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BLOG vom 02.01.2011


Rheinufer-Rundweg Rheinfelden: KW als Palast der Winde
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Schaute man am 26.12.2010 vom schweizerischen Rheinfelden, etwa vom Flössländeweg östlich der Kuranlagen aus, über den wenig Wasser führenden Rhein, sah es so aus, als ob das alte, 1894 bis 1898 erbaute Wasserkraftwerk noch in der alten, majestätischen Ruhe längs zum Fluss dastehen würde. Das Pförtnerhaus und die Kraftwerkbrücke waren verschwunden. Nur ein aus Natursteinen gebauter, in den Flussrichtungen abgerundeter Pfeiler liess sich noch, von seiner Last befreit, vom Wasser umspülen.
 
Die „Interessengemeinschaft (IG) Pro Steg beider Rheinfelden“ hatte sich für die Erhaltung des völkerverbindenden Stegs aus engmaschigem, genietetem Thomasstahl (aus phosphorreichem Eisenerz), dem Eiffelturm ähnlich, für Fussgänger und Velofahrer eingesetzt – vergebens. Er ist jetzt noch Alteisen, ein wertvoller Rohstoff zwar, aber ohne weitere Funktion. Die EnergieDienst AG, das für den Bau des neuen Flusskraftwerks zuständige Unternehmen, verspürte vielleicht ein schlechtes Gewissen, was zu hoffen ist, und richtete für den völkerverbindenden, sonntäglichen Spaziergängerverkehr einen provisorischen Fussgängerweg über die Baubrücke mit Bauzaun beim neuen Kraftwerk und Stauwehr ein, der von 8 bis 18 Uhr begangen werden kann. Ein Provisorium und ein neuer Steg sind angekündigt.
 
Am Stephanstag 2010 war es eiskalt; die hervorgebrochene Sonne hatte keine Chance, die Lufttemperatur über den Gefrierpunkt hinaus zu heben. Der Weg oberhalb des Kurzentrums dem Rhein entlang war teilweise vereist. Vor dem Kraftwerk-Neubau inkl. dem rund 200 Meter langen Wehr aus armiertem Beton, die wie in gebückter Haltung quer im Flusswasser stehen, als ob sie auf Tauchgang wären, steigt der Weg in einem schmalen Wäldchen noch einmal stark an, um dann den Höhengewinn durch einen entsprechend steilen, in die Böschung gefügten Weg zum Kraftwerk gleich wieder preiszugeben. Dann befindet man sich sogleich auf einer betonorgiastischen Baustelle mit Schienenkran (Portalkran), Muldenkippern und all dem technischen Gerät, das frühere Handarbeiten ersetzt hat, etwa 130 Meter unterhalb des alten, 2007 abgebrochenen Stauwehrs.
 
Verschiedene Orientierungstafeln erläutern in Wort und Bild, was solch ein KW mit Ökologie zu tun hat: „Aufwertung des Naturraums“ durch Aufstiegs- und Laichgewässer für Wasserlebewesen wie Fischpässe mit dem Charakter eines Mittelgebirgsflusses an beiden Ufern, insgesamt ein strukturiertes Habitat mit Stromschnellen, Rinnen und Kiesinseln. Auch die geologisch attraktive Felsformation „Gwild“ im Flussbett, teilweise mit einer Eiskruste überzogen, war zu sehen. Auf einer Tafel sind die Baufortschritte seit 2003 visualisiert.
 
Die Umgebung besteht aus einem Industriezonen-Wirrwarr mit Fabriken, die etwas Rauch oder Dampf ausstossen, und farbig bemalten Riesensilos, damit sie nicht so schwerfällig wirken. Wohl kaum ein Mensch – und schon gar kein fachunkundiger Spaziergänger – kann erahnen, wofür diese industriellen Komplexe gut oder schlecht sind. Sie entstanden häufig zur Verwertung des lokal vorkommenden Salzes und gehören einfach zur Industriegesellschaft, die ohne sie einen anderen Namen annehmen müsste.
 
