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BLOG vom 25.10.2012


Keltische Münzen: Verschwundener Kopf und Pfahlbaugeld
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 16.10.2012 folgte ich einer Einladung meines früheren Klassenkameraden Günther Lang zu einer Ausstellung über keltische Münzen ins „Markgräfler Museum Müllheim“. Günther ist Mitglied des Arbeitskreises Archäologie und steuerte die meisten Münzen aus seiner Sammlung bei. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler und hat ein profundes Wissen über alle Fachgebiete seiner umfangreichen Sammlungen. Er sammelt alte Münzen, historische Kinderbücher, religiöse Volkskunst und ansonsten alles, was alt ist und ihm gefällt. „Dazu gehört aber auch eine intensive Beschäftigung im Rahmen des Archäologenvereins mit dem Museum in Müllheim“, wie Günther betonte.
 
Was mich überraschte war die Tatsache, dass er – als Münzensammler ... – keinerlei Honorar für seine Ausstellungen verlangt.
 
Das Museum mit einer Ausstellungsfläche von 1500 m2 ist übrigens im frühklassizistischen Blankenhorn-Palais untergebracht. Es ist das wichtigste Regionalmuseum zwischen Freiburg i. Br., Mulhouse und dem Grossraum Basel/Lörrach. Das Museum, das in der reizvollen Altstadt liegt, ist in meinen Augen auch eines der Schönsten.
 
Wer waren die Kelten?
Am Eingang zur rechten Hand im Foyer waren Bronzeringe, sogenanntes „Pfahlbaugeld“ (Protogeld der Bronzezeit/Frühen Hallstattzeit, 1. Hälfte 1. Jahrhundert v. u. Z.) und eine Infotafel über die Kelten zu sehen. Hier kurze Auszüge:
 
Die Kelten siedelten sich zwischen Ungarn, Oberitalien, der Schweiz, den deutschen Mittelgebirgen, der französischen Atlantikküste und den Pyrenäen an. Ab dem 4. Jahrhundert v. u. Z. begannen Wanderbewegungen nach Spanien, England und Anatolien. Die „keltische“ Kultur wird in der Archäologie als Hallstatt (mittlere und späte Phase: 650−475 v. u. Z.) und Laténe (475−50 v. u. Z.) bezeichnet. Ihre indogermanische Sprache hat im Bretonischen, Walisischen, Irischen und Schottisch-Gälischen überlebt.
 
Die Kelten betrieben Ackerbau und Viehzucht. Es gab Dorfgemeinschaften und später auch städteähnliche Ansiedlungen. Sie trieben Handel, prägten Münzen und stellten Schmuck her. Als Getränke beliebt waren Bier, Met und Wein. Die Kelten erwarben sich hervorragende Kenntnisse in der Eisenbearbeitung und Schwertherstellung. Sie verstanden es leider nicht, eine Nation zu bilden. Die Volksstämme waren heillos zerstritten; sie fielen sogar übereinander her. Kein Wunder, dass Caesar im Jahre 52 v. u. Z. in Alesia leichtes Spiel hatte. Er schlug mit seinen Legionen die Kelten mit ihrem Anführer Vercingetorix vernichtend. Caesar hatte unter seiner Streitmacht auch keltische Hilfstruppen. Die keltischen Stämme wurden dann ins Römische Reich eingegliedert.
 
Der verschwundene Kopf
Im Foyer des Museums waren die Münzen in Glasvitrinen ausgestellt. Über diesen Vitrinen hingen Vergrösserungen der Münzen an der Wand. Die Präsentation ist sehr gelungen und übersichtlich dargestellt.
 
Die Münzen wurden von den keltischen Stämmen etwa ab dem 3. Jahrhundert v. u. Z. aus Silber, Bronze, Gold, mit Kupfer versetztem Gold und einer speziellen Bronzelegierung (dem stark zinnhaltigen Potin) hergestellt.
 
„Mit Ausnahme des gegossenen Potingeldes wurden für die Prägung Metallstempel geschnitten und die Münzen geschlagen“, erklärte mir Günther Lang während der Führung.
 
