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BLOG vom 10.07.2014


Hans-Ulrich Wehler: Geschichtsschreibung-Themengeber
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU
 
 
Hans-Ulrich Wehler, geboren am 11. September 1931 in Freudenberg bei Siegen D, aufgewachsen in Gummersbach, wo er mit dem nachmaligen Jahrhundertphilosophen Jürgen Habermas Abitur machte, verstorben in Bielefeld am 5. Juli 2014, war über viele Jahre Deutschlands einflussreichster Themengeber der Geschichtsschreibung und Geschichtsbewertung. In Sachen methodischer Anregungen und neuer Fragestellungen kann er für die Geschichtswissenschaft seines Landes als wegweisend gelten. Er ist einerseits geprägt durch einen längeren, durch Lehrtätigkeit in Stanford, Harvard und Princeton profilierten Amerika-Aufenthalt, andererseits begründete er die sogenannte Bielefelder Schule einer sozialwissenschaftlich betrachteten Geschichte.
 
Den Diskurs beflügelte seine Imperialismus-Theorie, welche Wehler auch für die Hintergründe des 1. Weltkrieges ins Feld führte. Danach hatte der Imperialismus weniger die Funktion der Ausbeutung oder Entwicklung der Kolonien, später 3. Welt genannt, als eine innenpolitische Bedeutung für die Stabilisierung der Herrschaft von Eliten, deren Zeit im Grunde abgelaufen war. Diese These hatte er vom früh verstorbenen marxistischen Historiker Eckart Kehr (1902–1933) übernommen. Ein weiterer methodischer Ansatz des Geschichtstheoretikers Wehler ist das Spannungsfeld der Modernisierung. Die geschichtlichen Strukturen, die bei ihm über die längste Zeit seines Schaffens stärker im Vordergrund standen als die Personencharakterisierungen in der Tradition von Leopold von Ranke und Heinrich Treitschke, sind durch revolutionäre Modernisierungsschübe ebenso gekennzeichnet wie durch Modernisierungsdefizite, welche einen oft massgeblichen Einfluss auf historische Machtverschiebungen gewinnen können.
 
Auf dieser Grundlage schrieb Wehler sein 4500-Seiten-Hauptwerk „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, welches auf der genannten methodischen Grundlage oftmals Forschungen anderer zusammenfasst. Die fünf Bände gehören zu den Publikationen, von denen „jeder gehört“ hat, aber wenige haben sie zu Ende gelesen. Im Prinzip waren Wehlers Ansätze nicht neu. In Sachen Wirtschaftsgeschichte hatte etwa der Schweizer Hektor Ammann im Detail nicht minder Eindrucksvolles publiziert, wenngleich mehr über ältere Epochen; in Sachen volkskundlichem und sozialem Ansatz wartete Will-Erich Peuckert u. a. mit einer Sozialgeschichte des deutschen Proletariates auf.
 
Oft zitiert bleibt Wehler für die Theorie des Nationalismus, ein Thema, das u. a. der Schweizer Historiker Urs Altermatt aufgegriffen hat. Bei der Darstellung des Nationalsozialismus, wo Wehler wenig mit eigener Quellenforschung aufwarten kann, gilt er als Spezialist zur Geschichte von dessen Beurteilung. Die Einleitung zu seinem 2009 erschienenen Buch über den Nationalsozialismus enthält eine Zusammenfassung der Diskussion über die faschismustheoretische, totalitarismustheoretische und auf das Charisma Adolf Hitlers bezogene Methodik der Hauptrichtungen der Darstellung dieser nach wie vor von „Konsensobjektivität“ geleiteten Thematik. Bei Wehler bleibt wenig nachzulesen, das nicht schon der 2013 verstorbene Schweizer Historiker Walther Hofer gewusst hätte. Der Berner Meister lehrte schon vor 65 Jahren in Berlin, setzte sich noch mit Hörern auseinander, die unmittelbare Zeitzeugen waren.
 
Im Zusammenhang mit dem Historikerstreit von 1985/86 geht es um die für das deutsche intellektuelle Leben wichtige Glaubensfrage der Einmaligkeit der nationalsozialistischen Verbrechen, was schon seit Reinhold Schneider und Theodor W. Adorno als im Prinzip religiöses Problem gesehen wurde und in Deutschland auch mit der Zeit den Charakter einer – im Sinne Jean-Jacques Rousseaus – Zivilreligion angenommen hat. Wehlers Gegner in dieser Debatte, Ernst Nolte, ist noch am Leben. Noltes These, den Nationalsozialismus hauptsächlich als Bestandteil des europäischen Bürgerkrieges um Sozialismus und Kommunismus zu sehen, ist nicht unverfänglich und wurde als Entlastungsstrategie denunziert.
 
