Präsidenten der Akademien der Wissenschaften Schweiz (einige Angaben über die Medienorientierung der Akademiker sind ebenfalls der „NZZ“ entnommen).
 
Die oft etwas zweideutig-schwammige Stellungnahme, in der die Erneuerbaren recht gut wegkommen, wurde abgegeben, als von der deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gerade vor den verhängnisvollen Auswirkungen von Biosprit und Biogas gewarnt wurde und ein schon von George W. Bush gehätschelter Energiemythos einstürzte. Sie empfahl, den Ausbau der Bioenergie zu stoppen. Die Schnapsidee, Deutschland könne im Jahr 2050 fast ein Viertel seines Energiebedarfs aus einheimischen Pflanzen decken, so wie es die Szenarien der Bundesregierung vorsehen, empfinden die Forscher als geradezu irrwitzig. Die Bioenergie beeinträchtigt und verteuert die weltweite Ernährung. Für die ärmsten der Bewohner armer Länder kann das tödlich sein.
 
Die Stellungnahme der Schweizer Akademiker ist verhältnismässig moderat ausgefallen, da es in diesem erlauchten Kreis auch links-grüne Wissenschaftler gibt, die zu ganz andersartigen Erkenntnissen gelangen. Diese müssen in solchen Berichten berücksichtigt werden, vor allem durch abgeschwächte Stellungnahmen. Fazit: Die Wissenschaflter seien nicht einig. Dies war die wesentliche Verlautbarung, die zu hören und zu lesen war, auf dass man sich gleich weniger komplexen Aktualitäten zuwenden konnte, die sich besser für 15-Zeilen-Meldungen eignen. Es dürfte wohl kein Thema geben, bei dem die Mitglieder der Akademien der Naturwissenschaften (SCNAT), der Technischen Wissenschaften (SATW), der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und der Medizin (SAMW) zu übereinstimmenden Ansicht kommen werden, zu unterschiedlich sind Blickwinkel und Interessenlagen. Infolgedessen wären alle ihre Verlautbarungen unnütz, obsolet, wenn immer es an Einstimmigkeit fehlt.
 
Im Gegensatz zum Bundesrat, der sich in einen Argumentationsnotstand verrannt hat, lehnen die Akademien immerhin den Bau fossiler Kraftwerke – solche sind ein anderer Irrwitz – ab; denn selbst die Politik musste allmählich einsehen, dass der Totalausfall der Atomenergie auf diese umweltschädigende Weise kompensiert werden müsste. Um den Umstieg auf erneuerbare Energien – die Akademien setzen grosse Hoffnungen in die Photovoltaik – zu schaffen, müssten gemäss den Wissenschaftlern verschiedenste Faktoren berücksichtigt werden. So wären ein Netzausbau und eine Steigerung der Stromspeicherkapazitäten dringend notwendig; man stelle sich bitte vor, was das für den Landschaftsschutz bedeutet! Eine Antwort wurde gleich mitgeliefert: Der zurzeit umstrittene Ausbau des Grimsel-Stausees sei sinnvoll, sagte Eduard Kiener, der vormalige Direktor des Bundesamts für Energie. Die Kosten für den Netz- und Speicherausbau werden auf 12 bis 42 Milliarden Franken veranschlagt. Das bedeutet, wie dem beizufügen ist, enorme Kostensteigerungen bei der Elektrizität und damit eine Schwächung der Konkurrenzfähigkeit der Industrie.
 
Die Akademien fordern zudem eine weitere Liberalisierung des Strommarkts; alle Konsumenten sollten den Stromlieferanten frei wählen können und nicht nur die Grosskunden. Zur Liberalisierung gehöre, dass die Strompreise die wirklichen Kosten wiedergäben (eine schöne Umschreibung für wesentlich höhere Preise). Finanzielle Anreize sollten nur dann zum Zuge kommen, wenn die Marktkräfte nicht genügten, um die Ziele zu erreichen, hiess es im Weiteren. Die Akademiker erachten ein Stromabkommen mit der EU als notwendig – aber es ist bereits heftig umstritten. Das heisst im Klartext eine zunehmende Auslandabhängigkeit = weitere Aufgabe der Selbständigkeit. In Bezug auf Anbindungen an die EU schiesst der Bundesrat ohnehin über alle Ziele hinaus, vorne- und hintenherum. So inszeniert die Schweiz ihren nationalen Super-Gau, indem sie sich dem Ausland unterwirft – nach der Vorreiterrolle von Eveline Widmer-Schlumpf, welche konsequent die EU- statt die Schweizer-Interessen vertritt.
 
An dieser Stelle geht es nicht um einen Kommentar zur verfahrenen Energie- und Aussenpolitik der Schweiz, sondern es soll bloss dargelegt werden, wie verzerrend und verhängnisvoll die mediale und damit die gesellschaftliche Wahrnehmung der wirklichen, der entscheidenden Probleme ist: Breivik füllt die Spalten wochenlang, atomare Ausstiegsszenarien waren ein nicht minder beliebter Knochen, der bis aufs Mark abgenagt wurde. Doch sobald es um die unangenehmen Folgen der energetischen Medienhypes geht, fällt der Vorhang. Hinter ihn dürfen die Medienkonsumenten nicht schauen. In der Folge wird nur häppchenweise bekannt gegeben, was sich mit dem besten Willen nicht mehr verstecken lässt. Beim Automausstiegsgag wird dies ganz offensichtlich. Ausstiegsgegner werden unter dem Deckel gehalten – auch weil sie mit ihren starken Argumenten die hereingefallenen und instrumentalisierten Medien blamieren würden.
 
Inzwischen wendet sich der Enthüllungsjournalismus neuen Inszenierungen zu, die Aufmerksamkeit, Auflage und Quote versprechen. Ein guter Teil der politischen Irritationen und schwerwiegenden Fehlleistungen sind genau auf die kanalisierte Empörungskultur mit ihren entgleisten Verhältnismässigkeiten zurückzuführen.
 
Doch auch dieses äusserst komplexe Thema eignet sich nicht für tiefschürfende Diskussionen auf höherem Niveau und üppig bebilderte Kurzmeldungen.
 
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