Die keltischen Münzen sind Nachprägungen griechischer, karthagischer und römischer Nominale. So wurden beispielsweise aus einem griechischen Original (Tetradrachme, Philipp II. von Makedonien; Vorderseite: Zeuskopf mit Lorbeerkranz, Rückseite: Reiter mit Zweig; Silber) keltische Kopien angefertigt. Durch das laufende Nachprägen erfolgte zunächst eine gute Kopie aus Silber. Dann gab es den Zeuskopf, vergröbert mit bleihaltigem Silber, später folgten der Zeuskopf mit Kugelbacke (Bronze mit Silberüberzug), der Zeuskopfe mit Punktauge, und bei der letzten Prägung aus Silber war der Zeuskopf fast unkenntlich.
 
Gezeigt wurden auch Nachprägungen der griechischen Tetradrachmen von Thasos (150 bis 100 v. u. Z., Vorderseite: Kopf des Dionysos, Rückseite: Herakles mit Keule und Löwenfell, Silber). Auch hier wurden die Nachprägungen immer weniger präzise. Aus einer guten Kopie mit einem verkleinerten Kopf wurde ein Kopf in gröberer Darstellung, dann erblickte man auf einer Münze einen Kopf mit dicker Backe, später war der Kopf in Gegenrichtung, weitgehend abstrahiert, und die letzte Prägung war ein völlig abstrahierter „Kopf“ in Gegenrichtung. Die veränderten Münzen waren als Zahlungsmittel in Gebrauch. Wichtig waren die Güte des Edelmetalls der Münzen und ihr Gewicht.
 
Zu sehen war auch eine gefälschte Münze (Rückseite: Herakles mit Pseudoschrift, Bronze mit Silberüberzug). Die Fälscher verstanden es schon damals, Münzen zu fälschen. So wurden Münzen aus Bronze mit Silber- oder Goldüberzug produziert. Fälschungen konnte man durch Prüfeinhiebe und eventuell am abweichenden Gewicht erkennen.
 
Regenbogenschüsselchen
Diese seltsam geformten Münzen waren mir völlig unbekannt, obwohl diese in Massen gefunden wurden. So entdeckte man im Rheinland schüsselförmig gewölbte Münzen, die  „Regenbogenschüsselchen“ genannt werden. Wie entstand der Name? Nun, die Bauern glaubten früher, sie seien vom Himmel gefallen. Sie entdeckten nämlich die Münzen nach Regenfällen in den Ackerfurchen.
 
Wie in dem Buch „Das geheime Wissen der Kelten“ von Lancelot Lengyel berichtet wird, gab es immer wieder grosse Funde von keltischen Münzen. So wurden beispielsweise auf der Insel Jersey 12 000 Exemplare gefunden. Es wird vermutet, dass diese aus einer Kriegskasse stammten. Sie wurde dann von den flüchtenden römischen Legionen vergessen. Insgesamt sollen sich etwa 100 000 solcher Münzen in diversen Museen und in Sammlerhänden befinden.
 
Im Bereich des Ober- und Hochrheins wurden keltische Münzen gefunden, so in Kirchzarten (Tarodunum), Riegel, Ehrenkirchen, Breisach-Hochstetten, Badenweiler, Fischingen, St. Louis, Basel (Münsterhügel und Gasfabrik), Altenburg im Kreis Waldshut, Dannemarie, Kembs und Sierentz. In den letzten Jahrzehnten wurden grosse Funde von keltischen Goldmünzen in Bayern (z. B. Hohenfels, Manching) gemacht. Der jüngste Fund von 293 keltischen Quinaren stammt aus Füllinsdorf bei Liestal BL. Es ist wohl der jüngste grösste Fund von antiken Silbermünzen in der Schweiz.
 
„Weiterhin sind viele Fragen offen, und die Entwicklung des keltischen Münzwesens unserer Heimat ist sicherlich noch lange nicht endgültig erforscht. Die Geschichte des keltischen Geldes ist sowohl Heimat-, als auch Wirtschafts- und Sozialkunde. Deshalb sind auch einzelne Münzfunde von grosser Bedeutung und müssen zur wissenschaftlichen Bearbeitung gemeldet werden“, sagte Günther Lang.
 
Blick ins Museum
Nach diesem interessanten Blick in die Welt der keltischen Münzen gingen wir noch kurz durch die übrigen Ausstellungsräume des Museums. Im Erdgeschoss sind die abwechslungsreiche Geologie und wichtige Funde der Region von Ur- und Frühgeschichte über die Römerzeit bis ins Mittelalter eindrücklich dargestellt. Aber nicht nur das: In einigen Vitrinen sind steinzeitliche Funde (Faustkeile, Speerspitzen, usw.), die teilweise von Günther Lang stammen, zu sehen. Im 1. Obergeschoss befindet sich eine Galerie zur Kunst am südlichen Oberrhein mit Werken der klassischen Moderne und namhafter zeitgenössischer Künstler. Zurzeit sind Bilder von Werner Dietz zu sehen.
 