Dabei ist die Darstellung Noltes nicht mehr oder nicht weniger ideologisch als etwa Wehlers Imperialismus-Theorie als Erklärungsmodell für das deutsche Verhalten im 1. Weltkrieg. Die Frage ist immer, was man mit einer Theorie erklären will. Theorien erklären einiges, aber nie alles, und selbstverständlich hat jede Theorie die Eigenschaft, für Anklagen oder für Rechtfertigungen verwendet werden zu können, wozu sie zur Ideologie wird. Dies gilt für Nolte genauso wie für die „Holocaust“-Ideologie, die begriffsgeschichtlich mit einer amerikanischen Fernsehserie zusammenhängt und für wissenschaftliche Erörterungen wenig taugt. An den bedeutendsten und scheusslichsten Massenverbrechen und Massenmorden des 20. Jahrhunderts, ob sie nun in Osteuropa, Deutschland, Armenien, Russland, China, Afrika oder sonstwo stattgefunden haben, gibt es weder etwas zu relativieren noch zu verkleinern, ausser dass die Proportionen angemessen zu setzen sind und das Problem des Gebrauchs und Missbrauchs jeglicher Darstellung für Propagandazwecke zu reflektieren ist. Übrig bleiben am Ende Geschichten von Einzelfällen, weil die Wirklichkeit der Geschichte als Systemindividualisierung immer wieder im Einzelfall stattfindet und nur auf diese Weise erforscht werden kann. Mit anderen Worten: Es führt am Ende kein Weg am Erzählen von Geschichten vorbei. Wehler hat dies in seiner letzten Darstellung des Nationalsozialismus (2009), in der die Lebensgeschichte und das Charisma von Hitler plötzlich wieder sehr viel erklären müssen, selber auch wieder realisiert. Die grossen Hitler-Biographien waren indes längst geschrieben.
 
Insofern Spezialisten für Geschichtsbewertung unnötig sind, ist jeder einzelne Quellenforscher mit einer einmalig guten Darstellung einer eingegrenzten Thematik am Ende für die Geschichte der Geschichtsschreibung bedeutender als ein noch so angesehener Vermittler einer Gesamtschau. Dies schliesst jedoch nicht aus, dass Hans-Ulrich Wehler für die letzten Jahrzehnte einer der wichtigsten deutschen Hochschuldidaktiker für Geschichte geworden ist. In Sachen Gesamtdarstellungen ist Wehler nicht zu Unrecht mit dem ihm in vielen Fragen nicht gleichgesinnten Thomas Nipperdey (1927–1992) verglichen worden.
 
Der späte Hans-Ulrich Wehler hat sich als historisch gebildeter Zeitkritiker oftmals mutig bis tollkühn zwischen alle Stühle gesetzt. Sich bei zeitgeschichtlichen Auseinandersetzungen bis zurück auf die Türkenkriege des 17. Jahrhunderts zu berufen, konnte er sich wohl nur als Vertreter einer angeblich linken, regelmässig „deutschkritischen“ Geschichtsschreibung leisten. Der TAZ gegenüber bekannte der 71-Jährige: „Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem. Es gibt ein Türkenproblem. Diese muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar. Man soll sich nicht freiwillig Sprengstoff ins Land holen“ (10.09.2002). Thilo Sarrazin, dessen historische Kenntnisse es mit denjenigen von Wehler nicht aufnehmen, hat Ähnliches auf noch provozierendere Weise gesagt und geschrieben.
 
Desgleichen äusserte sich Wehler teilweise radikal globalisierungskritisch. Dass sich im Vergleich zu Zeiten der Aristokratie der Unterschied zwischen reich und arm nicht ausreichend verändert habe, gab ihm als Historiker zu denken. In den letzten Jahren fiel Wehler durch scharfe Äusserungen betreffend die internationale Bankenkrise auf. In seinem Buch „Die neue Umverteilung“ warnte er vor dem Grössenwahn einer Wirtschaftswelt, in der oft bloss noch mit Geldprodukten gehandelt wird. Hier schrieb er in der aufgeregten Art des kürzlich verstorbenen Frank Schirrmacher. Von schwindelerregenden Managergehältern am einen Ende der sozialen Stufenleiter – wachsender Kinderarmut und Hartz-IV-Tristesse am anderen Ende, ist bei ihm die Rede.
 