Folgt man auf der deutschen Seite dem Rheinuferweg vor den Industriebauten-Kulissen, erkennt man, beim alten Kraftwerk angekommen, mit Schaudern, wie heillos zerfetzt diese Anlage bereits ist. Hinterwand und Dach sind entfernt, nur die Fassade zum Rhein steht noch. Beim Blick von der Schweiz aus über den Rhein hat man also nur noch Fassadenarchitektur vor sich, einen Bestandteil einer Hülle, die Unversehrtheit vortäuscht. Auch in der Architektur sieht die Hauptfassade manchmal festlich aus, und dahinter sind Elemente, die man besser nicht zur Schau stellt.
 
Das alte Rheinfelder Kraftwerk erinnert an den Palast der Winde(Hawa Mahal) in Jaipur, Indien. Der 1799 von Maharaja Pratap Singh erbaute Palast besteht ausschliesslich aus einer kunstvollen, fünfstöckigen Fassade mit 953 Nischen und Fenstern. Diese auf die Fassade reduzierte Architektur diente den Damen des Hofs zur Beobachtung des städtischen Lebens. Die dünnen Mauern und deren viele Löcher rechtfertigen auch den Namen: Pfeif- und Windgeräusche entstehen, wenn sich die bewegte Luft einen Weg durch die schmalen Öffnungen sucht.
 
Die Fassade des ausgedienten Kraftwerks Rheinfelden (Baden) aus gelblichen, behauenen Steinen über dem Stampfbetonfundament wird ein kürzeres Leben als das indische Gegenstück haben. Der Rheinweg auf der deutschen Seite steigt hinter diesem ältesten Wasserkraftwerk Europas, das bisher bestand, an. Dadurch wird der Blick ins Innere der aufgerissenen Fassade frei. 20 Turbinensätze waren von Schnee bedeckt – etwas, das ihnen bisher in ihrer über 100-jährigen Geschichte noch nie passiert war. Armierungseisen und kahle Baumäste im Vordergrund verdüsterten das Bild der Zerstörung.
 
An der Hinterwand der Fassade hing noch eine Bahnhofuhr, die eines unschönen Tages um 8:22 Uhr stehen geblieben ist. Ihre Botschaft vom Stillstand der Zeit war eine ebensolche Täuschung wie die Fassadenkulisse. Hier läuft die Zeit – es kommt zu Ruinen, und nebenan blüht neues Leben auf. Vielleicht kann man gar nicht alles behalten, was einmal war, was nostalgisch ist, was man nicht mehr braucht. Und darüber, was man hätte behalten und was man schon längst hätte entsorgen sollen, darüber wird jede Zeit eine eigene Antwort finden.
 
Beim Weiterwandern kommt man bei der Dürrenbachmündung über eine geschwungene Brücke noch am vorspringenden Felsen vorbei. Dies ist der sagenumwobene „Höllhaken“, der lehrt, wohin man kommen kann, wenn man nicht die gebührende Vorsicht walten lässt. Schon die römischen Schiffsleute kannten diese gefährliche untere Stromschnelle und nannten sie „infima rapida“. Der anschliessende Erholungsraum und Rheinpark Adelberg gab bei der Abenddämmerung einen Blick auf die romantische, weiss dampfende Altstadt von Rheinfelden CH frei.
 
Und noch eine Sehenswürdigkeit säumt den Weg auf der deutschen Seite: ein Stück Mauerwerk einer Befestigungsanlage des Brückenkopfes, Ravelin genannt. Nach der Zerstörung der starken Burg auf dem Stein 1445 durch die Eidgenossen (gegen Österreich) und den Belagerungen und Schlachten der Schweden im 30-jährigen Krieg wurde am Ende des 17. Jahrhunderts beschlossen, die Brücke und auch die Insel neu zu befestigen. Das war zu Beginn der Eroberungskriege Ludwig XIV. gegen die Habsburger.
 
Nach dem gerade geschlossenen deutschen Zoll überschritt ich die Brücke und erreichte, wieder in der Schweiz zurück, die festlich beleuchtete Altstadt mit einem riesigen Tannenbaum mit roten Kugeln vor dem Rathaus. Die geschlossenen Verkaufsgeschäfte erholten sich vom vorangegangenen Rummel und viele Leute, Kind und Kegel, schlenderten auf vereisten, eindunkelnden Gassen, die demjenigen von Geschichte und Geschichten erzählen, der in sie hinein hört.
 
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