Besonders interessant fand ich die Ausstellung „Geschichte des Markgräflerlandes“ im 2. Obergeschoss. Als Freund des Fotografierens sah ich mir die dort ausgestellten grossen Fotoapparate näher an. Zunächst betrachtete ich die grosse Atelierkamera aus Mahagoniholz (um 1900). Die Kamera wurde mit der Eröffnung des Fotoateliers Hartmann (seit 1914 Glaubrecht) in Müllheim eingesetzt. Mit ihr wurden hauptsächlich Portrait- und Gruppenaufnahmen hergestellt. Die mit einem Weichzeichner-Portrait-Objektiv der Firma Sutter aus Basel ausgestattete Kamera blieb bis 1955 in Benutzung.
 
Hinter dieser Kamera befand sich eine kleinere mobile Reise- und Atelier-Kamera mit Tischchen (um 1900). Die Kamera mit dem Bildformat 18 × 24 cm stammte ebenfalls aus dem erwähnten Fotoatelier. Mit ihr konnten Studio-, Landschafts- und Ortsaufnahmen gemacht werden.
 
Dann ging es in den historischen Weinkeller. Leider konnte ich aus Zeitgründen die einzelnen Gegenstände nicht genauer betrachten. Was ich jedoch sah, war schon beeindruckend genug. Präsentiert werden Weinkeltern, grosse Weinfässer und historische Weinbaugerätschaften. Infotafeln geben Auskunft über die Weinherstellung und Rebsorten. So führte 1780 Markgraf Carl Friedrich von Baden (1728‒1811) aus der Schweiz den Gutedel ein. Von einer Reise nach Vevey am Genfer See brachte er Gutedeltrauben ins Markgräflerland und befahl den Anbau. Die Schweizer nennen den Gutedel Chasselas oder Fendant. 34 % der Rebfläche sind heute dem Gutedel vorbehalten. Der Gutedel ist der Lieblingswein meiner Wanderfreunde und auch von mir.
 
Anschliessend zeigte mir Günther Lang noch seine Ausstellung „Unzerreissbare Bilderbücher“ in der „Mediathek“. In einer Vitrine hat der Sammler hier eine grossartige Präsentation über die Bilderbücher aus vergangener Zeit geschaffen. Zwischen den teilweise aufgeschlagenen Seiten der farbigen Bilderbücher wurden davor alte Spielzeugfiguren aufgestellt. Ich kann mir vorstellen, dass die Organisation, das Heraussuchen und das Aufstellen in Vitrinen viel Zeit erfordert. Deshalb gilt unser Dank den Machern von diesen und anderen Sonderausstellungen.
 
Anhang
Arbeitskreis Archäologie
Der Museumsverein ist einer der beiden Träger des Markgräfler Museums Müllheim. In ihm beschäftigen sich mehrere Arbeitskreise mit verschiedenen geschichtlichen und kulturellen Themen der Region. Die Mitglieder beobachten archäologische Fundstellen, gestalten Ausstellungen im Museum gemeinsam mit der Museumsleitung und stellen Funde und Kenntnisse dem Museum zur Verfügung. Jeden 1. Mittwoch im Monat findet um 17 Uhr ein Treffen im Museum statt. Interessenten sind jederzeit willkommen.
 
Sprecher des Arbeitskreises ist Friedhelm Groeteke.
Tel.: 07631-798209, E-Mail: friedhelm@groeteke.eu
 
Literatur
Lengyel, Lancelot: „Das geheime Wissen der Kelten“, Verlag Hermann Bauer, Freiburg 1995.
Lang, Günther (Text), Albrecht, Gerd (Fotos): „Keltische Münzen“, Flyer, Markgräfler Museum, Müllheim 2012.
 
Markgräfler Museum
Wilhelmstrasse 7/Am Marktplatz
79379 Müllheim (Baden)
 
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 14:00 bis 18:00 Uhr, Eintritt: 2 Euro, Kinder, Schüler, Studenten, Schulklassen und Kindergärten: Eintritt frei.
 
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