Hans-Ulrich Wehler, einer der renommiertesten deutschen Sozialhistoriker, habe es etwas genauer wissen wollen, gibt die Buchwerbung bekannt: „Wer kommt hierzulande nach oben, wer bleibt in der Regel stecken? Wie viel Vermögen haben wie viele? Wer wird gut versorgt, wenn er krank wird, wer ist schlecht dran? Wer heiratet wen? Wer wohnt wie? Verschärft sich die soziale Ungleichheit im Alter? Wie steht es um die Bildungschancen und die Rolle von Geschlecht, Herkunft, Religion, um das Verhältnis von West und Ost?“
 
Nach Klaus Harpprecht hätte dieses Buch einen „Aufschrei“ zu Folge haben müssen. Davon konnte keine Rede sein. Damit machte jener Publizist aber nur klar, wie geringfügig heute das Gewicht und der öffentliche Einfluss eines Geschichtsprofessors noch sind.
 
Obwohl sich Wehler noch vor 30 Jahren gegen eine deutsche Wiedervereinigung als ein Ding faktischer historischer Unmöglichkeit verwahrte, liess er nachträglich an der DDR kaum mehr ein gutes Haar. Als Historiker der Bundesrepublik wies er andererseits nach, dass Konrad Adenauer weder ein konservativer Politiker gewesen sei noch dass die 68er irgendetwas wirklich Neues, nicht einmal in sexueller Hinsicht, in die deutsche Gesellschaftsgeschichte eingebracht hätten. Insgesamt kommen bei Wehler die fünfziger Jahre, also die Epoche Adenauers, im historischen Rückblick als eine der fruchtbarsten Zeiten der deutschen Geschichte erstaunlich gut weg. Dabei gehörte er gemäss einem Gespräch mit Roger Köppel mit zu denen, die noch vor wenigen Jahren Hoffnungen auf Barack Obama setzten. Am Brüsseler Zentralismus übte er Kritik, gehörte aber trotzdem zu den bedingungslosen Verteidigern der Europäischen Union, die für ihn mithin zur Sinngeberin der deutschen Geschichte wurde.
 
Je länger sich Wehler aber in die Tagespolitik einliess, desto weniger gelang es ihm, ein grosser Historiker etwa in der Art von Jacob Burckhardt oder Fernand Braudel zu werden. Dass Wehler 2014 zum Nachfolger von Elfriede Jelinek, Peter Sloterdijk und Kurt Flasch als Lessing-Preisträger erkoren wurde, ist trotzdem eine verdiente Ehrung und machte deutlich, in welche Liga des deutschen Geisteslebens der Gegenwart der verstorbene Gelehrte gehört. Kurt Flasch als einer der besten Kenner von Meister Eckhart und Verfasser einer bedeutenden Autobiographie, in welcher er als Katholik seinen Unglauben eingesteht, gehört seinerseits zu den wissenschaftlich begabtesten deutschen Zeitgenossen. Flasch hat aber, im Gegensatz zu Wehler und Nipperdey, keine schnell veraltenden Gesamtdarstellungen verbrochen.
 
Hans-Ulrich Wehler war ein kenntnisreicher Historiker, dem die Vollendung als grosser Schriftsteller vorenthalten blieb. Von seinen sozialhistorischen Ansätzen her zog es ihn zur Publizistik. „Die neue Umverteilung“ erreichte, im Gegensatz zu den historischen Werken Wehlers (mit Ausnahme eines in 10. Auflage vorliegenden Lehrbuchs zum Thema Nationalismus), in kurzer Zeit vier Auflagen. Sein fünfbändiges Hauptwerk soll derzeit zu stark herabgesetzten Preisen verkauft werden, teilweise an Schulen verschenkt. Dass ein Gelehrter sich selber überlebt, ist heute schon fast eher die Regel als die Ausnahme. Für die Geschichte der Geschichtsschreibung und der Methodik der Geschichtswissenschaft wird Hans-Ulrich Wehler ein beachtlicher Name bleiben.
 
 
Hinweis auf weitere Biografien von Dr. phil. Pirmin Meier
21.08.2013: Thomas Wartmann & die Politik- und Wirtschaftsgeschichte
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